von Stefan Ripplinger
Wer in Deutschland aufwächst und unglücklicherweise für Literatur und Kunst empfänglich ist, muss verzweifeln. Von früh an werden ihm Goethe und Thomas Mann, Grass oder Martin Mosebach als bedeutende Schriftsteller vorgestellt. Wenn er sie aber liest, langweilt er sich entsetzlich und flüchtet sich in die Kunst, wo ihn hier Baselitz, da Tübke erwarten. Hinein in die Theorie, wähle zwischen Habermas und Luhmann. Er ist zum Alkoholismus verurteilt.
Es gibt aus dieser Misere nur einen Weg, ich finde ihn bei Witold Gombrowicz vorgezeichnet. Gombrowicz schrieb zum Missfallen seiner Landsleute, die polnische Literatur habe dies und das Schöne hervorgebracht, aber so wichtig sei sie nun wieder nicht. Dafür ist das Land zu klein.
Deutschland scheint größer zu sein als Polen, aber das täuscht. Einen Gombrowicz, einen Witkiewicz, einen Schulz hat es hier nie gegeben. Die Phantasie des Landes steckt im Maschinenbau. Was groß ist, erscheint den Deutschen klein, weil sie so weit ab vom Schuss sind. (Deshalb geben sie manchmal Schüsse ab). Aber beklagen sich die Luxemburger darüber, dass nicht die halbe Welt ihre Literatur lesen will? Stell dir vor, du bist ein Primatologe am Nordpol oder ein Skifahrer in Ägypten, und alle Unbill fällt von dir ab. Es ist, als ob du hier nur wohntest und ganz woanders lebtest.
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