Stefan Ripplinger:Goldene Lebensregel
9. November 2008, 13.15 Uhr:

Goldene Lebensregel

von Stefan Ripplinger

Wer in Deutschland aufwächst und unglücklicherweise für Literatur und Kunst empfänglich ist, muss verzweifeln. Von früh an werden ihm Goethe und Thomas Mann, Grass oder Martin Mosebach als bedeutende Schriftsteller vorgestellt. Wenn er sie aber liest, langweilt er sich entsetzlich und flüchtet sich in die Kunst, wo ihn hier Baselitz, da Tübke erwarten. Hinein in die Theorie, wähle zwischen Habermas und Luhmann. Er ist zum Alkoholismus verurteilt.

Es gibt aus dieser Misere nur einen Weg, ich finde ihn bei Witold Gombrowicz vorgezeichnet. Gombrowicz schrieb zum Missfallen seiner Landsleute, die polnische Literatur habe dies und das Schöne hervorgebracht, aber so wichtig sei sie nun wieder nicht. Dafür ist das Land zu klein.

Deutschland scheint größer zu sein als Polen, aber das täuscht. Einen Gombrowicz, einen Witkiewicz, einen Schulz hat es hier nie gegeben. Die Phantasie des Landes steckt im Maschinenbau. Was groß ist, erscheint den Deutschen klein, weil sie so weit ab vom Schuss sind. (Deshalb geben sie manchmal Schüsse ab). Aber beklagen sich die Luxemburger darüber, dass nicht die halbe Welt ihre Literatur lesen will? Stell dir vor, du bist ein Primatologe am Nordpol oder ein Skifahrer in Ägypten, und alle Unbill fällt von dir ab. Es ist, als ob du hier nur wohntest und ganz woanders lebtest.

Kommentare

lieber stefan ripplinger.

es stimmt schon: "die phantasie des landes steckt im maschinenbau." und im massenmord, möchte man hinzufügen, wenn's nicht alle, die's wissen wollen, bereits wüssten. grass und mosebach: kein kommentar. aber was ist am lieben, wackeren thomas mann so schrecklich? erklären sie's mir zu gegebener zeit, wenn sie die güte haben wollen. nun gut, er schrieb eine eher betuliche und dem ideellen gesamtdeutschen bildungsbürger angenehme ...hm... "leitzordnerliteratur"...nannte es meines wissens der österreicher t.bernhard. aber gelangweilt habe ich mich durchaus nicht bei der lektüre des famosen "zauberbergs" (naphta! settembrini!) und des "felix krull", das sei hiermit freimütig zugegeben. und es hat einen "schulz" gegeben in deutschland: frank schulz ("kolks blonde bräute" etc.)

Frank Schulz? Nie gehört. Ich meinte Bruno. Ich hatte mit Thomas Mann kein Glück. Vor Jahren musste ich ein Kapitel in seinem „Zauberberg“ nachschlagen. Ich war verblüfft darüber, wie schlecht es geschrieben ist. Diese sämige Ironie, die er über alles gießen muss, damit man seine miserable Syntax nicht mehr sieht. „Und das ist nun dieser Mann, von dem alle rühmen“, dachte ich. Vielleicht lässt sich etwas damit anfangen, wenn man ihn sehr rasch herunterliest, eben wie einen Unterhaltungsroman für gebildete Schichten.

Ich möchte niemandem die deutsche Literatur ausreden, der sich in ihr wohlfühlt. Aber denen, die es nicht tun, möchte ich sagen: Halb so wild.

Und Grüße von Sal ("Your body is the temple of the Lord").

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