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Thomas von der Osten-Sacken:Stammesfehden
12. August 2011, 00.22 Uhr:

Stammesfehden

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Stämme, sie geistern als Akteure durch den arabischen Frühling, mal hier, mal dort. Jetzt ist Syrien dran. Tony Badran von der Foundation of the Defense of Democracies jedenfalls glaubt, dass Assad einen vermutlich irreversiblen Fehler gemacht hat, sich mit den Stämmen in Ostsyrien anzulegen:

“The regime abducted and detained the chief of the tribal confederacy, Sheikh Nawaf al-Bashir, and assaulted Deir al-Zour with tanks,” says Badran. “The tribes are incensed and ready to mobilize against Assad. Unlike the besieged civilians in Hama or Homs, these tribes straddle the border with Iraq where they have extensions that number even more than they do in Syria. This means that should they decide to pick up arms against the regime, they will have strategic depth in Iraq. A tribal insurrection in eastern Syria poses a critical challenge to Assad and his troops - many of whom have already defected in Deir al-Zour and Albu Kamal.

Auf der anderen Seite der Grenze beginnt das so genannte “sunnitische Dreieck", eine äußerst ungemütliche Ecke des Nahen Ostens, in der es weder an Waffen noch Leuten, die sie auch einsetzen, mangelt:

Another activist noted last Sunday that tribal kinsmen on the Iraqi side “have vowed to step in and back their brethren in Syria if they come under attack. Until now this is rhetoric, [but a] wide-scale military assault on Deir al-Zor … would change those calculations.”

Und wenn irgendwer extrem unbeliebt ist in dieser Region, dann der Iran, noch unbeliebter als die Amerikaner, die man jahrelang bekämpfte. Und sollten die Bewohner des sunnitischen Dreicks auch noch kürzlich Fernsehen geschaut haben und gehört, welche Rolle ein ehemaliger General der Hizbollah für ihr Land vorsieht, nämlich die, Aufmarschbasis des Iran zu werden, könnten es noch ungemütlicher werden. Der nämlich hatte jüngst erklärt, wie die Partei Gottes sich den finalen Endkampf gegen die Juden so vorstellt:

“Iran is the country most hostile to Israel, but Iraq serves as a buffer between Iran and the Palestine front….Iran supports the forces of confrontation: Hamas, Hizbullah, and Syria.”

“If, following the U.S. withdrawal, Iraq becomes a bridge linking Iran to Syria, the Iranian forces could cross Iraq and arrive in Syria, in order to participate in a direct war on the Golan front. In that case, Israel would not be fighting Hizbullah alone. It would be fighting Hizbullah, Syria, Iraq, and Iran. This is the so-called ‘Shiite Crescent’ that they fear.”

Natürlich ist ein ordentlicher sunnitischer Kämpfer im Irak auch ein ganz explizit erklärter Feind Israels, aber mit dem Iran in einem “schiitischen Halbmond” kämpfen, sozusagen als Vasall Teherans? Das täte ihm wohl kaum einfallen, die Sache des heiligen Krieges sozusagen beschmutzen.  Da würde er sich eher in Solidarität mit seinen Stammenbrüdern gegen den nächstgelegenen Verbündeten Irans, nämlich das syrische Regime, wenden. Und auch Saudi Arabien, selbsterklärter Patron der sunnitischen Araber im Irak und Todfeind Irans, hätte da noch ein Wort mit zu reden.

Je länger der Aufstand in Syrien dauert, je weniger erinnern die Ereignisse an die frühen Bildern des “arabischen Frühlings", sie transformieren vielmehr in der brutalen, blutigen Logik des Nahen Ostens, wo Koalitionen sich zu bilden pflegen, deren Protagonisten alle, samt und sonders, auf den vielbeschworenen Müllhaufen der Geschichte gehören - und statdessen immer neue Blutbäder anrichten.

Den Preis zahlen auf jeden Fall  the besieged civilians in Hama or Homs, die noch immer versuchen dieser Logik mit ihrem Todesmut zu widerstehen. Ihre Chancen schwinden von Tag zu Tag, vor allem auch weil sich niemand ihrer Sache angenommen hat. Sie sind eben nicht in Stämmen oder anderen destruktiven Kollektiven organisiert. Und zahlen dafür nun den Preis. Bislang nämlich noch gilt:

The Syrian people’s ability to remain peaceful for nearly half a year in the face of unspeakable brutality is remarkable.

(Hier ein Bericht, wie es in Hama aussieht, nachdem die Stadt von syrischen Truppen gestürmt wurde)


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