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Wahied Wahdat-Hagh:Kaderschmiede der Diktatur
24. August 2012, 15.22 Uhr:

Kaderschmiede der Diktatur

von Wahied Wahdat-Hagh

„Universität der Religionen und der spirituellen Pfade“ – der Name der nach ihrer englischsprachigen Bezeichnung URD abgekürzten iranischen Hochschule klingt harmlos. Doch kann es in einer islamistischen Diktatur freie Forschung und offenen Meinungsaustausch über religiöse Fragen geben? Die Potsdamer Universität kooperiert mit der URD, und im heutigen Tagesspiegel lesen wir, dass der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) sich hinter diese Kooperation der iranischen “Religionshochschule” gestellt hat, in der Hoffnung, dass intellektueller Austausch “als Mittel gegen starre Ideologien wirken” kann.

Der folgende Text sollte jedoch deutlich machen, dass die Potsdamer Universität und der DAAD sicher hehre Ziele verfolgen, ihre iranischen Kooperationspartner aber genau zu den Vertretern der starren Ideologie der totalitären Diktatur des Iran gehören. Das islamistische Regime bekämpft nicht nur religiöse Minderheiten, sondern auch von der eigenen Ideologie abweichende Interpretationen des Islam, beispielsweise den Sufismus. Diesen Kampf zu führen, ist auch die Aufgabe von Universitäten wie der URD.

Die Lage der Gonabadi-Derwische im Iran verschlechtert sich täglich. Diese Derwische oder Sufis genannten Leute vermischen ihre spirituelle Praxis nicht mit Politik, nehmen aber an den Wahlen der „Islamischen Republik Iran“ teil. Vier Millionen iranische Derwische haben bei den letzten Präsidentschaftswahlen Karoubi gewählt. Allein dies ist ein Zeichen dafür, dass diese Gruppe im Rahmen der Gesetzgebung der „Islamischen Republik Iran“ handelt. Dennoch ist ihr Leben im Iran gefährdet.

Ideologie als Instrument zur Rechtfertigung von Verfolgungen
Die den iranischen Sicherheitskreisen nahestehende Website „Borhan News“ hat einen neunteiligen Artikel veröffentlicht, der sich der Geschichte und der aktuellen Präsenz der Sufis im Iran widmet und die aus Sicht des Regimes daraus sich ergebenden Gefahren für das System darstellt. Gleiches findet sich auf der aus dem Netz genommenen Website „Adyan News“, deren Nachfolge „Adyan.net“ ist. Die aus Qom betriebenen Seiten geben zu, dass die Sufis in allen iranischen Städten präsent sind. Sie schildern, wie ein Teil der iranischen Bevölkerung die Gebetshäuser der Sufis und die sogenannten „Husseinye“ besucht und die Beliebtheit der friedlich und selbstlos gesinnten Sufis steigt. Sie haben Genossenschaften, Altenheime und Kliniken aufgebaut und sind vor allem in Irans Großstädten erfolgreich. Die Herrscher der Islamischen Republik, die gegen solche Vielfalt sind, haben mit den Sufis ein ernsthaftes und unlösbares Problem.

Dr. Mostafa Azmayesh, Islamwissenschaftler im Exil mit engen Verbindungen in den Iran, der sich für die Rechte verschiedener religiöser Minderheiten im Iran einsetzt, sprach in einem Interview mit Radio Farda über die andauernde Gefahr für die Sufis, die zu einem Verbot der Derwisch-Zentren im Iran führen kann: „Die Tatsache, dass die Gebetshäuser der Derwische noch nicht verboten sind, liegt an unseren Bemühungen, das Problem international bekannt zu machen.“ Azmayesh sagt, dass Websites wie „Adyan News“ und „Borhan News“ ständig Anti-Sufi-Propaganda betreiben.

Die Reaktionen der Herrscher der „Islamischen Republik“ ist auch eindeutig: Wachsender Druck auf die Derwische im Iran. Beispielsweise hatten die Sufis über Jahre eine Informationswebsite, die „Madschzubane Nour“ (Die vom Licht Angezogenen) heißt. Das Büro dieser Website in Teheran ist geschlossen worden. Dr. Azmayesh, der in Paris lebt, sagt: „Sie haben alle Betreiber und Mitarbeiter dieser Website, die Juristen, Anwälte und Schriftsteller sind, gleich verhaftet, um die Website zu verbieten. Seit einem Jahr sind sie alle im Gefängnis, ohne dass sie verurteilt worden sind und ohne, dass sie etwas verbrochen haben.“
Auf die Frage, wo Dr. Azmayesh eigentlich die Ursache für die Anti-Sufi-Politik im Iran sieht, antwortet er, dass es sich um verschiedene Herrschaftsgruppen handelt, die er so kennzeichnet: „Einige Gruppen sind etwas weniger faschistisch als die anderen.“

Die konstruierten Überlieferungen
Dr. Azmayesh kritisiert, dass diese religiös-faschistischen Gruppen sowohl gegen Rationalität und gegen islamische Mystik als auch gegen Eingebungen (vahjie) sind. Diese Gruppe nennt der Religionswissenschaftler Dr. Azmayesh „Rewayatgarân“. „Rewayatgarân“ sind Menschen, die sich auf „Überlieferungen von Worten heiliger Personen nach willkürlichen Aussagen einzelner Personen“ berufen. Die Muslime, die zu den „Rewayatgarân“ gezählt werden müssen und im Iran in den letzten 33 Jahren die Staatsmacht in ihren Händen monopolisiert haben, äußern beispielsweise eine persönliche Meinung, wenn sie sagen, dass „Frauen eine Kopfbedeckung tragen müssen“. Doch setzen sie mit Gewalt die Zwangsverschleierung der Frauen durch. Tatsächlich aber gibt es im Koran keinen Satz, der die Zwangsverschleierung der Frauen legitimieren würde, sagt Dr. Azmayesh. Diese Leute beziehen sich auf irgendwelche gefälschten Überlieferungen und behaupten dann, dass die schiitischen Imame dies und jenes gesagt haben und deswegen die Frauen zwangsverschleiert werden müssten.

Dr. Azmayesh geht in dem Interview auch auf die Gruppe der „Amariyoun“ ein, die in Wirklichkeit eine der extrem faschistischen Gruppen in Iran seien. Personen wie Mehdi Taeb, Alireza Panahian, Said Ghassemi, Hassan Abbasi und Mehdi Nassirian gehören diesem Umfeld an. Ihre geistige Ausrichtung hat die gleiche Tendenz, sie grenzen aus und rufen zu Gewalt auf. Die Website der „Amariyoun“ die von Mehdi Nassirian geleitet wird, sei in Wirklichkeit die ideologische Abteilung der „Hadian Bassij“ (Führer der Bassij). Andere Websites wie „Borhan News“, zählt Azmayesh im übrigen auch zu den extremistischen Faschisten in der Führungsstruktur Irans.

Das Geflecht der ideologischen Kader
Wenn man die Website „Borhan News“ genauer untersucht, kommt man zu dem Ergebnis, dass gegenwärtig zwei Zentren in Qom existieren, die sich mit anderen religiösen Richtungen auseinandersetzen. Diese beiden sind das „Islamisches Zentrum zur Erforschung von Religionen und spirituellen Wegen“ (Markaze Taqribe Adjân wa Mazâheb Islami) und das “Internationales Zentrum der Ahl-e Beyt” (Majma-e Jahânie Ahl-e Beyt). Die Kader von Majma-e Jahanie Ahl-e Beyt führen einen Dialog mit anderen Religionen über Schiismus, z.B. werden sie zum Papst geschickt. Hingegen konzentrieren sich die Mitarbeiter von Markaze Taqribe Adjân wa Mazâheb Islami auf muslimische Länder und kooperieren mit Muslimen im Westen. Beide Zentren werden von Mohsen Araki geführt, einem ehemaligen Leiter des Islamischen Zentrums in London.

Grundsätzlich sind die verschiedenen Zentren, universitären Institute und Kaderschmieden miteinander verflochten. Alle diese Zentren haben in ihrer Führungsspitze eine Runderneuerung erfahren, um die Islamisierung der Bildung stringenter voranzutreiben. So hat der religiöse Führer Ali Khamenei den Leiter der “Islamischen Universität für Religionen und spirituelle Wege” (1) (Dâneshgah-e wa Adjân wa Mazâheb Islami dar Qom) (2) Abulhassan Navab, obwohl er ein Schüler von Mesbah Yazdi, einem extremistischen Ideologen der Gewalt ist, vor ungefähr einem Jahr abgesetzt, weil Navab einen Lehrstuhl für Sufismus zugelassen hatte. Offensichtlich war Navab nicht extremistisch genug.

Diese Universität wiederum bildet die Kader für die beiden oben genannten Institute aus. Weitere wichtige Kaderschmieden sind Moassesseie-Pajuheshi-e Emam Khomeini (Mesbah Yazdis Institut), Dâneshgâh-e Bâgher, die Online-Universität Jâme-a al-âlamieh al Mostafa mit einigen untergeordneten Instituten, die alle mit oben genannten Instituten kooperieren.

Ein anderes Zentrum in Qom heißt Markaze Pajuheshe Mazâheb wa Feraq dar Qom (Zentrum zur Erforschung von Religionen und Sekten in Qom). Eine weitere ideologische Universität in Teheran heißt Dâneshgâh-e Sadeq und ist eine Kaderschmiede für Regierungsposten (Hedjan-e Sepah-e Padaran). Auch die Website http://www.adyan.net/ gehöre zu diesem Geflecht.

Alle diese Zentren sind das ideologische Rückgrat des Regimes und vertreten dessen Interessen, wenn sie „Religionen erforschen“. Sie greifen nicht nur die Sufis und die Mystik als verderbliche islamische Sekten an, sondern alle anderen Religionen werden ebenfalls als abweichlerisch und ihre Anhänger als Teufelsanbeter dargestellt. Auf „Borhan News“ werden nach Aussagen von Dr. Azmayesh sogar Mullahs, die sich für Philosophie und islamische Logik interessieren, angegriffen.

Die Intentionen des Regimes
Dr. Azmayesh stellt auch fest, dass die „Universität der Religionen und der spirituellen Pfade“ (URD) in Qom mit verschiedenen Universitäten in der Welt Kontakt pflegt. Er antwortet auf die Frage, warum die Sprecher der „Universität der Religionen und spirituelle Pfade“ zu politischen, religiösen und akademischen Foren in Europa eingeladen werden und wie er den Studentenaustausch von deutschen Universitäten wie Potsdam und Paderborn mit Qom sehen würde: „Das Regime im Iran will Forschungs- und Dialoggruppen rund um die Welt schicken. Sie haben in Bezug auf ihre internationale Tätigkeit zwei Säulen geschaffen. Eine von ihnen heißt ‚Islamisches Zentrum zur Erforschung von Religionen und spirituellen Wegen’ (Markaze Taqribe Adjân wa Mazâheb Islami) und die andere heißt ‚Internationales Zentrum der Ahl-e Beyt’ (Majma Jahani Ahl-e Beyt). Der Führer der ‚Islamischen Republik Iran’ Ali Khamenei hat vor einiger Zeit Herrn Mohsen Araki in die Position des ‚Direktors des Zentrums für Annäherung von Religionen’(3) berufen. Der frühere Direktor dieses Instituts Hojatulislam Mohamad Ali Tasskhiri wurde zum Berater des Führers Ali Khamenei für die Belange der islamischen Welt ernannt.“

Herr Araki, der sehr gut Englisch, Arabisch und Persisch spricht, ist, wie Dr. Azamyesh sagt, „ein Mensch, der gerne diskutiert“. Araki ist verantwortlich für die religiöse Propaganda des herrschenden Regimes im Iran für das Ausland. Auf Grund seiner guten Kontakte im Westen sei Araki der Drahtzieher im Hintergrund, wenn Kontakte zwischen iranischen und ausländischen Universitäten zu Stande kommen. Araki wähle Redner wie Dr. Hassan Eslami aus, die an der “Universität für Religionen und spirituelle Pfade” (URD) lehren, sagt Dr. Azmayesh. Solche Redner halten dann in Koordination mit europäischen Universitäten im Ausland Vorträge. Dr. Eslami hält beispielsweise am 12. September an der Katholischen Akademie in Berlin eine Rede.

Auf die Frage, welche Verbindung das „Internationale Zentrum der Ahl-e Beyt“, das 1990 mit der Zustimmung des Revolutionsführers Ali Khamenei gegründet worden ist, mit der URD hat, sagte Dr. Azmayesh: “Die Weltvereinigung Ahl-e Beyt ist das Rückgrat der URD-Universität.“

Dies bedeutet, dass die URD durch die Vermittlung von Araki in viele Staaten der Welt, in muslimische und europäische Staaten, wie nach Deutschland Redner schickt, damit diese außerhalb des Iran die staatliche Interpretation der Schia propagieren und tatsächlich die religiösen und politischen Positionen der „Islamischen Republik Iran“ verbreiten. Dr. Azmayesh ist der Meinung, dass die Universität Potsdam und andere Universitäten, die mit der URD zusammenarbeiten, sich entweder „sehenden Auges oder aus Leichtsinn einen grundlegenden Fehler machen.“

Herr Dr. Azmayesh sagt, dass das Ziel der Wissenschaftler der URD in der Tat das Studium der anderen Universitäten ist, mit dem Ziel, den Westen auf lange Sicht besser bekämpen zu können: „Das Ziel der URD-Universität in Qom ist die Förderung von ins Ausland expedierten Lobbyisten, die das Potential und die Fähigkeit haben westliche Intellektuelle zu überzeugen, dass der Iran die Wahrheit ausspricht und die Meinung der anderen falsch ist.“
Er fügt hinzu: „Die leitenden Funktionäre des herrschenden Systems in Iran glauben nicht an eine offene Gesellschaft, in der verschiedene Gruppierungen und Gemeinschaften existieren und sich tolerieren und austauschen können. Und genau deswegen werden die Sufis, die Bahais, die konvertierten Christen und sogar die Sunniten im Iran verfolgt.“

Ein Beispiel für das Vorgehen gegen religiöse Minderheiten
Vor einem Jahr konnten wir in der Stadt Kawar in der Provinz Fars Zeugen sein, wie zivilgekleidete Sicherheitskräfte und Bassij-Milizen unschuldige Derwische brutal angriffen. Es lief im selben Stil ab wie die Attacken auf die britische Botschaft. Bewaffnete Sicherheitskräfte beendeten das Geschehen. Vier Gonabadi-Derwische wurden schwer verletzt und einer von ihnen, Vahid Banani, erlag seinen Schusswunden. Die Sicherheitskräfte haben die Derwische beschuldigt, für das Geschehen verantwortlich zu sein. Ihnen wurde sogar vorgeworfen, „Mohareb“ zu sein, d.h. Menschen, die bewaffnet gegen den Islam kämpfen.

Dr. Azmayesh sagt: „Aber im Ausland sind die Anhänger der Menschenrechte der religiösen Minderheiten sehr aktiv und sie versuchen beispielsweise Menschenrechtszentren der Vereinten Nationen und des Europäischen Parlaments und Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international über die Verfolgungen im Iran aufmerksam zu machen. Sie hoffen, dass sich die herzzerreißende Verfolgung der Derwische in anderen iranischen Städten nicht weiter fortsetzt.“

Es ist eine Tatsache, dass die Einladung der Propagandisten von Zentren, die dem „Forschungszentrum für Religionen und Sekten“ (Markaze Pajuhesh mazaheb und Feraq) unterstehen, die nach Aussage von Dr. Azmayesh zu den „schlimmsten Zentren der Hoseye Elmiye“, des Zentrums der Schia in Qom, gehört, nicht dazu beitragen kann, dass die iranische Gesellschaft sich öffnet. Die iranische Gesellschaft wird von einem geschlossenen politischen System unterdrückt. Eher wird der Austausch mit den religiösen Zentren die Türen für die Propaganda der totalitären Diktatur in Europa öffnen.

1) Wird manchmal mit Universität für Religionen und Denominationen übersetzt, was für nicht zutreffend halten
2) Auch als URD-Universität bezeichnet, eine Abkürzung, die sich auf die Übersetzung “Universität für Religionen und Denominationen” bezieht.
3) Dies ist die Mantelorganisation für das “Internationale Zentrum der Ahl-e Beyt” und das „Islamische Zentrum zur Erforschung von Religionen und spirituellen Wegen“.

Wahied Wahdat-Hagh, Fellow bei der European Foundation for Democracy (EFD).

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