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Kürzliche Beiträge
20. Oktober 2011, 22.23 Uhr:

Ein Feindbild weniger

von Thomas von der Osten-Sacken

Der Zeit sei an dieser Stelle für den unglaublich intelligenten und emphatischen Titel gratuliert,  den  sie für  ihre heutige Story über das Ende des Colonel Muammar Gaddafis gewählt hat: Libyen verliert sein Feindbild.

Man kann allerdings sicher sein: dies ist erst der Anfang. Wie schon nach dem gewaltsamen Ableben der Herren Saddam Hussein und Osama bin Laden wird sich das politische Deutschland und sein Kulturbetrieb in den nächsten Tagen wohl in ganz tiefsinnigen, grundlegenden und dazu hochmoralischen Überlegungen über den Sinn von Krieg und Frieden und das Wesen des Unrechts An- und Für-Sich ergehen. (Auch Gaddafi war schließlich Familienvater.)



20. Oktober 2011, 12.06 Uhr:

Friedrich Engels über den Islam und Aufstände in der arabischen Welt

von Thomas von der Osten-Sacken

In einer Fußnote versteckt liefert Friedrich Engels eine treffende materialistische und immer noch hochaktuelle Analyse, warum die islamische Welt zur Stagnation tendiert:

Der Islam ist eine auf Orientalen, speziell Araber zugeschnittene Religion, also einerseits auf handel- und gewerbetreibende Städter, andrerseits auf nomadisierende Beduinen. Darin liegt aber der Keim einer periodisch wiederkehrenden Kollision.

Die Städter werden reich, üppig, lax in Beobachtung des »Gesetzes«. Die Beduinen, arm und aus Armut sittenstreng, schauen mit Neid und Gier auf diese Reichtümer und Genüsse.

Dann tun sie sich zusammen unter einem Propheten, einem Mahdi, die Abgefallnen zu züchtigen, die Achtung vor dem Zeremonialgesetz und dem wahren Glauben wiederherzustellen und zum Lohn die Schätze der Abtrünnigen einzuheimsen.

Nach hundert Jahren stehn sie natürlich genau da, wo jene Abtrünnigen standen; eine neue Glaubensreinigung ist nötig, ein neuer Mahdi steht auf, das Spiel geht von vorne an.

So ist’s geschehn von den Eroberungszügen der afrikanischen Almoraviden und Almohaden nach Spanien bis zum letzten Mahdi von Chartum, der den Engländern so erfolgreich trotzte. So oder ähnlich verhielt es sich mit den Aufständen in Persien und andern muhammedani schen Ländern. Es sind alles religiös verkleidete Bewegungen, entspringend aus ökonomischen Ursachen; aber, auch wenn siegreich, lassen sie die alten ökonomischen Bedingungen unangerührt fortbestehen. Es bleibt also alles beim alten, und die Kollision wird periodisch.

In den Volkserhebungen des christlichen Westens dagegen dient die religiöse Verkleidung nur als Fahne und Maske für Angriffe auf eine veraltende ökonomische Ordnung; diese wird schließlich gestürzt, eine neue kommt auf, die Welt kommt vorwärts.

Hinzufügen könnte man noch, dass in der Regel nach solchen Aufständen auch die alten politischen Strukturenunangetastet gelassen lassen wurden, nur ein paar Köpfe ausgetauscht, aber keine neuen Institutionen geschaffen wurden.

20. Oktober 2011, 09.07 Uhr:

42 years lost because of bastards

von Thomas von der Osten-Sacken

Während in Sirte weiter gekämpft wird, fand gestern in Tripoli diese symphatische Demonstration statt:

Workers at Libya’s Waha Oil Company demonstrated on Wednesday demanding the resignation of their boss for alleged corruption and ties to the old regime, saying his refusal to quit was costing $36 million daily. (…)

“Replacing the management is the first step,” said Amr who declined to give his surname.

“We don’t want people to control the company who we know had links to the Gaddafi regime. No one could get to a top position in Libya without doing something to support Gaddafi or one of his bad people,” he told AFP.

“We lost 42 years because of these bastards. No good education, no healthcare, no schools, nothing. There were no improvements,” he said.

19. Oktober 2011, 10.29 Uhr:

No breaking of the silence

von Thomas von der Osten-Sacken

Nicht nur in Syrien, auch im Jemen geht das Töten unvermindert weiter. Natürlich ist Präsident Saleh bislang, trotz aller anderslautender Ankündigungen, nicht zurückgetreten und so bewegt sich das Land Tag für Tag ein bißchen mehr final in Richtung  failed state.

Bewunderswert, dass trotzdem und mit unglaublicher Zähigkeit Tausende Tag für Tag weiter protestieren und demonstrieren - völlig vergessen und alleine gelassen. Vor allem auch von dem Land, das den Jemen jahrelang so vollmundig als Schwerpunkt seiner Entwicklungszusammenarbeit gefeiert hat. Denn wann ist das letzte Mal einem deutschen Politiker  oder Nahostexperten irgend etwas zu dem Land eingefallen?

So also sehen die jüngsten Meldungen aus San’a aus:

At least seven people have been killed and dozens wounded after armed men loyal to President Ali Abdullah Saleh opened fire on demonstrators in the Yemeni capital, witnesses say.

Residents of Sanaa told Al Jazeera on Tuesday that several injured people were kidnapped after protesters calling on Saleh to step down were trapped by security forces inside the Al-Qaa neighbourhood.

According to the witnesses, armed men loyal to the embattled president had erected tents in the street to block an anti-government march.

The protesters came under attack as they marched from Change Square to Al-Qaa, a district where government buildings are located.

Die Hoffnung dieser Jemeniten, dass irgendwer sie unterstützt, dürfte also illusorisch bleiben:

18. Oktober 2011, 23.59 Uhr:

Die Verschleppten von Pax Christi

von Thomas von der Osten-Sacken

Pax Christi gelingt es, selbst die übelsten deutschen Kommentare zur Freilassung Gilad Schalits noch kongenial zu übertreffen:

Die Familie des verschleppten israelischen Soldaten kann nach fünf Jahren Gilat Schalit in die Arme schließen und ihr Protestzelt vor dem Haus des Ministerpräsidenten abbauen. 1.027 weitere Familien werden auf die freizulassenden verschleppten Palästinenser, darunter 27 Frauen, warten.

Schöner kann die deutsche Äquidistanz nicht mehr auf den Punkt bzw. fast schon karikiert werden, als von den Mavi Marmara Warriors von Pax Christi: Palästinenser, wie Walid Anajas, der für einen tödlichen Bombenanschlag in Westjerusalem verurteilt wurde, sind recht eigentlich und irgendwie auch und vor allem widerrechtlich Verschleppte. Gleiches gilt natürlich für Abdel Aziz Saleh, der nach vollbrachter Tat (er half im Jahre 2000 dabei, zwei israelische Soldaten in Ramallah zu lynchen)  seine blutigen Hände stolz den Massen präsentiert.

Aber natürlich gratuliert pax christi-Vizepräsidentin Wiltrud Rösch-Metzler der Hamas, “die erreicht hat, dass von rund 6.000 Gefangenen in israelischen Gefängnissen, über 1.000 frei kommen".

5000 sind also noch verschleppt. Da müssen dann eben wohl noch ein paar weitere Israelis entführt werden. Aber dazu ruft die Hamas ja schon auf. Und der unverbrüchlichen Solidarität deutscher Friedensbewegter sind sie auch versichert - bis zum letzten Verschleppten.

Verwunderlich nur, dass sich Pax Christi nicht auch besorgt zeigt, ob nicht die Rechte der freigelassenen Palästinenser eklatant verletzt wurden:

The United Nations voiced concern on Tuesday that some of the Palestinian detainees released in exchange for Israeli soldier Gilad Shalit may have not have been given any choice on where to go, which could constitute an illegal forced transfer.

18. Oktober 2011, 09.15 Uhr:

Westerwelles deutscher Herbst

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Fakten zuerst: Die Hamas, eine radikalislamische Partei, die für unzählige suicide bombings die Verantwortung trägt, deren erklärtes politisches Endziel in der Vernichtung Israels besteht und die sich im Gazastreifen gewaltsam an die Macht putschte, hat vor Jahren einen israelischen Soldaten  gekidnappt und, wie eben Terrororganisationen das so tun, die Geiselnahme genutzt, um andere Terroristen freizupressen.

Die israelische Regierung wiederum hat, um das Leben des einen Soldaten zu retten, einem Deal zugestimmt, der auch die Freilassung von verurteilten Terroristen vorsieht, bei deren Biographie selbst dem britischen Guardian  etwas mulmig wird, einer Zeitung der mangelnde Sympathien für die Sache der Palästinenser nun wirklich nicht nachgesagt werden können.

Im Hintergrund halfen deutsche Behörden mit, den Deal abzuschließen. Fein. Das kann, um auch mal einen Erfolg vorzuweisen, das Bundesaußenministerium gerne und oft betonen. Stattdessen kommt dieses Statement:

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sieht in der bevorstehenden Freilassung des israelischen Soldaten Gilat Schalit aus palästinensischer Gefangenschaft und dem geplanten Gefangenenaustausch zwischen Israel und Palästinensern eine neue Chance für den Friedensprozess im Nahen Osten.

Gefangenenaustausch? Hieß das auch so damals, als Deutschland 1972 den Forderungen der PFLP nachgab und drei Mitglieder des “Schwarzen Septembers” im Tausch mit 20 Geiseln freiließ? Der Spiegel sprach damals von “Terroristen”, aber die Zeiten haben sich eben geändert. Heute nennt ein deutscher Außenminister eine Geiselnahme ganz politisch korrekt und im Sinne der Geiselnehmer “palästinensische Gefangenschaft", wenn die Geisel dann gegen über 1000 Verurteilte eingetauscht wird, ist das ein Gefangenaustausch, der gar “Chancen eröffnet“. Dieser Logik zufolge hätten Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin in offizieller Diktion zumindest als Kriegsgefangene bezeichnet werden müssen.

Weiß Westerwelle eigentlich, was er da erzählt, wenn er dieses Ereignis auch noch zum Anlass nimmt, ganz äquidistant an “beide Seiten” einen dieser pharsenhaften Appelle, die man seit jahren eh schon nicht mehr hören mag,  zu richten?

Ich appelliere an beide Seiten, alles zu unterlassen, was die Wiederaufnahme von direkten Gesprächen oder den Erfolg von Friedensverhandlungen gefährden könnte.

Und dies in einem Land, in dem man nach 1972 sich bewusst entschieden hatte, noch jede Geisel sterben zu lassen? Deutscher Herbst? Erinnert sich noch wer?

Um es also auf den Punkt zu bringen: Der Außenminister des offiziellen Rechtsnachfolgestaates des Dritten Reiches sieht in der Freilassung von hunderten verurteilter Judenmörder eine Chance für den Frieden. Deutscher Herbst 2011.

(Und nun lese ich gerade, dass es dem Herrn Polenz, Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, gelungen ist, den Außenminister mit seiner Bemerkung noch zu toppen. Auf seiner Facebookseite schreibt Polenz in ganz lehrmeisterlichem Ton an jene, die es noch wagen könnten, den Sinn des ständig beschworenen Dialoges mit antisemitischen Terroristen in Zweifel zu ziehen: Übrigens: ohne mit der Hamas – direkt oder indirekt – zu sprechen, hätte Israel den heutigen Erfolg nicht erreicht. Und da erübrigt sich nun in der Tat jeder Kommentar.)

Nachtrag:

Rund 60% der Männer würden wieder zum Terrorismus zurückkehren, sagt die Kriminologin Anat Berko, die sich intensiv mit palästinensischen Häftlingen befasst hat. „Der Gefängnisaufenthalt ist für viele nur eine Station einer lebenslangen Karriere.“ Laut Almagor, einer Organisation der Verbliebenen der Terroropfer, haben freigelassene Terroristen seit dem Jahr 2000 mindestens 180 Israelis getötet. Manche der Männer, die jetzt freikommen sollen, verbüßen bereits die zweite Haftstrafe, nachdem sie nach einer Freilassung erneut Terrorakte begangen haben.

Nachtrag II:

Miki Goldwasser, die Mutter eines im Libanon getöteten israelischen Soldaten, erklärt, warum der heutige Tag ein Tag der Freude sein sollte:

Dear citizens, think about it: The families of terrorists are happy like we are as we see Gilad Shalit’s return. However, they did not win, and they know it. They were humiliated precisely because so many terrorists were released for only one soldier.

Make no mistake about it. They realize and feel this humiliation. They realize that they are not worth much if they are willing to exchange 1,000 of their own for one Israeli soldier. Do you really think that Gaza residents are not jealous of us, Israelis, for being so united around one soldier? It’s impossible not to envy us. Look at the global reactions – everyone is stunned.(…)

Today is our victory day. The day where we decided that our values and our confidence in the righteousness of our way shall guide us. As long as there is no peace, and let us hope it arrives, our sons shall be serving the State with confidence.


16. Oktober 2011, 23.55 Uhr:

Der älteste Konflikt der Welt?

von Thomas von der Osten-Sacken

Also täte man mich fragen, was der wohl älteste Konflikt der Welt sei, eine Antwort hätte ich nicht, aber darüber nachdenken lohnte sich auf jeden Fall. Ist es der zwischen den Geschlechtern vielleicht? Der zwischen Besitzenden und Besitzlosen, Unterdrückern und Unterdrückten oder noch älter, der zwischen göttlichen und teuflischen Kräften?

Oder macht es am Ende vielleicht gar keinen Sinn, sich eine solche Frage zu stellen?

Auf die Antwort, die Boualem Sansal auf seiner heutigen Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels gegeben hat, allerdings wär ich nie und nimmer gekommen. Da sagte erder älteste Konflikt der Welt” sei ” nämlich der israelisch-palästinensische“. Und damit beweist er nur einmal mehr, dass selbst äußerst kluge und integre Menschen, wenn es um den Nahostkonflikt geht, dazu tendieren, jeden Maßstab zu verlieren.

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