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Kürzliche Beiträge
22. September 2011, 13.35 Uhr:

Der Weg in den Bürgerkrieg und die deutsche Konfliktprävention

von Thomas von der Osten-Sacken

Konfliktpräventionsprogramme, Ursachenbekämpfung, Friedensförderung. Mit diesen Schlagworten präsentierte sich Deutschland nicht nur jahrelang auf internationaler Bühne als die bessere Alternative zu den kriegslüsternen USA, sondern gab auch noch Abermillionen an Euros an Dutzende von Institute und Think Tanks aus. Und was bringt’s? Der Jemen wird bis heute als “Schwerpunktland deutscher Entwicklungszusammenarbeit” angepriesen. Das Land ist de facto ein failed state und Tag für Tag wird es schlimmer. Ein Thema, irgendwo?

Auf der Homepage der “Stiftung Wissenschaft und Politik” etwa stammt der letzte Artikel über den Jemen aus dem April dieses Jahres, der vorhergehende gar vom januar 2010, die Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung präsentiert zum Thema einen einzigen Beitrag aus dem Jahre 2010, GIGA immerhin wartet mit einer Analyse aus dem Juni 2011 auf.

Kurzum: wenn es eeinmal darauf ankäme, erweist sich das ganze Gerede von Ursachenbekämpfung und Konfliktprävention als heiße Luft. Man schaut dem Zerfall des Jemen zu und niemandem fällt dazu irgend etwas nennenswertes ein.

Und der blutige Zerfall schreitet in rasantem Tempo voran:

Street battles raged Thursday between rival troops as well as between warring tribesmen, as violence which has already killed dozens spread across Yemen’s capital, raising the specter of civil war.

The gun battles come after efforts to implement a Gulf-sponsored peace deal failed due to what its sponsors said were the soaring tensions between troops loyal to Yemeni President Ali Abdullah Saleh and opponents of his regime. (…)

The soaring levels of violence have raised long standing fears that Yemen, which is facing a Shiite rebellion in the north and the growing influence of Al-Qaeda in the south, is slipping towards full blown civil war.

Speaking to AFP late Wednesday, United Nations envoy Jamal Benomar said the deteriorating security situation, and the reluctance of both sides to reach a political resolution, raises “the risk of civil war breaking out.”

An AFP correspondent said the capital has been largely divided in two, with Al-Zubairi Road, a main boulevard in the center of the capital, serving as a demarcation line and the main scene of fighting.

21. September 2011, 17.19 Uhr:

Kein Anrecht auf Staatsbürgerschaft für palästinensische Flüchtlinge

von Thomas von der Osten-Sacken

Der palästinensische Botschafter im Libanon stellt klar, dass sog. palästinensische Flüchtlinge, selbst wenn sie in West Bank und Gazastreifen leben, keine Staatsbürger des neuen Staates Palästina werden:

Palestinian refugees will not become citizens of a new Palestinian state, according to Palestine’s ambassador to Lebanon.

From behind a desk topped by a miniature model of Palestine’s hoped-for blue United Nations chair, Ambassador Abdullah Abdullah spoke to The Daily Star Wednesday about Palestine’s upcoming bid for U.N. statehood.

The ambassador unequivocally says that Palestinian refugees would not become citizens of the sought for U.N.-recognized Palestinian state, an issue that has been much discussed. “They are Palestinians, that’s their identity,” he says. “But … they are not automatically citizens.”

This would not only apply to refugees in countries such as Lebanon, Egypt, Syria and Jordan or the other 132 countries where Abdullah says Palestinians reside. Abdullah said that “even Palestinian refugees who are living in [refugee camps] inside the [Palestinian] state, they are still refugees. They will not be considered citizens.”

21. September 2011, 11.41 Uhr:

More secular but less secularist?

von Thomas von der Osten-Sacken

Ausgerechnet der türkische Regeirungschef, und nicht etwa westliche Politiker oder NGO-Aktivisten, legte den Ägyptern, Libyern und Tunesiern eine säkulare Verfassung ans Herz. Der Islamist Erdogan? Warum nur? Verstellung? In der Hürriyet, der Sympathien für die AKP nicht unbedingt nachgesagt werden können, findet seitdem eine äußerst spannende Debatte statt. Vor allem Mustafa Akyol bricht eine Lanze für den Auftritt des Premiers:

So, you might ask, what was the big war over secularism that haunted Turkey in the past decade?

Well, it was a war between those wanted a secular state and those who wanted to preserve the secularist one, which was not based on neutrality but on hostility toward religion. In the same series of pieces on Islam and the secular state, I noted:

“Today the big question in Turkey is whether our republic will be a secular or a secularist one. Our homegrown secularists have never gone as far and radical as Mao, but some of them share a similar hostility toward religion. And they have every right to do so as far as they accept to be unprivileged players in civil society. But they don’t have the right to dominate the state and use the money of the religious taxpayers in order to offend and suppress their beliefs.”

Today, Turkey is more secular but less secularist. And that is why it is making more sense to Arabs and other Muslims.


20. September 2011, 11.28 Uhr:

Rettet Maikel Nabil Sanads Leben

von Thomas von der Osten-Sacken

Matthias Küntzel über das Schicksal von Maikel Nabil Sanad:

Er gehört zu den profilierten Intellektuellen, die der arabische Frühling hervorgebracht hat: Maikel Nabil Sanad. Der Name des 25-jährigen Bloggers geht derzeit um die Welt – nicht, weil er auf den Bühnen der arabischen Hauptstädte brilliert, sondern weil er in Ägypten in Einzelhaft sitzt und weil sein Leben an einem seidenen Faden hängt. (…)

Im März dieses Jahres nahmen die Streitkräfte Maikel fest. Man stellte ihn vor ein geheimes Militärgericht und verurteilte ihn wegen Verbreitung von Falschinformationen zu drei Jahren Haft: Ein Urteil, das die Bloggerszene in Ägypten schockierte und die internationale Öffentlichkeit empörte. Um seine Freilassung zu erzwingen, trat Maikel am 23. August in den Hungerstreik. Seit dem 12. September lehnt er auch die Einnahme von Getränken ab. Heute schwebt er akut in Lebensgefahr. (…)

Schon als Jugendlicher las Maikel viel über den Nahostkonflikt, brachte sich selbst Hebräisch bei und erkannte, dass das Mubarak-Regime die positiven Seiten Israels verschweigt. “Warum streben wir gegenüber Israel keinen Frieden an?”, lautet die Überschrift einer seiner Aufsätze. Der arabische Frühling, so seine These, werde dies verändern und einem freundschaftlichen Verhältnis mit Israel den Weg bahnen. (…)

Heute geht es darum, Maikels Leben zu retten. Er muss unverzüglich auf freien Fuß gesetzt werden – unabhängig davon, was er sagt. Maikel war zeitweilig in der Democratic Front Party, einer Schwesterpartei der FDP aktiv. Wann endlich macht sich der deutsche Außenminister öffentlich für ihn stark? Um aber der Lösung des Nahostkonflikts näherzukommen, sollte sich die deutsche Diplomatie dafür einsetzen, dass auch Maikels Botschaft – die Forderung nach Freundschaft mit Israel – auf den Bühnen der arabischer Hauptstädte diskutiert werden kann.

20. September 2011, 11.11 Uhr:

Die palästinensische Marianne: eine "Fighter"-Mutter

von Thomas von der Osten-Sacken

The Palestinian Authority chose the mother of 4 terrorist murderers, one of whom killed seven Israeli civilians and attempted to killed twelve others, as the person to launch their statehood campaign with the UN. In a widely publicized event, the PA had Latifa Abu Hmeid lead the procession to the UN offices in Ramallah and to hand over a letter for the UN Secretary General Ban Ki Moon. (…)

The PA minister explained then why the mother of 4 murderers of Israelis deserves such honor:
“It is she who gave birth to the fighters, and she deserves that we bow to her in salute and in honor.”

Keine finstere Macht hat, das sei hier nur angemerkt, die Palästinenser zu diesem Statement gezwungen. Sie haben diese palästinensische Marianne ganz freiwllig in Szene gesetzt und nebenbei auch noch beeindruckend demonstriert, welchem Frauenbild sie in künftig in staatlichen öffentlichen Inszenierungen so zu huldigen gedenken.


19. September 2011, 11.01 Uhr:

Islamisten sind die besseren Kapitalisten

von Thomas von der Osten-Sacken

Wenig Hoffnung machen amerikanische Ökonomen den Ägyptern:

“There is not a lot of support for getting involved in this part of the world,” Bremmer said, adding that it is more likely that Turkey and the Gulf nations will have to step in with funding for much needed infrastructure development.

“How do you encourage small entrepreneurs?” Blair said. “It is very difficult to create Capitalism 1.0. Hardly anyone knows the language.”

Vom dem Westen, so die Professoren, hätten die Ägypter wenig zu erwarten. Obwohl doch mit Islamisten Kapitalismus besser zu machen sei, als etwa mit Sozialisten des 21. Jahrhunderts:

Western nations shouldn’t overly fear Islamic influence in Egypt because many members of the Muslim Brotherhood “run small businesses.”

Bremmer said he doesn’t envision “Chavez-style nationalists sweeping the region,” referring to concerns that new leaders may seize control of businesses in the manner of Venezuela’s President Hugo Chavez.

18. September 2011, 14.43 Uhr:

German Pinkwashing oder Warum die Araber eben keine Deutschen sind

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Bilder eines Mobs, der in Kairo die israelische Botschaft erstürmte, haben Josef Joffe dazu veranlasst in der Zeit und dem Wall Street Journal ganz tief in die geschichtsphilosophische Zauberkiste zu greifen. „Optimists were wrong About the Arab Spring“ erklärt er im Wall Street Journal“, in der Zeit räsoniert er über die „dunkle Seite der arabischen Freiheitsbewegungen.“

Leider nur spricht er, wie es hierzulande eben so häufig der Fall ist, nicht über den Nahen Osten, sondern recht eigentlich über Deutschland und deutsche Befindlichkeiten. Dem amerikanischen Leser legt er das deutsche Modell gleich als vorbildlich ans Herz. Es gäbe bei allem Pessimismus, schreibt er, ja durchaus Kulturen, die sich zum Besseren verändert hätten, „even profoundly—look at Germany’s breathtaking leap from Nazism into liberal democracy.“ Solche Hoffnung habe er für Ägypten nicht, dort sei der Judenhass zu ausgeprägt. Nun könnte man einwenden, dass schließlich in der israelischen Botschaft nicht sechs Millionen Juden vergast worden seien und Deutschland, wenn überhaupt, die atemberaubende Entwicklung vor allem nach einer totalen Kapitulation und einer gehörigen Portion Re-education durchgemacht habe, aber dann könnte Joffe nicht aus Hamburg den Blick des Westlers einnehmen, der über Demokratie und Liberalismus doziert:

Tatsächlich haben Demokratien nie Krieg gegeneinander geführt, es sei denn, man bezeichnet England und Amerika anno 1814 als Demokratien; damals haben die britischen Invasoren Washington niedergebrannt. Krieg haben die Demokratien nur gegen Autoritäre und Totalitäre ausgefochten. Das ist geradezu ein historisches Gesetz, welches allerdings nicht ausschließt, dass Demokratien im Namen der Demokratie in den Krieg gezogen sind: Amerika unter Wilson 1917 und Bush 2003, der Westen als solcher in Libyen 2011.

Wurde da nicht ein Krieg ein wenig vergessen? Der, der ganz erklärtermaßen von den Westalliierten für Demokratie geführt wurde und die Deutschen, nachdem sie Europa verwüstet hatten, in die Totalkapitulation zwang? Nur wäre Roosevelt in der obigen Auflistung erwähnt, oder gar gewürdigt worden, schlecht nur könnte man den Arabern sich als leuchtendes Vorbild andienen. Sicherheitshalber taucht dann diese Textpassage im Wall Street Journal auch nicht auf, vielleicht nämlich erinnert sich doch noch einer in den USA, dass sein Vater oder Onkel in Omaha Beach sein Leben lassen musste, damit heute der Herausgeber einer deutschen Zeitung, ganz ohne vor Scham im Boden zu versinken oder zumindest mit einem Wort der getöteten GI’s  zu gedenken, seine Landsleute dem amerikanischen Lesepublikum als liberale Musterdemokraten präsentieren kann.

Joffes Reflexionen sind außerdem geschichtsphilosophisch äußerst fragwürdig und historisch falsch. Demokratien mögen untereinander keine Kriege geführt haben,  die meisten ihrer Kriege allerdings waren alles andere als jus belli gegen Autokratien, sondern recht schäbige koloniale Gewaltunternehmungen, die im Nachhinein als Kampf gegen Autoritäre und Totalitäre zu rechtfertigen, den unzähligen Toten in Afrika, Südostasien und Südamerika bestenfalls Hohn spricht. Auch die so häufig bemühte These von der Friedfertigkeit von Demokratien lässt sich historisch nicht begründen. Schon die demokratisch verfasste attische Polis war ununterbrochen in Kriege verwickelt, ja am Anfang der Demokratie stand der Waffen tragende Bürger und eben das Recht des Bürgers, Waffen zu tragen. Im Vergleich zur römischen Republik nahm auch das folgende Kaiserreich sich wie eine pazifistische Selbsthilfegruppe aus. Demokratisch verfasste Gesellschaften waren im Gegenteil, auch weil sie ihre Kriege entsprechend ideologisch legitimieren konnten, in der Regel alles andere als friedfertig.

Dies schmälert keineswegs die Leistungen vor allem der USA und Großbritanniens, die eben auch Kriege für die Demokratie und gegen die nationalsozialistische Barbarei geführt haben. Spricht man von gerechten Kriegen, so sollte man sich nur hüten, Deutschland in einem Atemzug mit den Westalliierten zu erwähnen. Nicht der Westen zog in den Krieg gegen Gaddafi, sondern eine Allianz, der die Bundesrepublik fern blieb, so wie, wäre es nach ihr gegangen, Saddam noch heute in seinen Palästen in Bagdad säße.

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