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Kürzliche Beiträge
18. September 2011, 13.03 Uhr:

It's the Gas, Stupid

von Thomas von der Osten-Sacken

Enorme Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer. Und Griechen, Zyprioten und Israelis waren da irgendwie schneller als die Türkei. Also rasselt Ankara mit den Säbeln:

Turkey said on Saturday plans by Cyprus to begin gas exploration in the Mediterranean amounted to “provocation” and it would consider carrying out offshore surveys with northern Cyprus if drilling went ahead.

Auch wenn die EU zusieht und bestenfalls concerned ist, andere reagieren etwas rabiater. Ausgrechnet die Russen haben jetzt offenbar U-Boote in die Levante verlegt:

Russia has sent two nuclear-powered submarines to patrol Eastern Mediterranean waters around Cyprus and enforce the island’s right to explore for undersea oil and gas in its territorial seas, according to information from Defencenet.gr, citing a Russian FM spokesman.

The submarines are due in early September and are being interpreted as a clear warning to Turkey to stay away from Noble Energy’s drilling sites in Block 12. Noble is set to start exploring for undersea gas at the beginning of October along with Israeli energy company DELEK, which has reached an agreement with Noble Energy to share in its licensing deal with Cyprus, reported Globes.co.il.

Und auch in Ankara dürfte man wissen, dass es eines ist, mit den EU-Europäern Hardball zu spielen, etwas ganz anderes sich mit den Russen anzulegen.

17. September 2011, 23.20 Uhr:

Saddams Erbschaft, deutsche Hilfe

von Thomas von der Osten-Sacken

Erinnert sich noch wer: 1988, Halabja - als die irakische Armee die Bevölkerung der Stadt mit Giftgas bewarf, das zuvor auch mit tatkräftiger deutscher Hilfe produziert wurde? Mehr als 5000 Menschen starben damals sofort, die Spätfolgen sind bis heute nicht überwunden, wie gerade wieder Arbeiter in der Stadt feststellen mussten:

The discovery of a second unexploded Saddam-era chemical bomb in less than four days in the city of Halabja has raised fears that more bombs could be still in the city that may pose threats on the population. Last week, construction workers found remains of a war plane and a chemical bomb that had not exploded during the raid against the city in 1988 that killed more than 5,000 Kurds and injured about double the number. Following the removal of the bomb, medical sources told AKnews that some seven workers had been affected by the bomb as rashes started to appear on their skins.

Obwohl inzwischen bestens dokumentiert, bislang hat die Bundesregierung sich noch immer nicht bei den Kurden im Irak entschuldigt. Bekannt ist, dass neben Halabja an mindestens 45 weiteren Orten Giftgas von Saddam eingesetzt wurde. Saddams Erbschaft lebt weiter.

16. September 2011, 11.01 Uhr:

Ein Kritiker der palästinensischen Staatsausrufung

von Thomas von der Osten-Sacken

Harte Worte: The “September Initiative” is at best vague and confusing and at worst damaging to the interests of the Palestinian people. Regardless, it is entirely divorced from the will of the Palestinian people, and those advocating it have no democratic mandate from the people to employ it in any way that jeopardises our UN-sanctioned rights.

Sie stammen ausgerechnet von Omar Barghouti, einem der prominentesten Sprecher der BDS (Boykottiert-Israel)- Kampagne. Er fährt fort:

Ignoring the will of the people and potentially sacrificing their basic rights in order to secure some illusory advantages at the “negotiations” table hurts Palestinian interests and endangers the great advances our popular and civil struggle has achieved to date, particularly as a result of the global BDS movement.

It would in effect reduce the Arab Spring to a Palestinian autumn. Going to the UN should be strongly supported by all Palestinians - and, consequently, by solidarity groups worldwide - if done by a trusted, democratically elected, accountable leadership and if it expressly represents the will of the Palestinian people and our collective right to self determination.

Daraus lässt nur der Schluss sich ziehen, dass solange eine nicht demokratisch legitimierte Palästinenserführung nächste Woche diesen Antrag einreicht, die internationale Palästinasolidarität diesen Schritt nicht unterstützen sollten. Denn, so Barghouti, on the long run spielt die Anerkennung eines palästinensischen Staates, wie von Mahmoud Abbas vorgesehen, nur den Israelis in die Hände und schadet der palästinensischen Sache. Der Ratschlag aus ihrer Mitte kommt allerdings etwas spät, die ganze Propagandamaschinerie ist längst angeworfen.

Und ausgerechent in der Jerusalem Post fordert ein Kolumnist auch noch die israelische Regierung auf, in der Vollversammlung mit Yes zu stimmen.

Die Hamas dagegen ist not amused:

Barhoum stated that Hamas will not support any plan which recognizes Israel or goes against the Palestinian people’s rights, especially their right of return and self-determination. He also added that Abbas’ speech goes against the reconciliation agreement between Hamas and Fatah.

Ist am Ende die ganze Angelegenheit gar nur eine weitere zionistische Verschwörung? Sollte sie floppen, was keineswegs auszuschließen wäre, läge zumindest schon eine Erklärung parat.

16. September 2011, 10.35 Uhr:

Türkei unterstützt syrische Opposition und Regierung

von Thomas von der Osten-Sacken

Sechs Monate dauert der Aufstand in Syrien jetzt schon. Täglich vermelden Agenturen neue Tote und Verhaftete, täglich gehen Menschen wieder todesmutig auf die Straße. Und so richtig interessieren tut es eigentlich niemanden mehr, Nachrichten aus Syrien drohen so uninteressant zu werden, wie die aus dem zerfallenden Jemen.

Derweil scheint die Türkei, die im Sommer ja noch mit martialischen Worten aufgetetreten ist und alle zwei Wochen erneut erklärte, man habe die Geduld mit dem Assad Regime verloren, doch nicht so ganz, wie auch von der EU erhofft, an vorderster Front hinter den Protestierenden zu stehen, sondern weiterhin recht gute Kontakte nach Damaskus zu unterhalten. Gerade führte das syrische Staatsfernsehen den prominenten Deserteur Hussein Harmoush vor, der vor laufenden Kameras ein “Geständnis” ablegte. Nun stellt sich die Frage, wie Hamoush, der zuvor in die Türkei geflohen war, nach Syrien zurückgekommen ist. Oppositionelle werfen der türkischen Regierung nun vor, ihn entweder ausgeliefert oder zumindest geduldet zu haben, dass der syrische Geheimdienst ihn entführt :

Omar al-Muqdad, a prominent Syrian opposition activist who is now in exile in Turkey applying for refugee status, said the Turks handed al-Harmoush over to the Syrian secret police.

“The Turkish government is directly responsible for Harmoush’s destiny, because Harmoush was a refugee on their territory. They have to be honest about him. …under international rules, any country that receives him has to protect him,” al-Muqdad said.

Al-Harmoush had called on all Syrian soldiers to defect and mobilize against al-Assad. Eventually he fled Syria to Turkey.

Auf der anderen Seite, die Türkei hält sich alle Optionen offen, wurde gerade in Istanbul ein syrisches Oppositionsbündnis ins Leben gerufen, der Syrian National Council:

SNC’s charter describes the formation of an anti-Assad umbrella coalition as “a pressing necessity and its absence is an offense against the revolution.” It details three main principles: a unified effort to overthrow Assad’s regime, the desire to maintain the peaceful nature of the revolution, and a national initiative to create a democratic state that respects the equality of Syria’s diverse ethnic and religious groups. The council also asserted its aim to develop a roadmap for democratic change within Syria.

Anders als auf den Vorgängertreffen in der Türkei, scheint beim SNC die Muslimbruderschaft nicht allzu überrepräsentiert und erstmals wurden auch die Rechte der Kurden explizit anerkannt:

The charter added that all minorities and parties in Syria will have their rights guaranteed without any discrimination – and that includes recognition of the Kurdish identity, and reaching a fair solution to Kurdish issues within the scope of national unity.

 

16. September 2011, 01.03 Uhr:

Deutschland mahnt

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Bundesregierung mahnt: Nach der Erstürmung der israelischen Botschaft in Kairo hat die Bundesregierung beide Länder gemahnt, dass sich solche Vorgänge nicht wiederholen dürften.

Was aber soll Israel in Zukunft tun, wenn wieder ein Mob seine Botschaft stürmt und die Sicherheitskräfte des Landes ihn davon nicht abhalten, dass sich dies Ereignis nicht wiederhole? Leider gibt es keine Ratschläge aus Berlin. Dafür aber ein Beispiel der altbewährten bundesrepublikanische Nahostpolitik: immer und unbedingt beide Seiten zu ermahnen. Denn eines ist ja gewiss: was da unten auch passiert, irgendwie tragen die Israelis eine Mitschuld.

Und die Deutschen, sie sind einfach in jeder Hinsicht die berufenen Mahner.

Immerhin müssen, so scheint es, deutsche Regierungsvertreter Jordanien und Israel in nächster Zukunft nicht abgemahnen. Die Ankündigung, die israelische Botschaft in Amman zu stürmen, zu dem ein unseliges Bündnis aus Muslimbrüdern und Linken aufgerufen hatte, erwies sich als wenig spektakuläres Ereignis. Ein Marsch der Millionen sollte es sein, es kamen, den einen Quellen zufolge Dutzende, andere sprechen von hunderten Demonstranten.

Meanwhile, dozens of Muslim Brotherhood activists held a demonstration in front of the Israeli embassy in Amman, Jordan, demanding the cancellation of peace accords between the two countries and calling for the deportation of the Israeli ambassador.

15. September 2011, 13.04 Uhr:

Yemen: The lost nation

von Thomas von der Osten-Sacken

Der Herausgeber der Yemen Post über die hoffnungslose Lage in seinem Land, der lost nation. (Just for the record: Den Jemen pries die staatliche deutsche Entwicklungszusammenarbeit jahrelang als ein Schwerpunktland, in dem man äußerst erfolgreich arbeite. Seit Monaten allerdings hört man von diesen Erfolgen so gar nichts mehr, während mit Ankündigung und monatelang das Land sich in einen failed state verwandelt). Und damit wäre auch die verzweifelte Frage von Hakim Almasmari beantwortet: nein, selbstredend wird die “International Community” dem Jemen nicht zur Hilfe kommen, sondern weiter rat- und tatenlos zuschauen, wie das Land in jeder Hinsicht vor die Hunde geht:

With the Yemeni revolution entering its ninth months, no solution is in the air, and the world is lost on how to rid the country from exploding.
More than three million jobs have been lost this year and families know that the worse is ahead of them.
The government has lost control of security and nearly all civil rights and services have been cancelled.
Police stations nationwide are not willing to help people.
Courts have been closed for months, and judges stopped coming to court more than five months ago.
Electricity is on less than four hours a day in Yemen.
Prices of basic needs have increased more than 200 percent this year.
Universities and schools did not complete the previous school year.
Armed gangs and tribesmen created hundreds of checkpoints around the country.

Weiterlesen.

15. September 2011, 12.09 Uhr:

Libyen und die Scharia

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Welt titelt: Rebellen wollen die Scharia in Libyen einführen

Richtig aber müsste es heißen: Rebellen wollen Scharia in Libyen nicht abschaffen. Das wäre schon schlechte Nachricht genug.

Denn auch unter Gaddafi galt, spätestens  seit seiner berüchtigten 5. Punkte Ansprache 1973, die Scharia als einzige Quelle der Gesetzgebung.

Entsprechend irreführend argumentiert auch Daniel Bax in der Taz. Man solle keine Angst vor der Scharia haben, schreibt er, um dann gleich einzuschränken, dass dies nur bedingt für Frauen und Minderheiten gälte, also jenen, die traditionell eh die Hauptleidtragenden jeder Schariagesetzgebung sind:

Die Scharia ist dabei nicht das Problem - entscheidend ist, wie sie ausgelegt und angewandt wird. In den meisten arabischen Ländern beschränkt sich ihr Einfluss auf das Familien- und Erbrecht. Das geht oft zulasten von Frauen und religiösen Minderheiten.

Genau deshalb ist die Scharia das Problem. Nonchalant in Berlin das Gegenteil zu behaupten, um die eigene Behauptung dann umgehend wieder zu relativieren, verhöhnt all den Frauen, Homosexuellen, Agnostiker und Angehörige von Minderheiten, die in der Vergangenheit islamischer Rechtssprechung zum Opfer fielen. Scharia als Grundlage von Familien- und Erbrecht, als eine ohne Handabhacken und öffentliches Hängen, alleine ist in der Regel in ihrer Praxis schon furchtbar genug.

Bax tut zusätzlich auch noch so, als läge das Problem nicht vor allem an der Erbschaft des Gaddafi Regimes:

Von Dschalil, der schon als Justizminister unter Gaddafi im Ruf stand, sich für Menschenrechte einzusetzen, kann man erwarten, dass er fortschrittliche Gesetze bewahrt und eine Versöhnung von islamischem Recht mit Demokratie und Rechtsstaat für alle anstrebt.

Welche fortschrittlichen Gesetze sind hier gemeint? Gaddafi hat im wahrsten Sinne des Wortes in Libyen eine Wüste hinterlassen, in der Willkür und seine Auslegung des Koran herrschten. Was bitte soll da bewahrt werden. Bewahrenswert wäre, wenn überhaupt, die libysche Verfassung von 1951 gewesen, die sich im Vergleich zu der, auch von Linken so bejubelten, Konstitution des revolutionäre Libyens aus dem Jahre 1969, wie ein Dokument des Fortschrittes und der Emanzipation liest.

Die Libyer müssen deshalb auch de facto bei Null anfangen. Und von diesem Anfang wird auch abhängen, ob, wie Michael Totten schreibt, Libyen in fünf Jahren in great shape oder another Somalia sein wird.

Es gibt, so sehr man es sich in Europa auch herbeiwünschen mag,  keine irgendwie gute Form von Scharia, die mit einem säkularen Verständnis von Rechtsstaat und Demokratie vereinbar wäre. Entweder Religion wird Privatsache, das aber hieße die Scharia hätte keine unmittelbare Bedeutung mehr als politisches, gesetzgebendes Dokument, oder man lebt in einem religiösen Staat, dessen Gesetzgebung auf Ungleichheit und Diskriminierung fußt.

Kompromisse, wie in der neuen irakischen Verfassung niedergelegt, können dagegen als partielle Fortschritte gewertet werden, nicht weil sie von einer anderen, irgendwie besseren Scharia sprechen, sondern die islamische Gesetzgebung einschränken. Dort nämlich heißt es:

A. No law that contradicts the established provisions of Islam may be established.

B. No law that contradicts the principles of democracy may be established.

C. No law that contradicts the rights and basic freedoms stipulated in this constitution may be established.

Eine ähnliche Formulierung in der neuen libyschen Konstitution wäre das Mindeste, erst dann auch würde sich das neue Libyen signifikant von dem Vorgängerunrechtsstaat unterscheiden, denn noch steht im vorläufigen Entwurf lediglich: Human Rights and his basic freedoms shall be respected.

Update 16.9 : Immerhin hat Dschalil beim Besuch des türkischen Ministerpräsidenten den Aufbau eines demokratischen Staates nach dem Muster der Türkei zu(m) Ziel erklärt. “Wir wollen ein demokratisches, islamisches Land nach dem Vorbild der Türkei werden", sagte der Chef des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, bei einem Treffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Tripolis.

Nur: in der Türkei hat die Scharia keine Geltung. Wenn die Libyer dem Vorbild Türkei folgen wollen, was in diesem Fall äußerst wünschenswert wäre, dann müßten sie sich von ihrer gestrigen Erklärung umgehend wieder distanzieren. Kurz, es scheint (noch) wissen sie nicht wirklich, was sie eigentlich wollen. Und das wiederum lässt ein wenig hoffen. Denn Islamisten wissen ganz genau, was sie wollen und würden das türkische System niemals als ihr Vorbild bezeichnen. Es spricht Bände, wie die ägyptischen Mulsimbrüder auf Erdogans Äußerungen reagiert haben.


(Siehe auch: Entweder Scharia oder “man made laws”)

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