Schlüppis
Kürzliche Beiträge
16. Juni 2014, 00.13 Uhr:

Vom Wählen

von Thomas von der Osten-Sacken

Ein sinnloses Unterfangen sei es gewesen, in irgenwelchen Ländern zu intervenieren, statt dort möglichst starke Männer zu stützen, denn die Menschen, die dort lebten wollten ja überhaupt keine Demokratie, schon gar nicht nach westlichem Vorbild. Wie oft hat man das gelesen? Ob von rechts, links aus der Mitte?

Geschichten, wie die von der heutigen Wahl in Afghanistan, sprechen eine ganz andere Sprache und ganz naiv möchte man die Frage stellen: Wäre unter solchen Umständen wer hierzulande wählen gegangen?:

Mit Kugeln, Raketen, Sprengstoff und Messern versuchten die Taliban, die Afghanen an der Wahl zu hindern. Doch die Bürger haben sich nicht einschüchtern lassen: Die Wahlbeteiligung lag bei rund 52 Prozent.

Elf mit Tinte markierte Finger haben die Extremisten abgeschnitten, das Symbol der Wahlbeteiligung: Sie hatten älteren Männern aufgelauert, die im Westen der Provinz Herat aus ihrem Wahlbüro nach Hause zurückkehrten. Aber solche Gewaltexzesse schreckten viele Afghanen nicht ab. “Selbst wenn sie meine ganze Hand abhacken", sagte ein Wähler in Dschalalabad im Osten des Landes dem “Wall Street Journal” vor der Abstimmung, “ich werde trotzdem wählen gehen.”

Die Menschen in Afghanistan versprechen sich viel von ihrem neuen Präsidenten, und sie sind voller Hoffnung. “Wir sind hierhergekommen, um einen neuen Anführer zu wählen, und ich bin optimistisch, was die Zukunft Afghanistans angeht", sagte eine 19-jährige Wählerin. “Der neue Präsident sollte dem Land Frieden bringen, Jobs für junge Menschen schaffen und das Sicherheitsabkommen mit den USA unterzeichnen.” Und ein 22-Jähriger erklärte: “Die Menschen haben genug vom Krieg. Wir wollen, dass unser Land einmal so wird wie europäische Länder.”

 

15. Juni 2014, 15.56 Uhr:

Syrische Luftwaffe bombardiert ISIS

von Thomas von der Osten-Sacken

Eine neue Entwicklung, bislang gab es keinerlei Angriffe auf Raqqa, nun finden sie als Propagandashow statt, damit sich Assad und Teheran als die großen Kämpfer gegen den Terror inszenieren können. In Washington und Berlin wird man erleichtert aufatmen, applaudieren, über “strategische Kooperation” und “gemeinsame Gegner” sprechen … am Ende Assad an der Macht und den Iran die Bombe bauen lassen:

Syria’s army has been pounding for 24 hours major bases of the Islamic State of Iraq and al-Sham in coordination with the Baghdad government, a monitor said Sunday.

The strikes against ISIS – which has spearheaded a week-long jihadist offensive in Iraq – have been more intense than ever, said the Syrian Observatory for Human Rights.

“The regime air force has been pounding ISIS’s bases, including those in the northern province of Raqa and Hasakeh in the northeast,” which borders Iraq, said the Britain-based group. (…)

Once welcomed in Syria by rebels seeking Assad’s overthrow, the well-armed and well-organised ISIS soon gained the Syrian opposition’s wrath because of its quest for hegemony and systematic abuses.

In 2013, it took part in operations against government forces. But in recent months, it has exclusively fought against the Syrian rebels, who accuse the group of serving the interests of Assad’s regime.

A war pitting Syrian rebels against ISIS has killed more than 6,000 people, mostly fighters, since it broke out in January.

15. Juni 2014, 13.47 Uhr:

Nie ... nie ... wieder

von Thomas von der Osten-Sacken

Eine “Duty to protect” habe man in Konflikten, erklärte Obama im Jahre 2011 und schuf das “Atrocities Prevention Board” in den USA, das vor einem Monat noch stolz erklärte:

In order to make the U.S. Government more effective at preventing and responding to mass atrocities, the military has developed new doctrine, multiple agencies have made new training commitments, the U.S. Agency for International Development has launched a new “Tech Challenge,” and the intelligence community is working on a new National Intelligence Estimate.

Und ebenfalls vor wenigen Monaten gedachte man in Europa dem Völkermord in Ruanda und bekundete lautsstark, so etwas dürfe nie wieder geschehen.

Erinnert sich noch wer?

Heute stellt Isis diese Bilder ins Netz und dokumentiert stolz, wie ihre Gotteskrieger 1 700 irakische Soldaten, die meisten Mitglieder einer Offiziersschule, die sie in Mosul gefangen genommen haben, exekutieren (Und das ist nur eine der Monstrositäten, die sie gerade begehen):

14. Juni 2014, 23.55 Uhr:

In den Antiterrorkampf mit dem Iran

von Thomas von der Osten-Sacken

Weil es ein Fehler war, ja wir sehen es ja langsam ein, dass der Westen in Afghanistan  Jihadisten unterstützt und damit auch Al Qaida gestärkt hat, deren Nachfolger, die Isis,  jetzt im Irak auf dem Vormarsch sind, sollte man aus seinen mistakes lernen und stattdessen besser in Zukunft mit dem Iran den Kampf gegen den Terror führen. Teheran und Damaskus (halb so wild, dass Iran und Syrien in jedem Bericht einer jeden  amerikanischen oder europäischen Regierungsbehörde als die zwei größten staatlichen Terrorsponsoren geführt werden) sind die idealen Partner und außerdem bieten sie sich ja auch grad an wie sauer Bier.

Also wirbt der Peter Oborne im Telegraph für ein neues Bündnis, und wie es aussieht, überlegen auch in Washington schon die ersten Strategen, ob das nicht die Lösung ihres Dilemmas wäre:

Again and again since the 9/11 attack on the twin towers in 2001, the Iranians have offered cooperation against al-Qaeda and its allies. These entreaties have repeatedly been turned down. It is time for President Obama and David Cameron to acknowledge that we have been helping to sponsor terror for the past few decades. We have to choose new allies, and they must include Iran. If we carry on with our present deluded course, the threat to the West will only grow more dangerous.

Wie wär’s, wenn in Zukunft die Hizbollah das Training für britische Antiterroreinheiten übernähme unter Aufsicht von Herrm Soleymani, dem größten Terrorismusexperten aus dem Iran?

Der Michael Lüders, führender deutscher Nahostexperte auf allen Kanälen, drückt den Gedanken ähnlich aus:

Und natürlich bedarf es auch eines Durchbruchs in den Atomgesprächen mit dem Iran. Der Iran und die westlichen Staaten, die Europäer, haben denselben Feind: ISIS. Und es wäre wirklich tragisch, wenn nun die Atomgespräche scheitern würden. Dann würde der Iran keine Veranlassung sehen, ISIS zu bekämpfen, sondern würde das uns überlassen.

For the record. Diese steht im US Report State Sponsors of Terrorism Overview zu Iran und al Qaida:

Iran allowed AQ facilitators Muhsin al-Fadhli and Adel Radi Saqr al-Wahabi al-Harbi to operate a core facilitation pipeline through Iran, enabling AQ to move funds and fighters to South Asia and also to Syria.  Al-Fadhli is a veteran AQ operative who has been active for years.  Al-Fadhli began working with the Iran-based AQ facilitation network in 2009 and was later arrested by Iranian authorities.  He was released in 2011 and assumed leadership of the Iran-based AQ facilitation network.

Und dies zu Syrien:

The Syrian government had an important role in the growth of terrorist networks in Syria through the permissive attitude the Asad regime took towards al-Qa’ida’s foreign fighter facilitation efforts during the Iraq conflict.  Syrian government awareness and encouragement for many years of violent extremists’ transit through Syria to enter Iraq, for the purpose of fighting Coalition Troops, is well documented.  Syria was a key hub for foreign fighters en route to Iraq.  Those very networks were the seedbed for the violent extremist elements that terrorized the Syrian population in 2013. 


14. Juni 2014, 15.53 Uhr:

Hizbollah gefragt

von Thomas von der Osten-Sacken

Eine unmittelbare Auswirkung hat der Vormarsch der Isis im Irak: Schiitische Milizionäre, die seit Jahren in Damaskus gegen die Aufständischen kämpfen, werden abgezogen oder kehren freiwillig in ihre Heimat zurück, um dort gegen Isis in den Krieg zu ziehen. Die Lücken muss die Hizbollah auffüllen, denn die syrische Armee ist inzwischen weitgehend demoralisiert und kampfmüde, es reicht gerade noch einmal barrel bombs auf Wohnviertel zu werfen.

Weitere tausend Hizbollah Milizionäre müssen also in den Kampf geschickt werden, einen Kampf, der im Libanon auch unter den Schiiten zunehmend unpopulär wird und bei dem alleine in den letzten Tagen wieder 29 Milizionäre ums Leben gekommen sind:

Twenty-nine Hezbollah fighters have been killed in Syria’s Rankous in the last two days, during clashes with the opposition, Free Syrian Commander Abu Omar Alloush told NOW.

Alloush also denied “claims” made by Hezbollah officials that extremist Islamists were fighting Hezbollah and regime troops in Rankous.

“We assure [you] that what is happening in Rankous is an uprising led by the town’s residents against Hezbollah and the Baathist army, as a result of their humiliation and hunger,” he said.

13. Juni 2014, 15.45 Uhr:

Al Quds Airforce

von Thomas von der Osten-Sacken

Hillary Clinton, die anders als ihr Nachfolger John Kerry, noch irgendwie versucht hat, Außenpolitik zu betreiben, warnte gestern zu Recht vor zu schnellen Vorstößen der US-Administration angesichts des Desasters im Irak:

Former US secretary state and potential presidential candidate Hillary Clinton has cautioned against another military intervention. Speaking to the BBC Newsnight programme she said Iraq’s prime minister Nouri al-Maliki should meet a number of preconditions before the US granted him military support. “Maliki has to be willing to demonstrate unequivocally that he is a leader for all Iraqis, not for a sectarian slice of the country,” she said.

Aber, so sieht es aus, einmal mehr wird die Obama Administration die falsche Entscheidung treffen und nun, Monate zu spät,  plötzlich überhastet dem so kläglich gescheiterten irakischen Premier zu Hilfe eilen. Der allerdings hat in den letzten Jahren nicht nur die irakische Armee so konfessionalisiert, dass sie de facto zu einer schiitischen Miliz transformiert ist, die in sunnitisch dominierten Städten wie Mosul als Besatzungsmacht wahrgenommen wird, er hat de facto den ganzen Irak in einem iranischen Vasallenstaat verwandelt und im Auftrage Teherans etwa zehntausende von Milizionären nach Syrien entsandt.

Indem sie jetzt dieser Regierung militärische Unterstützung zusagt, ohne auch nur eine Konzession dafür zu verlangen, also mindestens die Bedingung zu stellen, im Gegenzug müsse in Bagdad eine inklusive Notstandsregierung die Amtsgeschäfte übernehmen, an der repräsentativ Vertreter aller Bevölkerungsgruppen beteiligt sind und der Iran müsse außen vorgelassen werden, akzeptiert Washington nicht nur, dass Teheran Revolutionsgardisten in den Irak entsendet, ja das State Department äußert sich gar positiv über diesen Schritt:

We’ve encouraged them to play a constructive role in Iraq,” Ms. Psaki said about the Iranians.

Großzügig erklärt Teheran im Gegenzug, man prüfe eine Zusammenarbeit mit den USA:

„Wir können gemeinsam mit den Amerikanern den Aufstand im Nahen Osten beenden“, sagte ein hochrangiger iranischer Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters unter Hinweis auf die Kämpfe im Nachbarland. „Wir haben großen Einfluss im Irak, in Syrien und in anderen Staaten.“

Sollten die USA es zulassen, dass iranische Truppen im Westirak zum Einsatz kommen, ja ihnen gar noch die Luftwaffe machen, werden dort sich selbst all jene, die bislang gegen ISIS und die mit den Jihadisten verbündeten Anhänger Saddams opponieren, den Jihadisten anschließen. Denn niemand ist dort so verhasst, wie der Iran.

Und Teheran wird am Ende als großer Gewinner dastehen, die USA dagegen als die letzten Idioten, die sich nun im Kampf gegen den Terror mit dem größten Paten aller Terroristen im Nahen Osten verbünden. (Was diese Zusammenarbeit für Folgen für das iranische Atomprogramm und die entsprechen Verhandlungen haben hätte, man möchte es sich gar nicht ausmalen.)

Weiterlesen.

12. Juni 2014, 17.28 Uhr:

Mosul und die Fehler amerikanischer Politik im Irak

von Thomas von der Osten-Sacken

David Romano analysiert in Rudaw, was die USA in den letzten Jahren im Irak falsch gemacht haben und weshalb es zu den desatsrösen Entwicklungen kam. Nein, es war nicht falsch Sadddam zu stürzen, wie es jetzt wieder allenthalben in deutschen Medien heißt, die seiner “Stabilität” und “starken Hand” hinterhertrauern.

Was heute im Irak geschieht ist eben, da hat Romano völlig Recht, nicht die Folge verfehlter Demokratiebemühungen in Regionen, in denen, wie uns ja gerade wieder alle möglichen Nahostexperten erklären, die Menschen wahlweise nicht in einigermaßen freien Ländern leben wollen oder dazu in der Lage seien. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall:

For years, Washington promoted a “united Iraq” and stronger central government over all other considerations. While occasionally paying lip-service to the need for Prime Minister Maliki to “share power more,” the Americans effectively gave Mr. Maliki carte blanche to do as he likes. They delivered huge sums of money, weapons, training and other aid to Baghdad, including this month’s delivery of the first of thirty-six F-16 fighter planes. While American diplomats appeared resolute in siding with the Maliki government in its disputes with the Kurds and others wanting more decentralization of power, they showed no such commitment to Iraq’s constitution and the clear limits it places on Baghdad’s authority.

When during the past several years Maliki blocked the legal formation of more regions in Iraq, even going so far as to send his security forces to arrest Sunni Arab politicians trying to exercise their constitutional rights on the matter, the United States had nothing to say. When Baghdad failed to incorporate Sunni Awakening Councils into the armed forces or allow Sunni Arab regions to look after their own security (something which is also constitutionally permitted), no more than a few murmurs of concern were heard from Washington. When Baghdad cut off the Iraqi Kurds’ share of the budget, spokespersons in Washington remained mum.

Now the Americans are shocked, and asking themselves how some rag-tag ISIS Jihadis, outgunned and outnumbered by Iraqi military forces in Mosul by around 15 to 1, managed to overrun the city. “We gave them so many weapons, training and money,” they exclaim, “and now they won’t even step up to the plate.” Policy makers in Washington should also ask themselves how the Iraqi Kurds, who received next to nothing in military or financial assistance, manage to hold out against the Jihadis and keep their region secure.

The answer, I think, has to do with governance. Kurdish fighters feel that their regional government represents them and are willing to fight for it and their land. In contrast, Shiite Iraqi Army recruits do not know Sunni areas like Mosul and do not want to be there, much less die there. Sunni soldiers, meanwhile, do not feel that the government they serve is theirs. They have seen their communities shut out by Maliki and his disconnected politicians in Baghdad. The Sunni Arabs faced serious persecution in the last couple of years, seeing their peaceful protests violently put down by Maliki and their elected leaders sidelined and hunted down one by one.

Allowing constitutionally-envisioned decentralization of power and the formation of other regions could have stopped this and put locals in charge of their own security and finances. This never happened except for in Iraqi Kurdistan, and even there local governance has come under threat by Maliki’s pressure (although Washington could not care less, of course). In the rest of Iraq, promised money and governing authority from Baghdad hardly filters down to the regions, and security forces take all their orders from far-away politicians of the central government.

Given how badly the Americans continue to misread Iraq, whoever in Washington has been making U.S. policy there should be transferred to the Fiji, Mauritius or similarly important desks as quickly as possible. The real threat in Iraq was never Kurdish secession, but rather renewed authoritarianism in Baghdad and the resistance this would spark in excluded communities. Instead of being so overbearingly “respectful of Iraq’s territorial unity,” the Americans should have been a bit more concerned with Iraq’s constitutional integrity and the decentralization it promised.

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