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Kürzliche Beiträge

Gastbeitrag von Danyal Casar

Polizisten drangen heute in den Hauptsitz des oppositionellen IMC TV ein, wo bis zuletzt Redakteure und Freunde ausharrten. In der Hoffnung, dass nicht auch dieser Schlag der türkischen Staatsfront unter der AKP gegen die säkulare und antinationalistische Opposition außerhalb der Türkei achselzuckend hingenommen wird, führte Danyal Casar (vom Blog Cosmoproletarian Solidarität) folgendes Gespräch mit Rosa Burç.

 

Nachdem es seit längerem vom türkischen Satellitendienst ausgeschlossen ist, konkretisierte sich Ende der vergangenen Woche die Drohung, dass das oppositionelle IMC TV gezwungen wird, jeglichen Sendebetrieb einzustellen. Kannst du mir näheres dazu sagen?

IMC TV wurde Anfang des Jahres vom türkischen Staatssatelliten TÜRKSAT genommen. Seitdem ist der Nachrichtensender gezwungen, von einem europäischen Satelliten und über das Internet in die Türkei zu senden. Damals wurde die Kündigung der Sendelizenz nur auf Empfehlung der Staatsanwaltschaft, das heißt ohne eine rechtliche Grundlage, veranlasst. Dass IMC TV nun auf der aktuellen Liste der per Dekret des Staatspräsidenten zu schließenden Radio- und Fernsehanstalten ist, erfuhren die Leiter des Senders über die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi vergangenen Donnerstag. Seit Dienstag Mittag ist der Sendebetrieb eingestellt. Dem Sender, wie auch weiteren 12 Fernsehsendern, wird unterstellt, terroristische Gruppen zu unterstützen und damit die nationale Sicherheit zu gefährden. Also Anschuldigungen, denen IMC TV als unabhängiger und oppositioneller Sender immer wieder ausgesetzt ist.

Es dauert nunmehr ein ganzes Jahr an: das Schänden von Leichen, das demonstrative Hissen der türkischen Flagge auf Ruinen, die Selbstporträts Siegestrunkener vor zertrümmertem Mobiliar, die Unterwerfungsaufforderungen an den Fassaden. Die Militäraktionen im kurdischen Südosten werden durchgeführt als Demütigung und Rache. IMC TV gilt als entschiedener Kritiker der türkischen Katastrophenpolitik im Südosten, doch ohne sich selbst als kurdisch zu verstehen. Ist das Selbstverständnis von IMC TV mehr ein antinationalistisches?

IMC TV hat sich nicht nur als entscheidender Kritiker des Kriegskonzeptes im Südosten herausgestellt, sondern als einziges Medium, das über eben diesen Krieg und all die andauernden Menschenrechtsverletzungen konsequent und ohne Zensur berichtet hat. Teilweise haben die Reporter lebensgefährliche Einsätze riskiert, um aus den vom türkischen Militär belagerten Städten zu berichten. Man denke hier nur an die Verwundung des IMC-Kameramanns Refik Tekin. Er filmte Ende Januar wie eine Gruppe Zivilisten in der kurdischen Stadt Cizre ihre Opfer bergen wollten und mit weißen Fahnen die Straße überquerten, als das türkische Militär das Feuer auf die Gruppe eröffnete. Refik Tekin wurde auch getroffen, ließ aber seine Kamera weiterlaufen. Am nächsten Tag hieß es dann in den türkischen Zeitungen, dass ein „Terrorist als Kameramann getarnt” im Konflikt schwer verletzt wurde. Es ist allgemein bekannt, dass im Krieg zuerst die Wahrheit stirbt. Seit fünfeinhalb Jahren nun hat sich IMC TV in der türkischen Medienlandschaft als ein Kämpfer um die Wahrheit und ein Verfechter der Demokratie herausgestellt. Dass dabei der Sendeschwerpunkt auf der Kurdenfrage und der Minderheitenfrage liegt, ist der innenpolitischen Situation der Türkei geschuldet. Oft wird IMC TV aus diesem Grund als ein pro-kurdischer/kurdischer Nachrichtensender bezeichnet, jedoch versteht sich der Sender als eine Art Antithese zum türkischen Medienmainstream, der nationalistisch, sexistisch, rassistisch, militaristisch und staatstreu ist.

Bei einer Razzia gegen Özgür Gündem verhaftete die Polizei auch Gülfem Karata?, die für IMC TV bei der erzwungenen Schließung des kurdischen Tagesblattes anwesend war. In Haft drohten Polizisten ihr an, sie zu vergewaltigten, und schmähten sie, die Brut von Armeniern und Juden zu sein. In der staatstragenden Gazette Aksam verhöhnte sie ein Kolumnist, dass Polizisten blind sein müssten, um sich an ihr zu vergehen. Wie weit ist die Verrohung des nationalistischen Boulevards vorangeschritten? Ist eine solche Hetze gegen Kritiker tagtäglich?

Die Schließung der türkisch-kurdischen Tageszeitung Özgür Gündem und die Angriffe auf IMC-Reporterin Gülfem Karatas zeigen exemplarisch die Herangehensweise des türkischen Staates auf zwei zentrale Demokratiefragen des Landes: Kurdenkonflikt und die Stellung der Frau. Kurdische Medien in der Türkei haben ihren Ursprung in der Hawar-Zeitung, die in den 1980er Jahren von kurdischen Inhaftierten des Gefängnisses in Diyarbakir herausgegeben wurde und das einzige und erste Medium war, worin die Klagen (kurd. Hawar) der Kurden und die Missstände in den Gefängnissen handschriftlich festgehalten wurden. Özgür Gündem ist im Grunde die Fortführung dieser Tradition. Sie wurde in den 1990er Jahren mit der Idee gegründet, den Kurden und demokratischen Kreisen ein Sprachrohr zu geben und auf staatliche Repressionen aufmerksam zu machen.

Bekanntlich waren die 1990er Jahre eine dunkle Zeit in der Türkei. Damals wurden die Redaktionsräume der Zeitung zwei Mal von türkischen Kampfjets bombardiert, viele Redakteure verloren ihr Leben in Untersuchungshaft, wurden auf offener Straße erschossen oder waren gezwungen, das Land zu verlassen. Aus diesem Grund hat die Tageszeitung Özgür Gündem eine besondere Stellung im Bewusstsein aller demokratischen Kräfte des Landes. Nun wurden die Redaktionsräume zum 50. Mal in der Geschichte geschlossen, und zwar wieder mit der Begründung der „Terrorpropaganda". Die türkische Regierung zeigt damit, dass sie keinerlei Ambitionen verfolgt, die Kurdenfrage mit demokratischen und friedlichen Projekten zu lösen. Im Fokus der Säuberungswellen liegen im Grunde nur kurdische und oppositionelle Medien, die sich für eine demokratische Türkei stark machen und eine alternative Debatte in der Kurdenfrage fördern.

Begründet wird die de-facto Gleichschaltung der Medien damit, dass ein „Regime der nationalen Einheit” aufgebaut werden müsse, um sich vor den „Feinden der türkischen Demokratie” zu schützen. Das Einheitsregime definiert sich über die Parolen „eine Nation, eine Flagge, ein Vaterland, ein Staat” und propagiert ein nationalistisches Narrativ. Im Grunde ist die Türkei unter Erdogan wieder zurück auf ihre Werkseinstellungen à la „Wie glücklich ist der, der sich Türke nennt” oder „Die Türkei den Türken".

Türkischen Boulevardblättern kommt hierbei eine zentrale Rolle zu, da sie durch Hetze, Desinformation und gezielte Manipulation zur allgemeinen Meinungsbildung im Sinne des Einheitsregimes beitragen. Wo wir bei der zweiten zentralen Frage wären: Die Stellung der Frau. Nationalismus und Sexismus sind zwei Phänomene, die besonders in der Türkei nicht von einander zu trennen sind. Je stärker die „nationale Einheit", desto sexistischer die Parolen. Und genau damit war IMC-Reporterin Gülfem Karatas konfrontiert bei ihrer Festnahme.

In den vergangenen Tagen wurde auch Murat Özyasar verhaftet. Ein gefeierter Prosaist und Autor der oppositionellen Evrensel. Kannst du mir näheres über seinen Verbleib sagen?

Murat Özyasar ist ein junger Autor, der für seinen ersten Kurzgeschichtenband zwei wichtige Literaturpreise in der Türkei bekam und seitdem als Nachwuchskünstler zelebriert wird. In seinen Geschichten geht es meist um den Alltag in kurdischen Provinzen und die literarische Auseinandersetzung mit Krieg und Zerstörung. Die Polizei hat Murat Özyasar in seiner Wohnung in Istanbul verhaftet und nach Diyarbakir gebracht. Bis jetzt durfte er keinen Anwalt sprechen, weshalb wir bislang keine Informationen über seinen Verbleib oder die gemachten Anschuldigungen haben. Dass immer mehr Kritiker des Staates ins Visier der Regierung geraten, ist nichts Neues in der Türkei. Die Verhaftung von Özyasar, einem Kulturschaffenden, ist aber weitaus mehr. Der türkische Staat zensiert nicht nur seine Kritiker, sondern schafft jeglichen Raum für Kunst und Kultur ab. Also ein Vorgehen, das mit der Verbrennung von Büchern gleichzusetzen ist. Ähnliches lässt sich auch sagen über die andauernde Festnahme von Asli Erdogan, einer weltweit bekannten und mehrfach preisgekrönten Schriftstellerin. Das sind alles Anzeichen dafür, dass wir es mit der Errichtung eines faschistoiden Regimes zu tun haben.

Die oppositionelle Halklarin Demokratik Partisi solidarisiert sich mit IMC TV. Ihren Abgeordneten droht infolge der Aufhebung der parlamentarischen Immunität die Verhaftung. Gibt es konkrete Anzeichen, dass es sie als nächstes treffen wird?

Die HDP verfolgt, genauso wie IMC TV, einen pluralistischen Demokratiegedanken für die Türkei. Daher auch die Solidarisierung. Seit einiger Zeit wird versucht über verschiedene Wege, zum Beispiel über die Immunitätsaufhebung, die Abgeordneten der HDP aus dem politischen Geschehen auszugrenzen. Der Ausschluss der HDP aus dem Parlament würde auch die Kurdenfrage aus dem Parlament drängen und ihr keine zivilen Räume mehr für eine Lösung bieten. Das ist von der Regierung auch so beabsichtigt. Die massive Zerstörungspolitik in den kurdischen Städten wie Cizre, Silopi, Sirnak oder Sur hat gezeigt, dass die Regierung die kurdische Frage nur auf militärischen Weg „lösen” möchte. Diese Städte wurden nicht zufällig ausgesucht. Es handelt sich nämlich um Hochburgen der HDP, die bei den Wahlen im Juni und November 2015 Erdogan daran gehindert haben, über eine Dreiviertelmehrheit die Verfassung zu ändern und das Präsidialsystem einzuführen. Da seit der Vereitelung des Putschs am 15. Juli 2016 das Land per Dekret des Staatspräsidenten regiert wird, kann man heute von einem zivilen Putsch unter Erdogan sprechen. Die Amtsinhaber und Amtinhaberinnen der demokratisch gewählten Provinzstädte wurden im Rahmen der Notverordnungen des Ausnahmezustandes abgesetzt und durch Statthalter aus Ankara ersetzt. Das Ziel ist es nun, die drei Großstädte Diyarbakir, Mardin und Van, die noch von der HDP regiert werden, mit Statthaltern zu besetzten. Auf dem Weg dahin werden alle potentiellen Sprachrohre, also demokratische und unabhängige Medien, zensiert und geschlossen. So kann die Institutionalisierung des autoritären Regimes unter Erdogan ungestört voranschreiten.

Die vergangenen Tagen harrten Redakteure und Freunde im Hauptsitz von IMC TV aus. Gibt es eine Solidaritätskampagne, an der sich auch hier beteiligen lässt?

Unter den Hashtags #imctvsusturulamaz und #SesimeDokunma laufen verschiedene Solidaritätskampagnen in den sozialen Netzwerken. Darüber hinaus sind alle Journalistenverbände dazu aufgerufen sich mit IMC TV und allen anderen Sendern, Radioanstalten und Zeitungen zu solidarisieren, die unter den massiven Eingriffen in die Meinungs- und Pressefreiheit leiden und die Gleichschaltung der Medien in der Türkei zu verurteilen.

Zur Person: Rosa Burç ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Die Tochter des Chefredakteurs von IMC TV, Eyüp Burç, forscht und referiert zum türkischen Nationalismus und der Situation der Kurden in der Türkei.

3. Oktober 2016, 23.39 Uhr:

Deutscher Wirtschaftsminister legitimiert Verbrechen des Holocaustleugner-Regimes

von Thomas von der Osten-Sacken

Gastbeitrag von Kazem Moussavi

Vizekanzler Sigmar Gabriel behauptete vor seiner Iran-Reise dass es diesmal bei den Teheraner Mullahs angeblich um “kritische Gespräche über Syrien” und die Menschenrechte und die Anerkennung Israels gehen soll.

Außerdem präsentierte sich Gabriel im Flugzeug nach Teheran den ihn begleitenden Journalisten mit einer Regime-Zeitung in der Hand, die auf persisch titelt (Übersetzung: Kazem Moussavi): “Diesen Burschen der Zionisten sollen sie nicht in den Iran reinlassen! Deutscher Wirtschaftsminister, der mit politischem Gepäck heute nach Teheran kommen wird, sagt, dass er zu Gesprächen mit der iranischen Regierung über die Anerkennung Israels, die Menschenrechtsfragen und Syrien nach Teheran kommt!“ (Siehe Bilder unten!)

gabriel-im-flugzeug

Gabriel aber sagte in Teheran kein Wort über Hinrichtungen, den Syrienkrieg und die Vernichtungsdrohung gegen Israel, sondern legitimierte alle diese Verbrechen der Mullahs mit den Worten: “Sie haben eine andere Beziehung zum Status der Religion. Sie haben außenpolitisch einen anderen Blick auf die Welt, etwa bei Syrien. Sie sehen den Konflikt zwischen Israel und Palästina anders. (…) Aber es ist gut, über diese schwierigen Fragen zu sprechen.”

Gabriel hat einen Vertrag zwischen der Deutschen Bank und der iranischen Nationalbank abgeschlossen, womit dem Regime die Geldwäsche in Deutschland erleichtert wird, auch zur Finanzierung seiner weltweiten islamistischen Terrornetzwerke.

28. September 2016, 07.48 Uhr:

Jürgen Todenhöfer zu Gast im Theater der syrisch-arabischen Republik

von Thomas von der Osten-Sacken

Von Dr. Firas Khoury

(Übernommen vom Deutsch-Syrischen Informationsforum)

Am 26.09 veröffentlichte Jürgen Todenhöfer ein Interview, das sein Gespräch mit einem angeblichen Nusra-Kommandanten zeigen soll. Wer dieser Mann ist, welche Position er hat und welche Glaubwürdigkeit er besitzt, wurde nicht hinterfragt. In der Regel läuft die Kommunikation über offizielle Sprecher oder Bekanntmachungen und nicht über unbekannte Personen.

Herr Todenhöfer geht sogar so weit aus dem Interview den Beweis zu ziehen, dass die westlichen Politiker die Dschihadisten von der Nusrafront aktiv unterstützen. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Hr. Todenhöfer sich aktuell in dem von der Regierung kontrollierten Stadtteil Aleppos aufhält. Er kann nur unter strenger Aufsicht und Kontrolle des syrischen Regimes und dessen Geheimdiensten operieren. Bisher hat Herr Todenhöfer noch niemals die von der Opposition gehaltenen Gebiete wie Idlib oder Ost-Aleppo bereist, um sich dort direkt vor Ort einen Überblick über die Lage zu verschaffen und mit den verschiedenen Rebellengruppen zu sprechen. Arrangiert wurde das Treffen von einem angeblichen Rebellenkontakt Todenhöfers, doch hier wurde er offensichtlich vom syrischen Regime in die Irre geführt. Denn nach Sehen des Videomaterials bleiben für Kenner der Syrienmaterie und der syrischen Rebellengruppen mehr Fragen als Antworten.

Für Todenhöfer ist dies ein neuer Tiefpunkt in seiner Syrienberichterstattung, der sich mit seiner Naivität hier von einer syrischen Regierungspropaganda instrumentalisieren lässt. Die interviewte Nusra Person spricht nicht aus Sichtweise der Nusra, sondern bestätigt 100 Prozent die Regimemeinung. Alle Antworten wirken sehr gestellt und einstudiert. Dass die Aussagen in sich widersprüchlich sind, scheint keinen Verdacht bei Todenhöfer zu wecken, zu sehr ist er begeistert von dem Interviewten seine Sichtweise bestätigt zu bekommen. Dass es eigentlich nicht sein kann, dass ein Dschihadist öffentlich jemals zugibt, mit israelischen Offizieren, dem inoffiziellen Todfeind von Dschihadisten, und weiteren amerikanischen und katarischen Offizieren in Aleppo vor Ort zusammenzuarbeiten und zu koordinieren. Das ist genauso abstrus wie der Goldring an dem Finger eines Dschihadisten, denn gerade gläubige Muslime sollen keinen Goldschmuck tragen.

Dass die Nusrafront in einem Interview eines anonymen Mannes offen zugibt, dass Nusra die Hilfslieferungen an die Bevölkerung behindert, würden diese ja jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung in den Oppositionsgehaltenen Gebieten verlieren. Diese Schuldzuweisung stellt doch vielmehr die Regierungssichtweise dar. Mit einem solchem Schuldeingeständnis und dem Zugeben, Das heißt konkret, wenn selbst diese falschen Beschuldigungen der syrischen Staatsmedien stimmen würden, würde doch niemals ein Nusra Mann diese öffentlich bestätigen.

All das sollte reichen, dass auch Hr Todenhöfer zusammen mit Sohn hätten erkennen müssen, dass ihnen hier ein Schauspiel orchestriert wurde. Er hielt sich im vom Assad Regime kontrollierten Stadtteil von Aleppo auf und wurde von diesem zu einem gestellten Interviewtermin in einem „Steinbruch bei Aleppo“, das entsprechend den Angaben aus dem Video der Gegend um die Zementfabrik zugeordnet werden konnte, das unter Regierungskontrolle steht. Ein von Rebellengruppen gehaltenes Gebiet hat Herr Todenhöfer jedenfalls nicht betreten.

Auch unsere Kontakte in Ost-Aleppo konnten die Existenz dieses Nusrakommandanten nicht bestätigen, sondern bestätigen uns vielmehr, dass die Aussagen des Mannes komplett aus der Luft gegriffen und erfunden sind. So befinden sich in keinster Weise israelische oder sonstige Offiziere in Aleppo. Sie gehen vielmehr davon aus, dass Hr. Todenhöfer bewusst vom Regime manipuliert wurde und hier einen Regimeanhänger interviewt hat.

Der syrische Konflikt ist hochkomplex und undurchsichtig. Doch genau deswegen ist auch ein präzises journalistisches Arbeiten notwendig. Es geht hier auch in keinster Weise um eine Verharmlosung der Rolle der Al Nusra, doch Jürgen Todenhöfer hat hier offensichtlich versäumt, die Quelle genau zu verifizieren. Mit dem Ausstrahlen dieses unechten Interviews hat sich Todenhöfer zu einem Apologeten des syrischen Regimes gemacht und verharmlost die ungeheuerlichen Kriegsverbrechen des syrischen Regimes, wie sie aktuell auch in Aleppo enthemmt fortgeführt werden.

(Update: Inzwischen hat Fateh al-Sham offiziell erklärt, nie ein Interview mit Herrn Todenhöfer geführt zu haben: )

26. September 2016, 15.23 Uhr:

Denen das Leben nehmen, die es zu erhalten versuchen

von Thomas von der Osten-Sacken

Gastbeitrag von David Kirsch

Alles hat bekanntlich ein Ende. Die Liebe zweier Menschen, langjährige Freundschaften, die geschäftliche Zusammenarbeit zweier Vertragspartner oder aber auch die Funktionstüchtigkeit einer batteriebetriebenen Uhr.

Manchmal gibt es aber Dinge, die – wenn schon kein Ende – dann zumindest Grenzen haben. Dazu gehört dann wohl „die Geduld mit Russlands andauernder Unfähigkeit oder Unwilligkeit, sich an seine Verpflichtungen zu halten“ , wie die Außenminister Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens, der Vereinigten Staaten von Amerika und der Europäischen Union jüngst in einer gemeinsamen Erklärung bekanntgaben.

Was war es diesmal gewesen, das die mutigen Damen und Herren dazu veranlasst hatte, sich zu einem in entschlossener Tinte verfassten Joint Statement aufzuraffen?

The outrageous bombing of a humanitarian convoy, the Syrian regime’s public denunciation of the CoH, continuing reports that the regime is using chemical weapons, and the unacceptable ongoing regime offensive on eastern Aleppo, supported by Russia, blatantly contradicts Russia’s claim that it supports a diplomatic resolution.“

Diesmal scheint es also das Bombardement eines Hilfskonvois gewesen, der in Aleppo unterwegs gewesen war und damit das Ende des ohnehin nie wirklich durchgehaltenen Waffenstillstands in Syrien markierte. Nur Minuten nachdem das syrische Militär die Vereinbarung aufgekündigt hatte, hagelte es in einer bisher kaum dagewesenen Intensität dutzende Bomben auf die 31 Hilfstrucks des „Roten Halbmonds“.

Man wollte vor allem Lebensmittel und lebensnotwendige Medizin in die von den Rebellen gehaltenen Gebiete in Aleppo liefern: Flour, Essen und Winterkleidung. Es war einer der ersten Versuche der Hilfslieferungen, die unter dem Waffenstillstandsabkommen ermöglicht werden sollten.

„Our outrage at this attack is enormous“, wütet auch Staffan de Mistura – Syrienbeauftragter der UN. Viel enormer noch ist aber die Art und Weise der Angriffe, welche in blutiger Kooperation zwischen Russland und dem Assad-Regime erfolgten:
Mittels eines „Double-Tap“-Strikes zerstörte man erst mindestens 18 Trucks und ermordete schließlich diejenigen, die den Verwundeten zur Hilfe kamen.

Unter ihnen auch jene, die als Zeichen der Anerkennung für ihre beispiellose Selbstaufopferung in Syrien jüngst für den Alternativnobelpreis nominiert worden waren: Die Weißen Helme Syriens.

„Rescue volunteers with the Syria Civil Defense — a group known as the White Helmets that was recently nominated for the Nobel Peace Prize for saving lives during more than five years of war — reported that three of its four centers were targeted Friday morning. Two of those centers, the volunteers say, were put out of service.“

Längst schon ist klar, worum es Putin und Assad in Syrien geht.

Es geht um die Zerstörung des letzten Keimes an Humanität und Zivilisation.
Um die Verhinderung von Leben inmitten einer Hölle des Todes, in die Syrien durch Flächenbombardements, Chemiewaffenangriffe, Terror und das entsetzte Verfassen von empörten Erklärungen verwandelt wurde.
Es geht darum, all jenen das Leben zu nehmen, die es mit unvergleichbarer Kraft und Hoffnung zu erhalten versuchen.


Wenngleich das Leben eines jeden Menschen endlich und begrenzt ist, so scheint es eine Sache zu geben, mit der es sich anders verhält.
Die unaufhörliche Barbarei in Syrien – sie ist unendlich und grenzenlos.

23. September 2016, 22.49 Uhr:

Erkärung von Helfern des Syrischen Roten Halbmonds

von Thomas von der Osten-Sacken

Angesichts des Rumgeeiers der so genannten Internationalen Gemeinschaft melden sich zwei Freiwillige des Roten Halbmonds zu Wort:

World leaders continue to debate who carried out the attack Monday on a UN/SARC relief convoy in Aleppo — an attack that killed 13 of my colleagues, including our regional director Omar Barakat.

We know with absolute certainty who carried out the attack. We know that Russian aircraft were in the sky, and that Russian munitions were found at the site of the horrific attack on our convoy. We know that this two-hour long sustained aerial campaign against our fellow aid workers was not an accident–it was deliberate.

We have seen dozens of similar attacks here in Aleppo, targeting hospitals, ambulances, schools, and marketplaces. And all too often, we witness this same “double tap” strategy: an initial airstrike, followed by a second airstrike targeting rescue workers.

We are aid workers and volunteers in the Syrian Arab Red Crescent, sworn first and foremost to help our people, and to be neutral. Yesterday, the world celebrated World Peace Day, while here in Aleppo, bombs continued to rain down on civilians who we are sworn to help.

We saw over a dozen aid workers and volunteers killed in an airstrike on the UN/ SARC convoys four days ago. The next day, airstrikes targeted a medical point in rural Aleppo, and 5 more medical workers were killed in the strike. These attacks on our colleagues and friends are systematic, and unacceptable.

In front of the UN, Secretary Kerry insisted that all aircraft in northern Syria be grounded to prevent attacks on innocent Syrians and allow in humanitarian aid, like the convoy that was attacked. We need that to be implemented and enforced. We need these attacks from the sky, which target our humanitarian colleagues and civilians, to stop immediately.

Omar Halabo and Mahmoud Zaza, SARC  volunteers in Aleppo

22. September 2016, 08.40 Uhr:

Vor dem eigenen Ende: Das letzte Selfie

von Thomas von der Osten-Sacken

Ein Bild, das zur Ikone des ganzen Irrsinns in Syrien werden sollte.

Gestern eroberte ISIS einige Dörfer nördlich von Aleppo zurück, die von Einheiten der FSA gehalten wurden.

Kurz bevor die Islamisten die Stellung, die seine Einheit verteidigte, stürmten - Hoffnung auf Rettung vor dem sicheren Ende bestand keine mehr - sendete diese FSA Kämpfer noch ein letztes Bild von sich. Er weiß, er nimmt es auf und in wenigen Minuten wird er nicht mehr sein.

21. September 2016, 22.08 Uhr:

Irre und vergiftet: Sprache im Syrienkonflikt

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Rolle der USA sei inzwischen im Syrienkonflikt zumindest für die Opposition, die ja angeblich von den USA unterstützt werde, “toxic” geworden, schreibt Hassan Hassan und Foreign Policy bezeichnet “Obama’s Syria Strategy” als die “Definition of Insanity".

Und er ist ganz sicher nicht der einzige, der Begriffe benutzt, die eigentlich der medizinischen Sprache entstammen. Das sei alles irgendwie irre, verrückt, pathologisch, selbstdestruktiv … Immer öfter liest man solche Wörter, die eigentlich aus der Psychatrie oder Psychologie stammen.

Und wohl völlig zu Recht greifen immer mehr, die diesen Konflikt beschreiben, zu solchen Begriffen, denn in der Tat ist das alles, legt man vermeintlich normale Maßstäbe oder einen einigermaßen geeichten moralischen Kompass zugrunde, völlig verdreht, verzerrt, das Gegenteil dessen scheinbar richtig, was man bislang als richtig empfand. Die Hauptakteure auf der internationalen Bühne, vor allem Amerikaner und Euroäer, wirken alle wie sediert, Schlawandler, benehmen sich, als litten sie unter kognitiver Dissonanz oder irgendwelchen Zwangstörungen. Ihre Interesselosigkeit - deshalb immer auch die Frage: Was wollen die eigentlich? - ist gespenstisch, ihre Indifferenz gegenüber dem Leiden, das sie mit verursachen, nicht zum Aushalten.

Regeln, von denen man bislang annahm, sie gälte noch irgendwie, scheinen dagegen völlig außer Kraft gesetzt oder bewusst gebrochen worden zu sein.

Die Regeln, die dagegen gelten, sind eben sowohl völlig verrückte als auch barbarisch, sie mögen einer eigenen Binnenlogik folgen, an die aber möchte man, will man ein bißchen Restverstand und Humanität sich noch bewahren, sich weder halten noch sie akteptieren.

Und so wird es eben auch immer verrückter, noch in herkömmlicher Sprache diesen Konflikt beschreiben oder gar analysieren zu wollen, einem droht dabei wider Willen sich nur mit dem Irrsinn gemein zu machen.

So ist es vermutlich ein verzweifelter Ausweg, sich all dieser Begriffe aus der Psychiatrie zu bedienen, sie alleine scheinen dem ganzen zumindest noch ein wenig gerecht zu werden.

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