Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Kürzliche Beiträge
19. Juli 2016, 16.58 Uhr:

Säuberungen

von Thomas von der Osten-Sacken

19. Juli 2016, 15.59 Uhr:

Wie man zum Soldaten des Kalifats wird

von Thomas von der Osten-Sacken

Orlando, Nizza und nun Würzburg. Und nach jedem Anschlag geht die große Fragerei los: War das islamistisch motiviert, der Täter als Islamist bekannt? Und dann stellt sich jedes Mal heraus: Das waren keine Mohammad Attas, die jahrelang akribisch ihre Tat vorbereitet haben. Der Islamische Staat ist eben nicht Al Qaida, der Terror hat sich transformiert und eine ganz neue Qualität erreicht.

Ist diese neue Strategie des IS und anderer Jihadisten nun so schwer zu verstehen? Oder will man sie nicht verstehen? Handelt es sich bei den Reaktionen vielmehr um eine Form kognitiver Dissonanz, um sich die Konsequenzen gar nicht erst ausmalen zu müssen? Weil sie schier unerträglich sind?

Denn zum Soldaten des IS wird man eben nicht, weil man sich dem IS anschließt, sondern erst wenn man im Namen des IS mordet und totschlägt. Erst dann ist man auch IS – egal was man vorher war und getan hat. So lautet das Versprechen aus Raqqa und gilt jedem auf dieser Welt: Töte, töte möglichst viele möglichst barbarisch und posthum wirst Du einer von uns werden, ein Märtyrer, berühmt, erinnert. Egal, was Du und wer Du bis gestern warst, Deine Tat wird Dich zu einem von uns machen. Nimm eine Axt, ein Messer, Dein Auto, was auch immer als Waffe dienen kann in Küche und Keller, und töte! Und Du wirst berühmt! Dies ist, und natürlich wissen sie es, der Alptraum eines jedes Geheimdienstes, denn diese Typen, die da morden, radikalisieren sich teilweise in wenigen Wochen und laufen unter jedem Radar, sind vorher weitgehend unauffällig und eben keine Mohammad Attas mehr. Sie sind einfach Irgendwers.

Und ein Dutzend von diesen Irgendwers werden ausreichen, um ganze Gesellschaften zu paralysieren und in den finalen Irrsinn zu treiben. Und das wiederum wissen die Irgendwers von morgen. Dies ist die Perfektion des Terrorismus, es bedarf keiner klandestinen Kommunikation oder Organisation, keine Gelder müssen heimlich verschoben werden, keine Spuren deuten deshalb auf die geplante Tat hin. Da ist nur der Irgendwer, seine Stimme im Kopf und der Aufruf des Kalifates.

(Erstveröffentlicht bei MENA-Watch)

19. Juli 2016, 15.28 Uhr:

Aus der Hölle

von Thomas von der Osten-Sacken

Heute morgen enthaupteten Kämpfer von Nour al-Din al-Zenki in Aleppo einen 13jährigen Palästinenser, der für Assads Armee kämpfte. Wer will kann sich das Video ergoogeln und anschauen, teilen tue ich es nicht. Soviel: Gleich werden sie dem Kind den Kopf abschneiden und lächeln vorher in die Kamera. Ja sie lächeln, fast entzückt.

Zenki wurden von den USA unterstützt, erhielten sogar TOW Panzerabwhrraketen.

Der Kampf um Aleppo wird auf allen Seiten an Barbarei in den Schatten stellen, was man bislang aus Syrien gewohnt war. Und die Welt ist live dabei, denn 2016 kann man sich live mit all seinen Schandtaten brüsten.

In Aleppo geht es kaum noch um die Frage, wer denn nach fünf Jahren Schlächterei die Guten seien. Es geht um die Frage: Willst Du das wirklich zulassen? Soll vor unser aller Augen diese Hölle auf Erden weitergehen, Tag für Tag schlimmer werden? Bislang lautet die mehr oder minder einhellige Antwort: Ja! Und wenig spricht dafür, dass sich in den kommenden Tagen und Wochen daran irgend etwas ändern wird.

18. Juli 2016, 13.01 Uhr:

Die Hälfte aller Parlamentssitze für Frauen

von Thomas von der Osten-Sacken

Tunesien ist immer wieder für ein paar erfreuliche Nachrichten gut:

Tunisia’s parliament overwhelmingly passed a bill on Wednesday that will greatly help the country to increase female representation across the country at next year’s March 2017 local elections.

The new laws will see parties or blocks put forward an equal number of male and female list leaders, which should step up representation.

While the previous law made moves towards gender parity, critics say that, in practice, the first candidate listed was almost always a man, leading to only 68 out of 217 (31 percent) total seats in Tunisia’s parliament currently being held by women.

The law was supported by 127 MPs, with three against and four abstaining, although not all MPs turned out to vote. The shift, say advocates, marks a leap for Tunisia – which already has one of the highest proportion of seats held by women in national parliaments compared to other countries in the region – and sets the country’s female politicians on a course for even greater influence.

17. Juli 2016, 16.42 Uhr:

Zu Tode gehungert und bombardiert

von Thomas von der Osten-Sacken

Nun ist es soweit. Die Castello Road, einziger verbleibenden Zugang in die von Rebellen gehaltenen Teile Aleppos ist endgültig blockiert:

 

Was das für die verbliebenden Menschen heißt – niemand weiß genau wieviele es sind, Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 300.000 in diesen Stadtvierteln Aleppos eingeschlossen sind? Ein Arzt gibt Auskunft:

An American doctor treating the horrific injuries suffered by Syrian civilians has warned that the closure of a vital highway has put 300,000 people at risk of death and starvation. Dr. Samer Attar, a Chicago-based orthopedic surgeon who volunteered to help local medics in the embattled city of Aleppo, said last weekend’s severing of the Castello Road has already caused shortages of food and medicine.
‚People are running out of fresh fruit and meat. Hospitals and their staff are exhausted,‘ he told NBC News from southeastern Turkey, where he returned after a two-week stint in a makeshift underground hospital. The entire city ‚is going to be bombed and starved to death … unless the international community acts,‘ he said.

Nur, die International Community, was immer dies auch sein mag, wird nicht handeln, sondern zuschauen. So wie sie zugeschaut hat, als die Damaszener Vorstädte Ghouta und Darayaa eingeschlossen, mit Giftgas bombardiert und ausgehungert wurden.  So wie sie an unzähligen anderen Orten zugeschaut hat. Und die UN spricht es inzwischen ganz offen aus:

Wir sind gescheitert, wenn es um medizinische Hilfe geht. Humanitäre Helfer konnten nicht vordringen, es fehlt an allem. Mit das Schlimmste in Syrien ist, dass es keine medizinische Hilfe gibt und dass entgegen jedem Kriegsgesetz humanitäre Einrichtungen immer wieder das Ziel von Angriffen sind – mehr als überall sonst auf der Welt, sagt Syrien-Gesandter Jan Egeland.Elisabeth Hoff von der Weltgesundheitsorganisation WHO ergänzt: Das Schlimme ist, dass Verbandsmaterial, Antibiotika und Betäubungsmittel grundsätzlich aus den Hilfskonvois rausgeholt werden. Dabei brauchen die Zivilisten dringend Hilfe. Die Menschen können noch nicht mal in Frieden sterben, weil es keine Schmerzmittel gibt.‘“

Kurzum, wer das Pech hat, in Aleppo geblieben zu sein, der darf nun vor aller Augen langsam verrecken. Ein Tod mit Ansage.

17. Juli 2016, 16.30 Uhr:

Drei Tage, drei Tweets

von Thomas von der Osten-Sacken

Der Putsch in der Türkei und die Folgen in drei Tweets:

17. Juli 2016, 13.33 Uhr:

Nach dem Putschversuch in der Türkei: Falsche Flaggen, falsche Sehnsüchte

von Thomas von der Osten-Sacken

Gastbeitrag von Felix Riedel (Zuerst erschienen auf Nichtidentisches)

Der Putsch in der Türkei nährt autoritäre Sehnsüchte. Zunächst identifizierte sich fast jede und jeder mit den Putschisten, allein aufgrund des Schlagwortes „säkular“. Wer die bleierne Zeit eines säkularen Regimes in der Türkei als Spätgeborener noch einmal erahnen möchte, dem sei der türkische Film „Yol“ empfohlen. Die Militärdiktatur von 1980 begründete das Bündnis mit Konservativismus und Islam, um die Linken zu zerschlagen und den Gebrauch der kurdischen Sprache zu verbieten. Alternativ genügt ein Blick auf das Verhältnis des Westens zu solchen „säkularen Diktaturen“. Während viele europäischen Staaten Monarchien bleiben und vom Säkularismus allenfalls noch die Gewaltenteilung, nicht aber die Trennung von Staat und Kirche übernahmen, rennt man außerhalb Europas noch jedem faschistischen Regime hinterher, das „Säkularismus“ gegen den „Terrorismus“ verspricht. So hat man dem folternden Evren-Regime Militärhilfen geleistet, so war es in Ägypten, so war es in Libyen, wo viele Konservative und Linke noch immer Gaddafi hinterhertrauern, und so ist es in Syrien, wo man dem „säkularen“ Assad ethnische Säuberungen und genozidale Strategien durchgehen lässt.

Nichts verhält am Wort „Säkularismus“ noch zur Glaubwürdigkeit, nichts darin ist ein Versprechen, solange der realexistierende, inkonsequent säkulare Staat nur durch sein Anderes, den Djihadismus, definiert ist, gegen den er dann das „Bessere“ noch sei. Ohne den Djihadismus müsste man sich die Misere der Säkularisierung eingestehen, so aber kann man von Sehnsuchtsorten, von Schnapsbuden schwärmen, die es wenigstens „noch gibt“ – Nostalgie, die nicht für ein Besseres kämpft, sondern sich das Hier und Jetzt am Schlimmeren schönredet. Das ist eine gute deutsche Tradition, die aus dem absoluten Grauen den ultimativen Stabilisator des realexistierenden Systems formte. Besser Hindenburg als Hitler, besser Hitler als Chaos, besser die Sowjets als ein Atomkrieg, besser Saddam Hussein als Djihadismus, besser die Sowjets als die Taliban, besser eine Militärdiktatur in Ägypen als eine demokratisch legitimierte islamistische Regierung, besser die Ordnung der Diktatur als ein Flächenbrand. So geht es bei jedwedem Konflikt. Der bürgerliche Egoismus dahinter verschleiert seinen Wunsch, hauptsache selbst keinen „aufen Dez“ zu kriegen, als weise Voraussicht und Reifeschritt. Mit historischer Analyse hat das wenig gemein.

Die Paradoxie, dass ausgerechnet in der autoritärsten Institution eines Staates, seinem Militär, eine Opposition entstehen solle, führt dazu, dass Putsche stets nur dort erfolgreich sein konnten, wo sie als bewaffneter Arm eines demokratischen Willens agieren konnten und stets dann in faschistoide Gewalt umschlagen müssen, wenn sie gegen die Majorität Politik machen. J.J. Rawlings etwa gilt in Ghana immer noch als Volksheld, weil er ein durch und durch korruptes Regime zweimal wegputschte und letztlich doch der heutigen Demokratie in Ghana halbwegs friedlich den Weg bereitete. Scheiternde Putsche im Namen einer real bedrohten Minderheit lösen häufig besonders brutale Gegenreaktionen aus.  Mehr aber lässt sich an Struktur aus dem Putsch als Form nicht ableiten. Putsche sind wie alle Geschichte Spezifik, die zu studieren man sich nicht durch „News“ ersparen kann.

Der bedeutendste scheiternde Putsch ist vielleicht der indonesische. Dilettantisch organisiert und vom eigentlich umworbenen Sukarno fallen gelassen weckte die brutale, genozidale Gegenreaktion Suhartos den Mythos von einer false-flag-Aktion. Suharto selbst hätte den Putsch organisiert, um sich an die Macht zu bringen. Lesenswert dazu ist die Untersuchung von John Roosa: „Pretext for Mass-Murder“. Die Parallelen zum türkischen Putsch sind frappierend. Kaum ist in der Türkei der Putsch als gescheitert bezeichnet, kaum ziehen Erdogans marodierende Banden auf, werden Richter entlassen und die Todesstrafe gefordert, sprechen jene, die Stunden vorher ihr vollstes Vertrauen in die Authentizität der Putschenden setzten, auf einmal von einer false-flag-Operation Erdogans. Eine Analyse von stratfor.com erklärt den Dilettantismus aus der anstehenden Pensionierung von Hauptakteuren. Dabei hätte ein erfolgreicher Putsch zwangsläufig den bisherigen Autoritarismus Erdogans in den Schatten gestellt: die längst nicht mehr mehrheitlich säkulare Armee von AKP-Soldaten zu säubern, Proteste der islamischen und demokratischen Opposition zu zerschlagen, islamische Richter entlassen, die Todesstrafe durchsetzen, all das konnte kein besseres Ende nehmen als eine Friedhofsruhe, in der dem Islamismus wieder einmal die honorige Rolle der demokratischen Opposition zufällt. Einem Regime aber, das mit eiserner Faust die türkische Gesellschaft neu ordnet, hätten sich zuallererst Russland, China und Syrien, sehr bald auch Iran angedient.

Eine alternative, wohlmeinendere Erklärung wäre, dass die letzten säkularen Kräfte in der Armee noch einmal versuchen wollten, wenigstens eine symbolische Drohung gegen den islamischen Staat am Bosporus zu formulieren, Erdogan mit der Bombardierung des Palastes den Schrecken noch einmal einzujagen, den er verbreitet. Dass sie wussten, dass sie gegen die jedem bewusste Stärke Erdogans verlieren würden, dass sie also gar keinen durchgearbeiteten kalt kalkulierten Plan bis zur Herrschaft hatten und dennoch riskierten, aufgerieben zu werden, einfach aus demselben altmodischen Aberglaube der Aufklärung heraus, der auch auf Umwegen die Islamisten antreibt: die Gewissheit, dass es Schlimmeres gebe als den Tod.

Diesen Aberglaube hat der bürgerliche Egoismus gründlich überholt. Niemand mit Verstand und privater Rentenvorsorge stirbt mehr für Hirngespinste wie Freiheit oder Ideale. Dem Islamismus Erdogans, der wie der Viktorianismus die Einheit von Profitmaximierung und Kontrolle der unterdrückten Triebe verspricht, hat diese bürgerliche Ideologie wenig entgegen zu setzen. Der Westen könnte seine kritischen Quellen, bei weitem nicht nur Marx und Freud aktivieren, aber dies würde zwangsläufig in die depressive Position führen: Dass der Luxus und die Freiheit im Gegenwärtigen in einem Schuldzusammenhang aus historischer primitiver Akkumulation und aktueller Verlagerung von Ausbeutung an die Peripherie befindet. Nur unter Leugnung der absoluten aktuell und künftig produzierten Unfreiheit lässt sich die Manie über die relative Freiheit im Hier und Jetzt aufrecht erhalten.

Aufklärung ist totalitär. Sie lässt sich nicht als halbe Wahrheit gegen die halben Lügen der Ideologien verteidigen. Solange man auf dem kapitalistischen Gleis fährt, nur weil es bei uns so gut funktioniert mit der Gleichzeitigkeit von Kirche und High Tech, wird man Beifahrer wie den Islamismus haben, der genau das gleiche verspricht: Smartphones, Bosporusbrücken und Moscheen, in denen die Sharia gepredigt wird. Aber Kirchen sind doch immerhin besser als die Sharia, wird wieder der bürgerliche Egoismus einwenden, der ja heute nicht mehr auf dem Scheiterhaufen landen muss und auch die Masturbationsverhinderungsapparaturen im letzten Jahrhundert ablegte.

Kritische Theorie denkt solches „besser als“ jedoch im Verhältnis zu den Möglichkeiten. Das „notwendig falsche“ Bewusstsein ist ein anderes als das überkommene, böse gegen gesellschaftlich ermöglichtes Wissen und Vernunft gewordene Wahnsystem der ausgehöhlten religiösen Rituale, mit dem sich partout nicht mehr streiten lässt. Quantität erzeugt qualitative Sprünge.

Der Westen ist wegen seiner Möglichkeiten „schlimmer“ als Erdogan, wenn er diesen anheuert, um syrische Flüchtlinge mit aller Gewalt in Syrien oder wenigstens in der Türkei zu halten. Und trotz derselben Möglichkeiten, Gesellschaft zu verstehen, denkt man aus kalt kalkulierter Idiotie „koa Fünferl weit“, was aus dem zwangsläufig zu genozidaler Gewalt prolongierten syrischen Krieg wird, wenn man durch Nichtintervention seine Erweiterung auf die Türkei riskiert. Saving the penny, killing the refugee, denkt sich das bürgerlich egoistische Europa und schickt vorsichtig erst einmal die gleichen unglaubwürdigen Mahnungen zum Frieden in den Äther, mit denen es seit fünf Jahren den Opfern Assads „beisteht“. Europa hätte sich mit einer erfolgreichen Militärdiktatur in der Türkei aus eben den gleichen Gründen abgefunden wie es sich mit Erdogans ohnehin schon lange fortschreitender Islamisierung von Gesellschaft und Armee arrangierte, wie es mit der jeweils spezifischen Unfreiheit in der Krim, der Ost-Ukraine, Syrien, Iran, Nordnigeria, Turkmenistan, Weißrussland, Russland, und allen anderen der 47 offiziell nichtfreien Länder lebt. Die ideologische Obdachlosigkeit des Westens nährt den bärbeißigen Islamismus Erdogans ebenso wie jene autoritären Sehnsüchte nach einem stahlharten diktatorischen Säkularismus dort, wo man trotz aller Möglichkeiten nicht einmal in Deutschland die Abschaffung des Religionsunterrichts durchsetzen kann.

„There must be some kind of way out of here – said the joker to the thief.“

 

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …