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Kürzliche Beiträge
9. März 2011, 02.26 Uhr:

Das Freie Libyen ist online

von Oliver M. Piecha

Inmitten der Kämpfe beginnt das neue Libyen Gestalt anzunehmen; das “Transitional National Council” hat jetzt auch eine Netzadresse:

To connect with our people at home and abroad, and to deliver our voice to the outside world, we have decided to establish this website as the official window of communication via the world wide web.

Die außenpolitischen Beauftragten des “Nationalen Übergangsrates” haben am Dienstag in Straßburg in einer Rede vor EU-Parlamentariern die Anerkennung der provisorischen Regierung gefordert. Die Vertreter des libyschen Nationalrates befürworteten ausdrücklich eine Flugverbotszone. Die vehementen Vertreter eines engagiert-konstruktiven europäischen Nichtstuns formieren sich allerdings auch bereits:

“Wer einen solchen Luftkrieg in Libyen möchte, tut gut daran, über die Folgen samt aller Kollateralschäden nachzudenken", sagte der Grünen-Fraktionschef Trittin zu “Spiegel Online". Er setzte sich damit vom Fraktionschef der Grünen im Europäischen Parlament, Daniel Cohn-Bendit, ab. Dieser hatte zuvor eine Flugverbotszone gefordert. Neben Trittin warnte auch die Linkspartei, eine zu offene Parteinahme des Westens könne Gaddafi in die Hände spielen. Sie forderte deshalb die Bundesregierung auf, im Sicherheitsrat eine Flugverbotszone abzulehnen. (reuters)

Während man sich mancherorten schon einmal Gedanken macht, was man alles ablehnen müßte, bevor es überhaupt zur Entscheidung ansteht, wissen die Bewohner der belagerten Stadt Zawiyah, was sie erwartet. Sie haben sich nun schon tagelang gegen mit Panzern vorgetragene Angriffe einer Eliteienheit unter dem Kommando des Gaddafisohne Khamis gewehrt. Einem Team von Sky News ist es mittlerweile gelungen, zu den Aufständischen vorzudringen:

How is it that the defenders succeeded again and again?
It is because their situation was desperate and their options few.
This is how a rebel fighter explained the brutal reality: “One: we fight, we win, we survive.
“Two: we fight, we die. Three: we fight, we lose and we are executed.”

Das war jetzt hoffentlich nicht eine “zu offene Parteinahme".

9. März 2011, 01.58 Uhr:

Die große Einmischung

von Thomas von der Osten-Sacken

Eindrücklich beschreibt Lee Smith, was geschehen könnte, sollte sich der Aufstand in Libyen in einen Bürgerkrieg verwandeln, in den sich dann alle möglichen regionalen Akteure einmischen werden:

If it becomes clear that Qaddafi has successfully fortified himself, foreign money will take a position in the conflict. And given the nature of regional actors and Qaddafi’s past relationships with them, it is not difficult to guess who will back the colonel and who will stake the rebels.

The Kingdom of Saudi Arabia sees any hot zone in the Middle East as a potential dumping ground for its homegrown jihadists. In the past, Riyadh dispatched its extremist youth to Afghanistan, Algeria, Bosnia, and Iraq, in the hopes that they would die there. We know what came next. The Saudis would see a war-torn Libya as another opportunity to get rid of their domestic problem. They have no love for Qaddafi, who tried to have King Abdullah assassinated in 2003.

Iran can hardly be expected to ignore a vacuum where it might enhance its regional strategy. A presence in any place offering a border with U.S. allies like Egypt and Tunisia is good for Tehran. The Islamic Republic’s ally Syria would likely come down on Qaddafi’s side as well, especially since Syrian intelligence services built their ties to Qaddafi during an earlier Middle East civil war in Lebanon.

8. März 2011, 21.04 Uhr:

How to raise a democratic child in the new Egypt

von Thomas von der Osten-Sacken

Aus Ägypten kommen viele Meldungen, die klingen, als hätte sich de facto in den vergangenen Wochen nichts oder doch bestenfalls nur sehr wenig verändert, dominierten weiter Gewalt, Frauenfeindlichkeit, konfessioneller und anderer Hass den Alltag. Heute alleine kam es zu tödlichen Zusammenstößen zwischen Kopten und Muslimen und eine Demonstration zum Weltfrauentag wurde von einer Gruppe Männern aufgemischt, die brüllten:

“Men are men and women are women and that will never change and go home, that’s where you belong.”

Dann aber findet sich, und auch das ist eben Ägypten heute,  in Al Ahram ein Text wie dieser, in dem den Lesern liebevolle  Ratschläge gegeben werden, wie demokratische Grundprinzipien in der frühkindliche Erziehung Anwendung finden sollten.

For aslong as we can remember, Egyptian parents have passed on the attitudes that reflect deeply-rooted belief in centralising the process of decision-making, marginalising the views of younger members of the family, even those who compensate and take decisions that favour of their children don’t include their little ones in the process. They simply notify them with the end results. Such an attitude not only unties the younger ones from the family, but also implements in their subconscious the very first seeds of dictatorship and polarisation of ideas. Parents should become conscious of when they do this, stop immediately and replace their attitude with a system of alternative methods that will prove the importance of every member of the family through sharing ideas and voting to make a decision. (…)

Throughout the process of bringing our children up it is very important to show them in a practical way that all opinions are subject to assessment and discussion. This gives way to a broad margin of flexibility. Every now and then parents can open a discussion in front of their children. They can elaborate on an idea, give their opinions, one parent can adopt an idea and the other embrace an opposite one, etc. The child can witness one of them letting go of his own and simply reflecting upon each opinion after a reasonable debate.

Warum es allerdings in Ägypten so schwer, ja leider vermutlich unmöglich sein dürfte, die Revolution  zu einem erfolgreichen Ende zu bringen, erklärt Christopher Hitchens in diesem kenntnisreichen, klugen und unbedingt lesenwerten Essay.

7. März 2011, 13.32 Uhr:

"It's the same thing here!" oder Antizionismus revisited

von Oliver M. Piecha

Ideologisch wird die Gemengelage im Nahen Osten immer subtiler; die Behauptung, die mit Panzern in Städte vordringenden Streitkräft Gaddafis täten dasselbe wie die Israelis damals im Gazastreifen, kommt doch bestimmt von den Aufständischen, die so die unerhörte Unmenschlichlichkeit Gaddafis an einer sozusagen mit dem ewigen Gütesiegel versehenen, jedem aufrechten Antizionisten sofort eingänglichen Paralelle demonstrieren wollen.

Nee, es ist echt subtiler:

Gaddafi said his forces were fighting al Qaeda and and “international terrorists". Appearing composed and calm in the television interview, Gaddafi liked his forces clamp down on his opponents in Libya to Israel’s behaviour in Gaza:

“Even the Israelis in Gaza, when they moved into the Gaza strip, they moved in with tanks to fight such extremists. It’s the same thing here! We have small armed groups who are fighting us. We did not use force from the outset… Armed units of the Libyan army have had to fight small armed al Qaeda bands. That is what’s happened.”

(Guardian)

5. März 2011, 02.18 Uhr:

Geht das Feuer aus?

von Oliver M. Piecha

Es zeugt schon von einem gewißen medialen Sättigungsgefühl, wenn nun die Frage auftaucht, ob es daß nun war, vor allem wegen der Entwicklung in Libyen.

If Libyan leader Muammar Gaddafi and his family had been driven from power within days then the momentum of Tunis and Cairo would have been maintained. […] Brendan Simms, a professor of international relations history at Cambridge University, was quoted on Friday by Reuters as saying that “Libya is where the fire of revolution from Tunisia and Egypt could go out. The stakes are very high.” (BBC)

Seit bestimmt zwei Wochen (drei?) ist keine Regierung mehr im Nahen Osten gestürzt worden, und in Libyen wird es blutig und zunehmend unübersichtlich. Im Jemen demonstrieren sie nun auch schon seit vier Wochen (oder sind es drei?), in Bahrain werden momentan keine Demonstranten mehr erschossen, sondern man verhandelt, in Ägypten haben sie grade das Archiv der Staatssicherheit in Alexandria abgefackelt, aber Ägypten ist doch fast schon vorbei, und in Tunesien, aber das dringt kaum noch durch, ist der Abstimmungstermin über eine neue Verfassung bekannt gegeben worden. Und Al Quaida freut sich angeblich doch über die ganze Entwicklung, kann man in der Washington Post lesen, und den ersten Mahnern fällt auf, daß sich unter den liebevoll “Rebellen” genannten Aufständischen in Libyen wohl auch nicht ganz so wenige Mitglieder der Islamic Fighting Group befinden werden. Jordanien, Algerien, Oman, Mauretanien, Djibouti, Marokko, Syrien, Irak, da war auch überall irgendetwas, aber so richtig spektakulär war es bisher nicht, sogar Kuwait tauchte mal kurz auf, was war da noch mal? Und bei den Saudis soll ja auch, man hört ja immer wieder was, aber so richtig, bisher? Eben. Und im Iran geht auch nichts wirklich voran.

Was wäre eigentlich gewesen, wenn nur Ben Ali in Tunesien gestürzt worden wäre? Es gälte vermutlich immer noch als Sensation, und man würde jeden zweiten Tag etwas über Menschenansammlungen in den Souks von Tunis lesen, oder von Demonstrationen irgendwo am Rande der Wüste.

Wenn das Feuer der Revolution nun droht auszugehen, ist dann bald alles wieder so wie vorher?

4. März 2011, 20.34 Uhr:

Künstler singen für Diktatoren

von Oliver M. Piecha

Nelly Furtado hat es getan, 2007, 45 Minuten lang, Mariah Carey hat es auch getan, für 1 Million Dollar, 2008, 50 Cent hat es 2005 in Venedig getan und Beyonce am Neujahrstag 2009. Auf derselben Party hat Usher es auch getan. Bis auf Usher und 50 cent haben alle schon gesagt, sie wollen ihre horrenden, vom Gaddaficlan spendierten Gagen für wohltätige Zwecke stiften. Denn sie wußten nicht, was sie taten. Mariah Carey hat dafür die wohlabgewogenen Worte gefunden:

“I feel horrible and embarrassed to have participated in this mess,” she said in a statement. “This is a lesson for all artists to learn from.”

So sind sie, die großen Künstler. Für eine Million Dollar auch mal gerne etwas weltfremd und moralisch indifferent.
(BBC)

4. März 2011, 01.12 Uhr:

Großakademischer Kollateralschaden

von Oliver M. Piecha

400 wohlalimentierte “future leaders” waren sein Karriereende. Elitenförderung, Einwerbung von Drittmitteln, gestern noch bejubelt, heute ein Rücktrittsgrund; die Welt ist ungerecht. Sir Howard Davies, der Chef der London School of Economics, geht.
Seine Leistungen: 1,5 Millionen Pfund Spenden von Saif al Islams “Wohltätigkeitsorganisation; die super finanzierte Ausbildung von 400 ‘future leaders’ of Libya for leadership and management training.” Richter und Diplomaten waren auch dabei. Armer Sir Howard Davies, er hat sich und seine akademische Institution verkauft und jetzt will niemand das gut gefunden haben. Denn vermutlich waren auch andere englische Universitäten beteiligt und die Regierung hat es abgesegnet. Und selbst in den USA soll es Universitäten geben, die libysche Jungdiplomaten…

Wir hoffen ehrlich, die Uni Bayreuth ist diesmal wenigstens sauber!

Die Doktorarbeit eines erfolgversprechenden jungen Politikers an der LSE ist auch im Gerede. Wohin soll das noch führen? Der Mann kann doch gar nicht zurücktreten, der müßte fliehen, sonst wird er erschossen. Kann man nicht wenigstens ihm seine Doktorarbeit ohne Häme lassen?

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