Schlüppis
Kürzliche Beiträge
10. September 2013, 23.23 Uhr:

Entsorgungsprobleme

von Thomas von der Osten-Sacken

Nun also, nachdem sich erst Obama mit seiner “roten Linie” verplappert hat, kam ein Verplapperer von John Kerry, der von den Russen aufgegriffen wurde und plötzlich sind sich alle einig, das syrische Giftgas müsse und könne unter internationaler Aufsicht entsorgt werden. Die syrische Regierung ist plötzlich dafür, die Iraner, die Europäer sowieso, eigentlich alle, außer jenen Oppositionellen in Syrien, die sich von einem Militärschlag erhofft hatten, er würde das Assad Regime nachhaltig schwächen und dessen Ende beschleunigen.

Dafür muss Obama nicht vor den Kongress treten und unter Umständen eine schmachvolle Niederlage einstecken, die syrische Luftwaffe und andere Armeeineiheiten bleiben, soweit man davon nach 2 1/2 Jahren Krieg noch sprechen kann, intakt, können auch weiter  kämpfen, wenn notfalls auch nur mit konventionellen Waffen, und insgesamt hat der Multilateralismus aber hat gesiegt, es kam - wenn auch erst unter halbherziger Androhung militärischer Gewalt - zu jener “politischen Lösung", die ja so eindringlich gefordert wurde. Wenn sie denn ernst gemeint ist und nicht nur Hinhaltetaktik, dann allerdings bleibt ein kleines Problem.

Wie sollen inmitten einen Bürgerkrieges Tonnen an Nervengas eigentlich entsorgt werden, und von wem?

Dazu schreibt Yochi Dreazon in Foreign Policy:

Experts in chemical weapons disposal point to a host of challenges. Taking control of Assad’s enormous stores of the munitions would be difficult to do in the midst of a brutal civil war. Dozens of new facilities for destroying the weapons would have to be built from scratch, and completing the job would potentially take a decade or more.

Und Max Boot fügt hinzu:

The language coming from the Syrians and Russians suggests that Syria’s arsenal will not be moved out of the country. Rather, UN inspectors are somehow supposed to take control of tons of chemical agents in the middle of a war zone. It is unclear what then follows–will the inspectors somehow have to incinerate tons of these agents safely or will they simply camp out around the chemical-weapons sites indefinitely? How this works, in practice, is almost impossible to imagine. Western intelligence agencies do not even know where all of Assad’s chemical-weapons stockpiles are located. Remember how much trouble UN inspectors had in verifying Saddam Hussein’s compliance with UN resolutions in the 1990s?

Dan Margalit bringt dagegen auf den Punkt, was von der ganzen Angelegenheit zu halten ist:

It is true that Assad lost a strategic weapon, but if a deal is struck, it grants a kind of legitimacy to Russian and Iranian involvement in the war, sending a message that the fall of the Assad regime is not going to happen. If Obama behaves with such hesitation when facing Syria, the ayatollahs in Iran have nothing to worry about. That is the main, most piercing conclusion.

 

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8. September 2013, 20.49 Uhr:

Ein säkularer Rebell

von Thomas von der Osten-Sacken

Syria Deeply stellt Bassam vor, der sich selbst als säkularer Rebell bezeichnet und in einer nichtreligiös orientierten Brigade gegen das Assad Regime kämpft. Ein interessantes Interview, auch wenn es manchmal ein wenig zu idealtypisch klingt für das, was gerne als die Moderaten innerhalb der syrischen Opposition bezeichnet wird. Warum die Bassams in Syrien allerdings, egal wie viele es am Ende nun sind, nicht massiv aus den USA und Europa unterstützt werden, das bleibt eine, nein, die große Frage.

Bassam klagt, seine Brigaden würden von niemandem unterstützt, anders als die Islamisten, aber nach dem Sturz Assads würde man sich daran machen, Al Qaida & Co in Syrien zu bekämpfen und zu vertreiben:

Al-Qaida is the one thing that will unite Syrian people after the revolution, because all of the Syrians will want them out – those who are now with the regime and those who are against the regime.

Nobody likes these people. We will have to fight them to get them out. After the regime falls there will have to be a new military formation to confront these radical movements. We will join this new national formation to oppose them. The moderate brigades will join in to fight these extremists. They already don’t like them and sometimes fight against them now.

Was er bezüglich eines möglichen amerikanischen Angriffs erzählt, dagegen klingt wie allgemeiner Common Sense unter allen Rebelleneinheiten. Man hofft, die USA bombardieren nicht nur symbolisch, sondern legen die gefürchtete syrische Luftwaffe lahm, und im Chaos nach einem Militärschlag werde man dann möglichst die Gunst der Stunde nutzen:

We expect the U.S. is going to hit the airports and centers of military leadership and administration. In our area we don’t have either, so we’re not expecting it to hit our area. But what we’re expecting is some chaos and anarchy in the regime’s ranks in response to the strike. If that happens we’re going to try to make gains from that.

7. September 2013, 23.48 Uhr:

Die amerikanisch-europäisch-türkisch-zionistische pro-Muslimbüderschaft Verschwörung

von Thomas von der Osten-Sacken

Gute und richtige Worte von Hassan Abou Taleb in Al Ahram:

Egypt suffered greatly over the past two months, reaching a zenith on 14 August; namely, the chapter before the end of the Muslim Brotherhood saga which had dreamt of conquering Egypt for 80 years. But when it reached power at a farcical moment that will never be repeated, it could not restrain itself and imagined it was capable of consuming 90 million people who have a historic and civil heritage stretching back thousands of years.

Und dann kommt eine Abrechnung mit den Muslimbrüdern, die sich so kaum jemand trauen würde, in einer europäischen Zeitung zu veröffentlichen:

This dirty war of terror against Egypt and its people has destroyed the legend of a moderate Muslim Brotherhood and confirmed that the group is the source of religious terrorism in Egypt and the entire region. Also, that the majority of these groups and branch political parties, cloaked in religious or jihadist slogans or whichever other name or figures, are nothing more than subsidiaries of the mother group.

So weit, so gut. Ja möchte man rufen! Mehr davon! Leider allerdings verfällt Taleb dann in eine, in der Region leider so beliebten, Großerklärungen- und entlarvungen, zielt auf die vermeintlich wahren Hintermänner und Strippenzieher und präsentiert den neuesten Narrativ, der sich in Ägyten dieser Tage großer Beliebtheit erfreut:

This is the greatest paradox of all: How can a group exercising abominable terrorism with such audacity gain the sympathy of the US and the West? There is no explanation other than there is an organic bond between these countries of colonial imperialist history and the Muslim Brotherhood. A bond based on a specific role for the Brotherhood within the framework of a global vision for the future of the region that serves Israel and the West.

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6. September 2013, 21.17 Uhr:

Ohne Deutschland

von Thomas von der Osten-Sacken

Auf dem G 20 Gipfel gab es, wie zu erwarten war, keine Einigung, ob und wie man nach den Giftgasangriffen vom 21. August mit Syrien verfahren solle. Putin stellte sich schützend vor das Assad Regime, Obama bekam gerade mal eine Erklärung von 11 Ländern zustande, die

“points clearly to the Syrian government being responsible for the attack which is part of a pattern of chemical weapons use by the regime” and warned it would not be possible to achieve a UN consensus on action.

The signatories also “recognise that the UN security council remains paralysed, as it has been for two and a half years. The world cannot wait for endless failed processes that can only lead to suffering in Syria. We support efforts by the US and other countries to reinforce the prohibition on the use of chemical weapons.”

The painfully constructed wording stops short of explicit support for a punitive, but limited, military strike by the US. Yet the statement represents more international sympathy than seemed likely at the summit’s outset.

Wer diese Erklärung neben Argentinien, China, Rußland und Brasilien als einziges westeuropäisches Land nicht unterschrieben hat? Wirklich nicht schwer zu erraten. Kleiner Tipp: Man denke nur an die Abstimmung für den Libyen-Einsatz der Nato unter UN-Mandat im Früjahr 2011:

“Die Bundesregierung hat sich an der Erklärung der zehn G-20-Mitgliedstaaten nicht beteiligt, weil ihr zuvorderst daran liegt, eine gemeinsame EU-Haltung zu erreichen", sagte ein Regierungssprecher.

Den Guardian nennt es einen Schlag für die französisch-deutsche Freundschaft. Frankreich nämlich unterstützt als einziges EU-Land einen möglichen Militärschlag der USA. So wird es etwas schwierig werden, eine gemeinsame EU-Erklärung, für die sich eh niemand interessieren wird, zu erreichen. Zudem ist es der EU noch bei keinem außenpolitisch etwas brisanten Thema geglückt, so etwas wie eine einheitliche Linie zu entwickeln.

Man könnte es auch noch ganz anders nennen, wenn man denn wollte. Und hätte es irgend einen Sinn, fragen, wie sie denn konkret aussehen sollen, die Konsequenzen, die Regierung und Opposition angesichts der Giftgaseinsätze und des Mordens in syrien ebenso beharrlich wie inhaltsleer einfordern, wenn sie schon nicht einmal in der Lage sind, so ein Papier zu unterschreiben?

Derweil fordert die SPD weiter mutig und laustark von der Regierung, der sie Handlungsunfähigkeit vorwirft, stattdessen mehr Dialog zu wagen. Nach Peer Steinbrücks 6. Punkten legt Frank-Walter Steinmeier im Spiegel nach:

Statt weiter tatenlos an der Seitenlinie zu stehen, wäre es dringend notwendig, dass Frau Merkel den Gipfel in St. Petersburg nutzt und die Initiative zu einer politischen Lösung ergreift. Dazu gehört nach einer schnellen und umfassenden Untersuchung des Giftgasangriffs vom 21. August die klare Aufforderung des Weltsicherheitsrates an Syrien, das Chemiewaffenübereinkommen umgehend zu ratifizieren und seine Bestände einer internationalen Aufsicht und Kontrolle zu unterstellen. Zudem braucht es, ganz entscheidend, eine weitere Syrien-Konferenz zur politischen Konfliktlösung, an der nicht nur die wichtigsten innersyrischen Konfliktparteien, sondern auch die regionalen Akteure unter Einschluss des Iran zu beteiligen sind.

Ja, es braucht ganz entscheidend eine Friedenskonferenz unter Einbeziehung von Iran, Hizbollah, Shabiba Milizen, Al-Qaida und noch möglichst vielen anderen Akteuren, weil die dann ganz gesittet den Konflikt beilegen werden, der ja eigentlich nur seit 2 1/2 Jahren stattfindet, weil man nicht genug miteinander geredet hat. Und Assad wird auch das Chemiewaffenabkommen ratifizieren (Warum hat Steinmeier in seiner Zeit als Außenminister ihn eigentlich nie dazu aufgefordert?) und die Welt wird insgesamt gut, weil wir ja wissen, wenn mal so ein Despot ein paar UN-Verträge ratifiziert hat, hält er sich fortan auch dran und wenn nicht, na, dann kann man ja immer noch mit der Einberufung einer Folgekonferenz drohen.

Update: Inzwischen hat die Bundesregierung erklärt, sie wolle diese Syrienerklärung doch unterzeichnen.

5. September 2013, 12.21 Uhr:

Cui bono?

von Thomas von der Osten-Sacken

Immer wieder heißt es, es sei bislang völlig ungeklärt, wer hinter den Giftgasangriffen vom 21. August stecke. Waren es die Rebellen, um die USA zum Angriff zu bewegen? Steckt gar Saudi Arabien dahinter? Die syrische Regierung schließlich dementiert und Russland stärkt ihr dabei den Rücken.

Andreas Rüsch analysiert in der NZZ, warum es höchst unwahrscheinlich ist, dass der Giftgaseinsatz nicht vom Regime stammt:

Was aber spricht dagegen, dass die Rebellen einen Teil dieser Vorräte erbeutet und das Massaker selber verübt haben? Selbst wenn man Teilen der Opposition den entsprechenden Zynismus zutraut, handelt es sich um eine Behauptung ohne jegliche Faktenbasis. Bisher ist nichts darüber bekanntgeworden, dass den Aufständischen Chemiewaffen in grosser Zahl in die Hände gefallen wären. Westliche Geheimdienste schliessen dies aus, und auch das Regime Asad dementiert dies. Im Mai gab es einen Wirbel um die Nachricht, Angehörige der islamistischen Nusra-Front seien in der Türkei mit einem Container Sarin gefasst worden. Die Substanz entpuppte sich später als Frostschutzmittel. Ähnlich kurios ist das Gerücht, wonach ein saudischer Prinz die Aufständischen mit Chemiewaffen beliefert habe. Saudiarabien gilt nach allgemeiner Auffassung nicht als Staat mit einem C-Waffen-Programm.

Der Besitz chemischer Substanzen bedeutet zudem noch nicht, dass man diese auch wirkungsvoll einsetzen kann. Es fehlt den Rebellen nebst dem Know-how im heiklen Umgang mit Nervengasen an schweren Waffen und erst recht an Artillerieraketen, wie sie am 21. August zum Einsatz kamen. Westliche Geheimdienste sprechen den Aufständischen die militärische Fähigkeit zur Durchführung einer solch grossangelegten und weiträumigen Aktion ab.

5. September 2013, 00.10 Uhr:

Schweden macht's vor

von Thomas von der Osten-Sacken

Viel zu spät zwar, aber besser spät als nie, reagiert Schweden auf die, laut UN, größte Flüchtlingskatastrophe seit dem II. Weltkrieg:

Schweden will allen Asylanträgen von syrischen Flüchtlingen stattgeben. Jeder Asylbewerber aus dem Bürgerkriegsland werde aufgenommen, sagte die Sprecherin der schwedischen Einwanderungsbehörde, Annie Hörnblad, der Nachrichtenagentur AFP. “Die Behörde hat diese Entscheidung getroffen, weil sie davon ausgeht, dass die Gewalt in Syrien in naher Zukunft nicht abreißen wird.”

Schweden ist damit das erste europäische Land, das diesen Schritt ankündigt. Den Flüchtlingen werde bis auf Weiteres ein zeitlich unbefristeter Aufenthaltsstatus eingeräumt. Bislang gewährte Schweden ihnen ein dreijähriges Asyl, nachdem jeder Fall gesondert überprüft wurde.

Damit setzt das skandinavische Land einen humanitären Mindeststandard, den zu überbieten angesichts von geschätzen sechs Millionen syrischen Flüchtlingen und Internal Displaced Persons nicht sehr schwer sein dürfte.

Dass es hierzulande allerdings zu einer, ähnlichen, immerhin einigermaßen großherzigen Geste kommen wird, davon ist wohl kaum auszugehen.

2. September 2013, 12.34 Uhr:

Syrische Local Coordination Comittees zu einem möglichen Militäreinsatz

von Thomas von der Osten-Sacken

Ein Statement der LCCs:

The activists’ network of Local Coordination Committees published a statement regarding a possible military strike against the Assad regime. We are documenting the their statement to give Syrian opposition a voice.

The Syrian people have never welcomed a foreign military intervention in any country, but as it faced the oppression, it was forced to revolt out of a belief in its righteous cause, while the dictator’s regime responded with gunfire, torture, arbitrary detention and denied the people their daily bread and the safety of their homes. The regime has confronted civilian protestors with tanks and heavy weaponry from the beginning of the Syrian revolution, and, since then, it hasn’t stopped developing its methods of killing and violence. Arbitrary detention by security forces gradually turned into field executions, and gunfire has become an ongoing use of warplanes, ballistic missiles and heavy artillery, uptill the moment when chemical weapons were used. The regime has never stopped challenging the entire world, relying on the support of Russia, China and Iran, and on the world being a silent accomplice. It’s ongoing mass murder of the Syrian people, and its systematic destruction of the Syrian state, were its proof of humanity’s failure in protecting itself from tyranny.

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