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Kürzliche Beiträge
27. Juli 2016, 18.10 Uhr:

Ein stolzer Arier

von Thomas von der Osten-Sacken

Neueste Erkenntnisse über den Täter von München:

Er habe es als „Auszeichnung“ verstanden, dass sein Geburtstag, der 20. April 1998, auf den Geburtstag von Adolf Hitler fiel. Das erfuhr die F.A.Z. aus Sicherheitskreisen. Entsprechende Aussagen über seine Begeisterung für Hitler stammen demnach aus dem engsten Umfeld von S. Auch sei S., der aus einer iranischen Familie stammt, stolz darauf gewesen, als Iraner und als Deutscher „Arier“ zu sein. Ursprünglich gilt Iran als die Heimat der Arier. Türken und Araber habe S. hingegen gehasst. Er habe ein „Höherwertigkeitsgefühl“ ihnen gegenüber gehegt.

Die Ermittler gehen daher auch der Hypothese nach, ob S. bei seiner Tat gezielt Menschen mit ausländischer Herkunft getötet hat. Alle seine neun Opfer hatten einen Migrationshintergrund, sechs waren Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, zwei waren junge Erwachsene im Alter von 19 und 20 Jahren. Drei Jugendliche waren türkischstämmig, zudem wurde eine 45 Jahre alte türkische Frau getötet. Drei andere Jugendliche - ein Junge und zwei Mädchen - waren Kosovo-Albaner.

26. Juli 2016, 15.50 Uhr:

'Assad und ISIS müssen weg'

von Thomas von der Osten-Sacken

Amos Yadlin, langjähriger Chef des israelischen Militärgeheimdienstes und heute Direktor des „Institute for National Security Studies“ in Tel Aviv im Interview mit Bild.de über die Lage in Aleppo und warum man den Islamischen Staat nicht bekämpfen kann, ohne Assad zu bekämpfen:

„Die Situation ist unerträglich, nicht nur aus einer strategischen Perspektive, sondern vor allem moralisch. Während sich die Welt auf die Bekämpfung von ISIS konzentriert, kann das syrische Regime weiter morden. Vor unseren Augen passiert ein humanitäres Desaster, das an einen Genozid erinnert: Menschen werden von Nahrungsmitteln abgeschnitten, es mangelt an Medizin, das Trinkwasser wird knapp und die brutalen Fassbomben treffen vor allem die eingeschlossenen Zivilisten. Trotz der ausgerufenen Feuerpause gehen die Attacken immer weiter. Auch der Einsatz von Chemiewaffen hat nicht aufgehört. Die ganze Vorgehensweise von Assad widerspricht internationalen Konventionen.  Es ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir einsehen müssen: Die internationale Gemeinschaft darf diesem Grauen keinen Tag mehr zusehen.“

Sie schlagen vor, zunächst Assad zu bekämpfen und sich erst danach auf ISIS zu konzentrieren?

Yadlin: „Beide müssen weg, keine Frage. Doch Assad, zusammen mit Hisbollah und dem Iran, sind verantwortlich für 90 Prozent der Toten in diesem Krieg, in dem bereits 400 000 Menschen getötet und mehr als zwei Millionen verletzt wurden. Diese Dimensionen muss man sich bewusst machen.“

„ISIS ist unglaublich gut darin, seine Gräueltaten für die westlichen Medien aufzubereiten. Die Mörder brüsten sich mit ihren Kriegsverbrechen, während Assad jeglichen Vorwurf gegen internationales Recht zu handeln, einfach bestreitet. So dominiert ISIS die Nachrichten.

Doch für die elf Millionen syrischen Flüchtlinge ist fast ausschließlich das syrische Regime verantwortlich. Die Menschen finden keinen Schutz vor den ISIS-Terroristen bei der eigenen Armee, sondern werden von beiden Seiten abgeschlachtet – daher müssen sie fliehen. Gleichzeitig treibt Assad viele syrische Sunniten ISIS in die Hände. Ein Ende des bestehenden Assad-Regimes würde auch ISIS schwächen.

Er ist ihr bestes Rekrutierungswerkzeug, denn viele Menschen sehen keine andere Chance, etwas gegen das Regime auszurichten, als sich einer der islamistischen Terrororganisationen anzuschließen. Außerdem gibt es Berichte über verdeckte Kooperationen zwischen der syrischen Armee und ISIS, die darauf aus ist, moderate Teile der Opposition auszuschalten. Es gibt hier einen gemeinsamen Feind, nämlich die säkular-demokratischen Kräfte der Opposition.“

25. Juli 2016, 13.58 Uhr:

Daily Briefing des Schreckens

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Überschrift des heutigen “Daily Briefing” von Human Rights Watch. Man könnte noch einige andere Schreckensmeldungen hinzufügen:

Afghanistan Massacre; Aleppo under Siege; Turkey torture

Awful news from Afghanistan, where 80 people were killed and 231 wounded in a suicide attack that has been claimed by the extremist group Islamic State. Officials say that the attack on a peaceful demonstration of thousands of Hazaras, an ethnic minority group, was carried out by three suicide bombers. (…)

Syrian government forces are “repeating the terrible siege tactics in densely populated eastern Aleppo that devastated civilian populations in other towns in Syria,” says Nadim Houry, HRW’s deputy Middle East and North Africa director. (…)

The police in Turkey are torturing people suspected of being involved in last week’s failed coup, according to Amnesty International, which says it has gathered credible evidence of these abuses.

25. Juli 2016, 09.45 Uhr:

Ausweitung der Kampfzone

von Thomas von der Osten-Sacken

Der Anschlag von Würzburg hat erneut gezeigt: Zum Terroristen des Islamischen Staates wird man nicht, weil man sich ihm förmlich anschließt, sondern wenn man in seinem Namen mordet und verletzt. Längst setzt der IS verstärkt auf seine suizidale Fangemeinde im Westen und weitet so die Kampfzone aus. In Deutschland verweigert man sich dieser Erkenntnis allerdings noch weitgehend.

Gastbeitrag von Alex Feuerherdt, Mena-Watch

Ein übermäßig großes Gewicht sollte man einem flüchtigen, schnelllebigen, die Verkürzung begünstigenden Medium wie Twitter – genauer gesagt: den dort produzierten und verbreiteten Inhalten – zwar nicht unbedingt zusprechen. Dennoch ist es immer wieder aufschlussreich, wie in diesem Netzwerk mit seinen unzähligen Nutzern auf bedeutsame Ereignisse reagiert wird, welche Reflexe dabei zu beobachten sind und welche Dynamiken sich entwickeln. Nachdem der 17-jährige Islamist Riaz Khan Ahmadzai in Würzburg unter „Allahu Akbar“-Rufen in einem Regionalzug mehrere Fahrgäste mit einer Axt verletzt hatte – einige davon schwer – und schließlich von der Polizei erschossen worden war, machten beispielsweise die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Verleger Jakob Augstein ihre zweifelhaften Prioritäten deutlich, als sie sich  weniger um die zahlreichen Opfer als vielmehr um den Angreifer sorgten. Warum dieser nicht lediglich „angriffsunfähig geschossen“ worden sei, wollte Künast in einem kurz nach der Tat veröffentlichten Tweet wissen, und wie zur Untermauerung ließ sie gleich vier Fragezeichen folgen. Augstein wiederum dekretierte: „Gerechtigkeit entsteht vor Gericht, nicht durch Erschießen.“ Der Juristin Künast scheint also der Unterschied zwischen Gefahrenabwehr und Strafverfolgung nicht klar zu sein, der Publizist Augstein kennt darüber hinaus auch den zwischen Recht und Gerechtigkeit offenbar nicht. Sogar noch ärger, weil zutiefst verständnisinnig war ein Statement der ehemaligen Piraten-Politikerin Julia Probst. „Der Amoklauf [d]es unbegleiteten Flüchtlings ist einfach nur traurig. Wie traurig und wie wütend muss er gewesen sein, um sowas zu tun?“, twitterte sie.

Als der Islamische Staat (IS) schließlich verlautbaren ließ, Ahmadzai sei einer ihrer „Kämpfer“ und habe seinen Angriff „als Antwort auf unsere Aufrufe ausgeführt, die Länder der Koalition anzugreifen, die den IS in Syrien und im Irak bekämpft“, fand auf Twitter der Hashtag #ISbekenntsich rasch eine vieltausendfache Verbreitung: Der IS bekenne sich zu den Serverproblemen bei „Pokémon Go“, zum schlechten Wetter auf Festivals, zu den Verspätungen bei der Deutschen Bahn, zu den Abgängen bei Borussia Dortmund, zum Analogkäse auf der Pizza. Und so weiter und so fort. Damit wurde die islamistische Terrororganisation zu einer Ansammlung von Trittbrettfahrern verniedlicht, die gerne alles Mögliche für sich reklamiere – darunter auch einen Anschlag in Deutschland –, um mächtig zu wirken. Dumm nur, dass der IS am Tag nach dem Attentat ein Video veröffentlichte, in dem der Täter sich als „Soldat des Kalifats“ bezeichnete und ankündigte, durch eine Attacke mit einem Messer und einer Axt zum „Märtyrer“ werden zu wollen. Da hätte den Scherzkeksen auf Twitter eigentlich das Lachen im Halse stecken bleiben müssen.

„Tötet sie, wie ihr wollt“

Nun könnte man den populären Hashtag als misslungene Witzkampagne abtun, wäre er nicht so symptomatisch für die deutsche Sicht auf den IS. Denn weit verbreitet ist der Glaube, dass ein Angriff oder Anschlag nur dann dem Islamischen Staat zugerechnet werden kann, wenn der Täter gewissermaßen einen Mitgliedsausweis des IS vorlegen kann oder doch zumindest nachweislich vom IS beauftragt worden ist. Andernfalls geht man lediglich von einem Amoklauf eines unorganisierten Psychopathen aus, nicht aber von einer islamisch motivierten Überzeugungstat. Selbst Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach nach der Würzburger Attacke von einem „Einzeltäter“, der sich durch den IS bloß „angestachelt gefühlt“ habe; es gebe jedenfalls keine Hinweise auf eine Anordnung des IS. Dabei ist, wie Thomas von der Osten-Sacken hervorhebt, längst klar: „Zum Soldaten des IS wird man nicht, weil man sich dem IS anschließt, sondern wenn man im Namen des IS mordet und totschlägt. Erst dann ist man auch IS – egal, was man vorher war und getan hat. So lautet das Versprechen aus Raqqa und gilt jedem auf dieser Welt: Töte, töte möglichst viele möglichst barbarisch, und posthum wirst Du einer von uns werden, ein Märtyrer, berühmt, erinnert.“

Ähnlich sieht es Florian Flade auf Welt Online: Statt auf eine komplexe Anschlagsplanung setze der IS nun im Zuge eines Strategiewechsels „verstärkt auf seine suizidale Fangemeinde im Westen“. Die Ideologen des Terrors riefen zu spontanen Gewalttaten auf. „Ziele, Orte oder Zeitpunkte spielen dabei keine Rolle. Das schlichte Angebot lautet: Werde durch deine Tat einer von uns.“ So verfuhren schon die Attentäter von Orlando und Nizza – und nun auch Riaz Khan Ahmadzai. „Das Kalifat muss seine Kämpfer nicht einmal mehr rekrutieren, um sich mit ihren Anschlägen zu schmücken“, schreibt Joachim Güntner in der Neuen Zürcher Zeitung. Es müssten auch keine spektakulären Bombenattentate sein. „Die Strategie des totalen Krieges, der ein Jihad mit einfachsten Mitteln sein kann, hat einer der Sprecher des IS schon im September 2014 formuliert. Jede Zeit, jeder Ort, jede Form der Gewalt sei gegen die Feinde die rechte, gab [der IS-Sprecher] Mohammed al-Adnani zu verstehen, als er sagte: ‚Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit einem Messer, überfahrt sie mit einem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie.‘“

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19. Juli 2016, 16.58 Uhr:

Säuberungen

von Thomas von der Osten-Sacken

19. Juli 2016, 15.59 Uhr:

Wie man zum Soldaten des Kalifats wird

von Thomas von der Osten-Sacken

Orlando, Nizza und nun Würzburg. Und nach jedem Anschlag geht die große Fragerei los: War das islamistisch motiviert, der Täter als Islamist bekannt? Und dann stellt sich jedes Mal heraus: Das waren keine Mohammad Attas, die jahrelang akribisch ihre Tat vorbereitet haben. Der Islamische Staat ist eben nicht Al Qaida, der Terror hat sich transformiert und eine ganz neue Qualität erreicht.

Ist diese neue Strategie des IS und anderer Jihadisten nun so schwer zu verstehen? Oder will man sie nicht verstehen? Handelt es sich bei den Reaktionen vielmehr um eine Form kognitiver Dissonanz, um sich die Konsequenzen gar nicht erst ausmalen zu müssen? Weil sie schier unerträglich sind?

Denn zum Soldaten des IS wird man eben nicht, weil man sich dem IS anschließt, sondern erst wenn man im Namen des IS mordet und totschlägt. Erst dann ist man auch IS – egal was man vorher war und getan hat. So lautet das Versprechen aus Raqqa und gilt jedem auf dieser Welt: Töte, töte möglichst viele möglichst barbarisch und posthum wirst Du einer von uns werden, ein Märtyrer, berühmt, erinnert. Egal, was Du und wer Du bis gestern warst, Deine Tat wird Dich zu einem von uns machen. Nimm eine Axt, ein Messer, Dein Auto, was auch immer als Waffe dienen kann in Küche und Keller, und töte! Und Du wirst berühmt! Dies ist, und natürlich wissen sie es, der Alptraum eines jedes Geheimdienstes, denn diese Typen, die da morden, radikalisieren sich teilweise in wenigen Wochen und laufen unter jedem Radar, sind vorher weitgehend unauffällig und eben keine Mohammad Attas mehr. Sie sind einfach Irgendwers.

Und ein Dutzend von diesen Irgendwers werden ausreichen, um ganze Gesellschaften zu paralysieren und in den finalen Irrsinn zu treiben. Und das wiederum wissen die Irgendwers von morgen. Dies ist die Perfektion des Terrorismus, es bedarf keiner klandestinen Kommunikation oder Organisation, keine Gelder müssen heimlich verschoben werden, keine Spuren deuten deshalb auf die geplante Tat hin. Da ist nur der Irgendwer, seine Stimme im Kopf und der Aufruf des Kalifates.

(Erstveröffentlicht bei MENA-Watch)

19. Juli 2016, 15.28 Uhr:

Aus der Hölle

von Thomas von der Osten-Sacken

Heute morgen enthaupteten Kämpfer von Nour al-Din al-Zenki in Aleppo einen 13jährigen Palästinenser, der für Assads Armee kämpfte. Wer will kann sich das Video ergoogeln und anschauen, teilen tue ich es nicht. Soviel: Gleich werden sie dem Kind den Kopf abschneiden und lächeln vorher in die Kamera. Ja sie lächeln, fast entzückt.

Zenki wurden von den USA unterstützt, erhielten sogar TOW Panzerabwhrraketen.

Der Kampf um Aleppo wird auf allen Seiten an Barbarei in den Schatten stellen, was man bislang aus Syrien gewohnt war. Und die Welt ist live dabei, denn 2016 kann man sich live mit all seinen Schandtaten brüsten.

In Aleppo geht es kaum noch um die Frage, wer denn nach fünf Jahren Schlächterei die Guten seien. Es geht um die Frage: Willst Du das wirklich zulassen? Soll vor unser aller Augen diese Hölle auf Erden weitergehen, Tag für Tag schlimmer werden? Bislang lautet die mehr oder minder einhellige Antwort: Ja! Und wenig spricht dafür, dass sich in den kommenden Tagen und Wochen daran irgend etwas ändern wird.

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