Schlüppis
Kürzliche Beiträge
24. August 2012, 21.09 Uhr:

Libanon: der Abgrund öffnet sich weiter

von Oliver M. Piecha

Die Schießerei zwischen zwei Stadtvierteln im nordlibanesischen Tripoli - der zweitgrößten Stadt des Landes -  ist notorisch;  das eine Viertel ist sunnitisch - wie Tripolis überhaupt -, in dem höher gelegenen Viertel wohnen Alawiten. Dazwischen verläuft als “Frontlinie” die “Syria Street". Mehr Symbolik geht kaum mehr. Unten haßt man Assad, der Alawit ist,  oben hängen die Straßen voller  Poster mit seinem Konterfei.

Es gehört zu den Absonderlichkeiten des Libanon, dass zwischen den beiden Vierteln immer mal wieder ein bißchen Bürgerkrieg aufflammt, heftiger wurden diese periodischen Auseinandersetzungen seit letztem Sommer im Zuge der syrischen Krise.  Es gab immer wieder Tote, bis jeweils die libanesische Armee dazwischen ging, das letzte Mal in größerem Maßstab im Mai.

Tripoli ist so etwas wie die politische Hauptstadt der Sunniten im Libanon; pikanterweise ist es zudem die Heimatbasis des libanesischen Premierministers Mikati, der ja einer von der Hisbollah -  also Schiiten - gestützten Regierungskoalition vorsteht. Das Amt des Premiers muß per Verfassung an einen Sunniten gehen, und die Rolle Mikatis als Mann Syriens und der Hisbollah - der gleichzeitig natürlich seine sunnitische Klientel nicht vergessen darf -  ist libanesische Politmelange allerhöchster Kunst. (Nur ein Beispiel für die perfide Komplexität, die die Verhältnisse des Libanon bisher austariert hat:  So gibt es hier eine interessante Antwort darauf, wer die plötzliche massenhafte Kleinbewaffnung  sunnitischer Kämpfer seit dem Frühsommer finanziert haben könnte: nun, eben, Mikati. Man könnte naiv einwenden, das wäre doch gegen die Stabilität der Regierung gerichtet, deren Chef er ist! Aber das ist eben libanesische Innenpolitik für Fortgeschrittene.)

Die grauenhaft offene Frage ist jedenfalls jetzt: Wird es wieder und noch einmal gelingen, die Schießereien zwischen den beiden Stadtvierteln zu ersticken? Man kann davon ausgehen, dass das eigentlich alle libanesischen Parteiungen durchaus wollen. Tritt also jemand gerade noch die Zündschnur aus? Alle trampeln hektisch herum. Nur die Geiselkrise rund um den schiitischen Meqdad-Clan mag das entscheidende Zuviel gewesen sein (auch das  geht  weiter).

Es sieht jedenfalls nicht gut aus:

Daily Star: Masked gunmen were seen burning a number of shops around Tripoli as plumes of smoke disfigured the skyline of Lebanon’s second largest city.

Residents hid in their homes fearing for their lives and leaving the city streets deserted as the heavy sound of gunfire and bombardment intensified, dimming hopes of a soon end to the violence.

The collapse of the ceasefire came hours after Prime Minister Najib Mikati said that the Lebanese Army had been given the “green light” to restore order to Tripoli after four days of clashes left at least 16 dead and over 120 wounded, including 11 soldiers.

24. August 2012, 15.22 Uhr:

Kaderschmiede der Diktatur

von Wahied Wahdat-Hagh

„Universität der Religionen und der spirituellen Pfade“ – der Name der nach ihrer englischsprachigen Bezeichnung URD abgekürzten iranischen Hochschule klingt harmlos. Doch kann es in einer islamistischen Diktatur freie Forschung und offenen Meinungsaustausch über religiöse Fragen geben? Die Potsdamer Universität kooperiert mit der URD, und im heutigen Tagesspiegel lesen wir, dass der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) sich hinter diese Kooperation der iranischen “Religionshochschule” gestellt hat, in der Hoffnung, dass intellektueller Austausch “als Mittel gegen starre Ideologien wirken” kann.

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22. August 2012, 16.52 Uhr:

Religiös zwingende und tausend Jahre alte Gebote

von Thomas von der Osten-Sacken

Religiös zwingende Gebote gibt es viele. Das Heiratsalter von Mädchen ist eines davon, schließlich soll der aufrechte Muslim dem Propheten nacheifern und der heiratete Aisha bekanntlich, als diese im zarten Alter von neun Jahren war. Ein Brauch, der immerhin auch schon 1500 Jahre alt ist. Und wir haben ja gelernt, dass Traditionen, die religiös legitimiert und auf ein hehres Alter zurückblicken, in hohem Maße respektabel sind. Konsequent also nur, wenn der Iran jetzt auch diesem Gebot folgt, nachdem kürzlich erst bekannt wurde, dass Frauen fortan aus den Studiengängen ausgeschlossen werden:

Wie im Mai bereits der Großmufti von Saudi-Arabien erklärte, sollen laut islamischen Recht Kinderehen nach dem Vorbild Mohammeds möglich sein und bleiben. Mohammed war 52, während er die Ehe mit der neunjährigen Aisha vollzog. Da Mohammeds Lebensweise oft als vorbildich und nachahmenswert für alle Muslime gepriesen wird, sind derlei problematische Traditionen, die sich auf sein Leben stützen bisher nur schwer zu bekämpfen.

Nun will auch Iran nachziehen und die Ehe für Mädchen unter 10 Jahren legalisieren. Der iranische Parlamentarier Mohammad Ali Isfenani nennt das Alter für das Erreichen der Pubertät für Mädchen mit neun Jahren, davon abzuweichen wäre eine Schwächung der Scharia-Gesetzgebung. Vor der islamischen Revolution waren Ehen unter 16 Jahren nicht möglich. Die Mullahs sind seit ihrer Machtergreifung bemüht jegliches Gesetz an die Scharia anzugleichen und die Gesellschaft islamkonform zu gestalten.


21. August 2012, 03.55 Uhr:

Und täglich grüßt das Murmeltier

von Oliver M. Piecha

Das Houla-Massaker? Schon wieder Rainer Hermann? FAZ? Punktgenau.

Ist es ein Fluch, ist er getrieben? Von was, von Scham, Sendungsbewußtsein, überlegenem hellseherischen Faktenwissen? Vermutlich bloß öde Rechthaberei. Er kann einfach nicht mehr zurück.  Folgen sie also R. Hermann, der offensichtlich immer noch nicht selbst vor Ort war,  über die etwas verwirrende Landkarte von Houla, verzwickte taktische Bewegungen und vage Satellitenbilder.

Oder lassen sie es bleiben. Verständlich, dass Hermann den UN-Bericht nicht mochte. Also muß er ihn korrigieren. Unbezweifelbar scheint, dass Herr Hermann im Folgenden auch noch eine Monographie über das Massaker von Houla schreiben wird (mutmaßlicher Arbeitstitel: “Die Warheit über eine Lüge"); wir empfehlen schon jetzt die Rezensionen von Herrn Elsässer, der Jungen Welt, weiten Teilen des deutschen Feuilletons und sowieso den bahamesischen Adorniten.

Zwar ist Ahmadinejad kein Kleriker, dennoch hielt er anlässlich des Al-Quds-Tages auf der Freitagsgebetsveranstaltung eine Rede.

Der iranische Präsident Ahmadinejad sagte: “Der Al-Quds-Tag umfasst alle Dimensionen der menschlichen Existenz, der Erkenntnis Gottes und aller sozialer Verantwortung.” Er fuhr fort: “Heute ist für alle ersichtlich, dass der Zionismus ein Kontrapunkt der menschlichen Vollkommenheit und der Gesellschaft ist.” Der Zionismus sei die “Hauptursache des Verfalls der Völker.” Ahmadinejad sagte über die Zionisten: “Eine verdorbene, verführerische, inhumane, sich gegen die göttlichen Werte richtende Gruppe hat sich organisiert.“

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16. August 2012, 17.30 Uhr:

Die iranische Führung droht Israel mit Vernichtung

von Wahied Wahdat-Hagh

Der antisemitische Aufmarsch zum Al Quds-Tag soll angeblich in über 70 Staaten dieser Welt stattfinden. Dort sind Islamisten khomeinistischer Provenienz am Werk. Ayatollah Khomeini hatte diesen antiisraelischen Tag am 8. August 1979 ins Leben gerufen und zur Vernichtung Israels aufgerufen. Seitdem demonstrieren khomeinistische Islamisten am letzten Freitag des islamischen Fastenmonats gegen den Staat Israel.

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16. August 2012, 06.33 Uhr:

Mahers Beine oder das Schicksal des Nahen Ostens

von Oliver M. Piecha

Ein praktischer Versuch in nahöstlicher Verschwörungstheorie. Es ist wirklich nur eine Versuchsanordnung. Das Fazit steht unten.

Der Ausgangspunkt ist, dass die Beine von Maher al-Assad, dem Bruder des Präsidenten von Syrien, das Schicksal des Nahen Ostens bestimmen könnten. Falls jedoch Maher al-Assad morgen, oder übermorgen seine Beine frei wedelnd im syrischen Staatsfernsehen präsentieren sollte, bitte vergessen Sie folgenden offensichtlich desorientierten Beitrag.

Wer ist Maher al-Assad? Der jüngere Bruder des syrischen Präsidenten und Chef der Eliteeinheiten des Regimes. Erinnert Sie das an was? Ja, genau Libyen. Es gab auch da den jüngeren Sohn Gaddafis, der der militärische Chef der Eliteeinheiten… genau, als der endlich tot war, war sowieso  Schluss.

Die Versuchsanordnung:

1. Ein Bombenanschlag hat definitiv stattgefunden und ihm ist mindestens die Hälfte des engeren syrischen Krisenbewältigungsausschusses zum Opfer gefallen, darunter auch der Schwager des Präsidenten. Er galt als Kopf der gesammelten Sicherheitsdienste. Politische Beobachter gingen davon aus, dass er der härteste Verlust für das Regime war, die anderen getöteten Generäle zählten zwar zum engsten Kreis, aber nicht persönlich zur Herrscherfamilie, die in ihrem Umfang deutlich begrenzt ist. Das ist ein wichtiger Punkt.

2. Über Maher al-Assad, das andere militante Standbein der Familie – er kommandiert die Elitedivision der Armee – gibt es seither kein Wort, keinen Auftritt, nichts. Das alleine heißt gar nichts.

3. Der groß angekündigte Angriff der versammelten Armee in Aleppo versandet offensichtlich. Die Mutter aller Schlachten ist angekündigt worden, es wird bombardiert ohne Ende, allein die Armee bleibt in Bezug ihrer Bodenbewegungen seltsam passiv,  soweit das einschätzbar ist. Die Free Syrian Army (FSA) sitzt nach wie vor in großen Teilen von Aleppo. Dasselbe gilt mehr oder minder für alle bisher umkämpften Städte.

4. Im Libanon wird ein altgedienter Gefolgsmann der Assads – ein ehemaliger Minister – unter dem Vorwurf verhaftet, er habe Anschläge geplant, um den Libanon zu destabilisieren. Diese Verhaftung und die prompt folgende offizielle Anklage wirft alle bisher gültigen politischen Koordinaten im Libanon um. Die Hisbollah, Verbündeter Assads und Garant der libanesischen Regierungskoalition reagiert nicht auf die Verhaftung und Anklage. Die offizielle Anklage betrifft im Übrigen auch den neuen zentralen Geheimdienstchef Assads. Im Libanon herrscht völlige innenpolitische Verwirrung über diesen bis dato unerhörten Vorgang. Verliert Syrien nun die Kontrolle über den Libanon – der zudem gleichzeitig von den alten Verbündeten der Assads reagiert wird?

5. Über die Türkei und die Golfaraber erhält die FSA nun auch offiziell massive Unterstützung, sogar die Amerikaner bekennen sich zu „ziviler Hilfe“. Berichte werden lanciert, dass der „Westen“ nun in anderer Form an die FSA herantreten müsse, um den Einfluss der Fundamentalisten einzudämmen.

6. Führungsgruppen der FSA unterschreiben einen Verhaltenskodex, der festhält, daß sie sich an die Genfer Konventionen halten werden. Berichte über Treffen zwischen der FSA und Amerikanern (Clinton).

7. Der Premierminister von Syrien, keine politisch ganz große Nummer, aber symbolisch wichtig, läuft über. Interessanterweise sagt er nichts - obwohl er das, falls es stimmt, wissen müsste – über Mahers Beine. Will er nichts dazu sagen? Soll er nicht? Könnte es Gründe dafür geben, das Regime nicht vorschnell zu destabilisieren?

8. Wenn etwas über Mahers Beine offiziell werden sollte, könnte das Regime kollabieren, es mag als steile These erscheinen, zumal noch gar nicht gesagt worden ist, was überhaupt mit Mahers Beinen los sein könnte: Nein, es geht nicht um  Kinderlähmung. Maher ist jedenfalls das militärische Gebiss des Regimes, sein Bruder mit dem Giraffenhals, der Präsident, ist das nicht. Der mag intelligenter sein, aber darum geht es gerade nicht und zu erinnern ist: der Geheimdienstmann des Regimes, der Schwager ist bereits tot. Seine als Machtfigur bezeichnete Frau, die Schwester des Präsidenten, mag das intern sein, aber als Frau kann sie die entsprechende Rolle in Syrien nicht nach außen einnehmen. Und die Zahl der Assads ist wiegesagt begrenzt.

9. Jetzt kommt die Sache mit den Beinen von Maher: Der russische Vizeaussenminister Mikhail Bogdanov soll einer saudischen Zeitung gegenüber erwähnt haben, dass Assad einen „zivilisierten“ Abgang suche, und sein Bruder Maher beide Beine beim dem Anschlag auf den Kern des Sicherheitskabinetts verloren habe. Sofort werden Zweifel laut, wieso sollte das ein Russe ausgerechnet den Saudis erzählen? Sehr Plausibel. Die Russen dementieren, das ein Gespräch überhaupt stattgefunden haben soll. Nahöstlicher Medienkrieg eben. Ein Hoax.

10. Die Saudische Zeitung beharrt auf ihrer Darstellung, veröffentlicht einen Tonbandmitschnitt, was aber wirklich interessant ist: Der Guardian ruft den betreffenden saudischen Journalisten an und erhält eine ziemlich plausibel klingende Antwort, wie und warum dieses Gespräch stattgefunden hat. Hat sich Bogdanov womöglich verquatscht, war es Absicht? Die Legende, wen es eine solche ist, klingt jedenfalls gut. Nehmen wir also mal an, Maher habe seine Beine bei dem Anschlag verloren. Bogdanov soll wörtlich so etwas gesagt haben wie: Der ist weg vom Fenster.

11. Die  Oberberaterin von Assad fliegt nach Peking, die Chinesen sagen gleichzeitig, sie wollten auch wieder mit der Opposition reden. Dem Westen gibt man die Schuld am Scheitern von allem bisher, ja gut.

12. Beim Sondertreffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in Mekka wird Ahmedinejad, mit dem im Iran niemand mehr reden will, brachial prominent neben dem Saudischen König für ein nettes Foto platziert. Das ist genauso überraschend wie die Verhaftung des libanesischen Exministers. Das hätte noch vor einer Woche niemand für wirklich möglich gehalten.

Das Wunder könnten die „Beine von Maher“ sein.

Ohne den engsten Kreis seiner Familie ist Assad, sagen wir so, eher weniger als mehr. Das Assad-Business war immer ein kooperatives Business. Man muß ihn sich nur ansehen, Baschar ist kein Saddam. Was auch gar nicht gegen ihn spricht. Geht es gerade darum, leicht verzweifelt vermutlich,  zwischen Geschäftspartner, die sehr viel investiert haben, einen Modus auszuhandeln, bei dem er „zivilisiert“ abtreten kann?

Wenn Maher nicht bald fröhlich durch einen syrischen Fernsehschirm hüpft, spricht einiges dafür. Eine überaschende Exit-Strategie? Und Asma winkt versöhnlich zum Abschied.

Allerdings könnte womöglich die leiseste reale Andeutung, dass Baschar familienmäßíg nun alleine dasteht, bereits zum Zusammenbruch führen.

Daran haben natürlich weder Rußland noch der Iran ein Interesse, der Rest aber auch nicht nicht: Weder Europa, die Golfstaaten noch gar Obama. Die Regierung Netanjahu probt allerdings gerade schon den Ernstfall, das ist noch eine ganz andere Frage. Womöglich will der keinen Deal, so wie er gerade im Entstehn begriffen sein könnte. Wenn er denn entsteht.

1001 Nacht. Mahers Beine…. wo mögen sie bloß sein? Wenn wir es nur wüßten.

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