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Kürzliche Beiträge
4. März 2012, 20.36 Uhr:

Heiße Kartoffel

von Thomas von der Osten-Sacken

Der so genannte arabische Frühling, der ihnen in Folge unerwartete Wahlsiege brachte, stellt die Muslimbrüder und andere Islamisten vor ganz neue Herausforderungen. Denn bislang lehnten alle Vordenker des politischen Islam sowohl das Konzept der Volkssouveränität ab, wie die Idee, Parlamente hätten die Hoheit über den Gesetzgebungsprozess, von einer irgendwie gearteten Trennung von Staat und Kirche ganz zu schweigen. Der für die Muslimbrüder und ihre Ideologie extrem einflussreiche indische Islamist Abul Ala Maududi hat schon vor Jahrzehnten niedergelegt, was der grundlegende Unterschied zwischen „westlicher“ und „islamischer“ Demokratie sei: In letzterer sei Gott der einzige Souverän, die Scharia das einzige Gesetz und gewählte Volksvertreter hätten einzig eine beratende Funktion.

Seit sie, zumindest verbal und auf Druck der Straße, sich zu Demokratie und Volkssouveränität bekennen, stoßen überall in der Region die Islamisten auf ganz unangenehme Widersprüche. Denn wie lassen beide Konzepte sich vereinbaren? Der Bruder des Gründers der Muslimbruderschaft, Gamal al Banna, hat es ihnen vor einem Jahr schon gesagt: Gar nicht. Entweder es gibt den islamischen Staat, der wie Banna richtig bemerkt, bislang nirgends auch nur in Ansätzen funktioniert hat, oder einen, wie er es nennt, zivilen Staat.

Rashid al-Ghanouschi, Chef der tunesischen Ennadha Partei, und in der Wolle gewaschener Muslimbruder, spürt stärker noch als seine Kollegen in anderen Ländern, wie nötig es ist, ihre islamistische Weltanschauung  irgendwie an die veränderten Realitäten anzupassen, die mit den Umbrüchen in der arabischen Welt geschaffen wurden. Und er, der frührer sogar öffentlich seiner Hochachtung für Khomenei Ausdruck verlieh, was ihm inzwischen nachweislich peinlich ist, beginnt sogar jetzt eine ganz heiße Kartoffel anzufassen: den Säkularismus. Man dürfe Säkularismus keineswegs mit Atheismus gleichsetzen (das aber hatten sie in ihren Hetzreden bislang allerdings alle getan):

“At first glance, it seems that secularism is a philosophy that came to fight religious views. However, this is not the case,” he stated.

 

Und dann bricht er gar eine  Lanze für etwas, das er „partial secularism“:

Governments that either force their people to adhere to religious practices or restrict the religious freedom of citizens are dangerous and unnatural, according to Ghannouchi.

He gave an anecdote of his visit to an Islamic country that forces women to wear the veil. “When I got on the plane to leave, all of the women were covering their hair, but once in the air, most of the women removed their headscarves. This shows religion is a personal conviction that can not be forced or imposed on others.”

Moderate Islam and “partial secularism” both guarantee the same principles in Ghannouchi’s view. “Freedom is a fundamental principle in Islam, religion can not be forced on believers,” he added. ”Religion is not meant to give us guidance in all areas of industrial management, agricultural innovation, and governance, those subjects require human reason. Religion, however, gives us a code of values and principles,” he explained.

Nun ist es relativ egal, warum sie so reden. Ob es äußerem Druck oder Appeseament gegenüber der säkularen Opposition geschuldet ist, oder wirklich Ausdruck eines Umdenkens, spielt eine nur untergeordnete Rolle. Es sind die Umstände, die sie zwingen, sich mit den Grundlagen ihrer eigenen Ideologie auseinander zu setzen. Und das wird in jedem Falle Konsequenzen haben. Der Ball ist in ihrem Feld und so richtig glücklich wirken sie damit nicht. Denn wenn sie so weitermachen, kommen sie bald in ziemliche Erklärungsnöte. Denn Gamal al-Banna, und der muss es nun wirklich wissen, hat eben Recht: Es gibt kein Mittelweg zwischen islamischem und zivilen Staat.

3. März 2012, 17.47 Uhr:

Homs Blitz

von Thomas von der Osten-Sacken

Human Rights Watch meldet:

Syrian forces killed some 700 people and wounded thousands in a 27-day bombardment of Homs, with shells sometimes falling at the rate of 100 an hour, Human Rights Watch said.

Und auf von HRW veröffentlichten Satelittenbildern kann man sich die ganze Verwüstung auch noch ansehen, bzw. im dazugehörigen Text sich die Augenzeugenberichte durchlesen:

A wounded civilian from Baba Amr who escaped on February 24 described the intensity of the shelling:

On February 23 I was in my house when the whole building shook as if an earthquake had happened. I looked outside the building and saw that a rocket went through the building adjacent to mine, completely demolishing the roof. Seconds later, another rocket hit the same building destroying the second floor, and a few seconds later, a third rocket destroyed the first and ground floor. In three to four minutes the building had fully collapsed. I directly went outside to see if anyone survived. I pulled one woman but she had no legs. Her legs were cut off. As I was trying to remove another wounded person, the building on the other side of the street was hit by a rocket. The rocket’s shrapnel injured my legs and neck. I was transferred to the field hospital but they couldn’t remove the shrapnel from my neck. So they transferred me to Lebanon.

A wounded member of the armed opposition told Human Rights Watch: “The shelling generated so much damage that everyone we found inside the buildings that had been hit came out in pieces. I found a mother in Insha’at [a neighborhood north of Baba Amr] cut in half with her head missing. Her two daughters were in a similar state.”

Human Rights Watch
previously documented the use by the Syrian army of Russian-made 240mm mortar systems against Homs. These systems fire the world’s largest high-explosive mortar bomb, designed to “demolish fortifications and fieldworks,” according to a Russian arms merchandizing catalogue.

2. März 2012, 14.26 Uhr:

"God bless America"

von Thomas von der Osten-Sacken

Vermutlich meint dieser Iraner, wenn er mit einem solchen T-Shirt an die Urnen geht, nicht, dass die Appeasement Politik der Obama Administration zu lobpreisen sei, sondern hat etwas ganz anderes im Sinne (mehr über Toby Keith hier):

2. März 2012, 11.51 Uhr:

Muslimbruder versus Iran

von Thomas von der Osten-Sacken

Das wird man in Teheran nun gar nicht gerne vernehmen:

Essam al-Arian, the head of the Foreign Affairs committee in the new Egyptian parliament, said that Egypt must examine how it could lead the changes in the Middle East, known as the Arab Spring, which he said would also reach Iran.

Al-Arian’s comment marked the first time an official representative of the Muslim Brotherhood spoke openly about a possible uprising in Iran.

There was also harsh criticism in the Foreign Affairs committee meeting in Egypt’s parliament over Egypt’s approval for two Iranian ships to pass through the Suez Canal. Al-Arian responded to the criticism, saying that Egypt is tied to international treaties and therefore could not prevent the passage of the ships.

This Muslim Brotherhood position fits with their ideological stance, which sees Shia Islam as an unwanted denomination, and also fits their political stance, which sees the Egyptian uprising as a product of Egypt that was meant to remove Mubarak’s dictatorial regime, and not part of an Islamic revolution, like Iran wants to present it.

2. März 2012, 01.25 Uhr:

Erinnerungen an den 17. Februar

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Seite Feb 17th des Libyan Youth Movement erinnert mit einer Bildergalerie an die Anfänge des Endes der Herrschaft des Gaddafi Clans.

Und in Misrata wurden gerade die ersten Wahlen abgehalten, während Homs in Syrien in Schutt und Asche versinkt.

1. März 2012, 15.47 Uhr:

Iran: Eine antisemitische Konferenz gegen Hollywood

von Wahied Wahdat-Hagh

Am 2. Februar 2012 fand in Teheran die zweite „Konferenz über Hollywoodismus und Kino“ statt. Diese Konferenz war ein Teil des „Internationalen Fajr Festivals.“ An der Konferenz nahmen 48 Akademiker aus den USA, GB, Frankreich, Kanada, Belgien, Griechenland, Spanien, Tunesien, Italien, Ägypten, Russland, Libanon, Azarbaijan und den palästinensischen Gebieten teil.

Weiterlesen.

1. März 2012, 01.06 Uhr:

Ein hoffnungsloser Fall

von Thomas von der Osten-Sacken

Bis es in Syrien zu Massenaufständen gegen das Regime kam, galten die Assads als verlässliche Unterstützer noch jeder Terrororganisation im Nahen Osten, solange diese nur möglichst brutal gegen die USA, den Zionismus und Imperialismus überhaupt positioniert war. Ob Hamas oder Hisbollah, PFLP-GK, die Überreste der irakischen Ba’thpartei oder Al Qaida: in Damaskus war jeder  willkommen, solange man nichts gegen das Regime selbst übernahm, gab es Kost und Logis.
So waren es auch in den ersten Monaten der Aufstände keineswegs diese Organisationen, die die Opposition gegen Assad unterstützen. Man hielt sich, wie der Iran, großer Patron über Syrien, eher zurück oder stützte gar das Regime selbst.

Das zunehmend zu wackeln begann, während aus dem so genannten Westen jede nahmhafte Hilfe für die Opposition ausblieb. Erst hieß es etwa im US-State Department Assad sei ein Reformer, dann wurde diese Position angesichts der Vorgehensweise syrischer Sicherheitskräfte zunehmend unhaltbar, man rief nach einem Ende der Gewalt und forderte verhalten Monate zu späte den Rücktritt des Despoten. Den Rest delegierte Washington an die so guten Verbündeten Türkei und Saudi Arabien.
Erst als Al Qaida feststellte, dass es mit der Hilfe aus dem Westen nichts werden wird, rief sie, fast ein geschlagenes Jahr nach Ausbruch der Unruhen, zur Unterstützung der syrischen Rebellion. Dies geht einher mit Millionen, die Saudi Arabien und Qatar an Djihadisten in Syrien überweisen, um Islamisten in der Opposition zu stärken, während säkulare Kräfte vergebens um Unterstützung betteln und flehen. Noch länger dauerte es bei der Hamas, die bis vor wenigen Wochen noch auf der payroll des Iran stand. Wenn Assad schon zu fallen droht, dann soll in Damaskus wenigsten ein islamistisches Regime an die Macht kommen.

Hätten die USA und Europa früher und deutlicher sich etwa hinter die Free Syrian Army gestellt, es wären den Herren von Al Qaida und Hamas vermutlich im Leben nicht eingefallen, den Kampf gegen ihren ehemaligen Patron Assad zu ihrem zu machen. So aber haben sie nichts zu fürchten, der Westen sitzt bestenfalls am Rande, pfelgt den Dialog mit Muslimbrüdern und anderen zu moderat erklärten Kräften und lässt Saudi Arabien den Vortritt.
Der nun ist einmal mehr Gewinner – wenn auch für kurze Zeit nur – , denn die läuft ihm davon: Jetzt nämlich lässt das Weiße Haus verlauten, man opponiere der Idee, die Opposition zu bewaffnen, schließlich wolle man ja nicht die Feinde der USA unterstützen:

Last week, Republican Senator John McCain called for arming Syrian insurgents against Assad regime repression that has killed more than 7,500 people in less than a year, according to United Nations estimates this week.  of State Hillary Clinton disagreed with McCain’s plea during an interview Sunday with CBS News. “We really don’t know who it is that would be armed,” Clinton said during a visit to Morocco. “Are we supporting Al-Qaeda in Syria?” she said. “Hamas is now supporting the opposition. Are we supporting Hamas in Syria?”

Als Assad dagegen die Hamas unterstützte und ihr ein Refugium in Damaskus bot, da galt er als prominenter Dialogpartner und Reformer und wer forderte, statt mit dem Schlächter zu parlieren, sollten frühzeitig besser Konzepte für einen Regime Change entwickelt werden und substantiell  jene Oppositionellen unterstützt und gefördert werden, denen es nicht um sunnitisch-schiitische Metzeleien, die Errichtung von Khalifaten oder ähnlichen Zielen geht, der galt als blauäugig und naiv. In welches Desaster der so genannte außenpolitische Realismus im Nahosten dagegen führt, und zwar auf ganzer Linie, moralisch wie strategisch, das lässt sich dieser Tage zwar wunderbar am Beispiel westlicher Syrienpolitik studieren, eigentlich wissen möchte man es allerdings nicht, denn man wünscht und gönnt den Syrern und der Region doch eine ganz andere bessere Zukunft, als die, die sie nun wohl erwarten wird – auch dank der westlichen Nahostpolitik, die diesen Namen eigentlich nicht einmal mehr verdient.

Denn die sich anbahnende Katastrophe hätte verhindert werden können. Notfalls mit Hilfe einer frühzeitigen Intervention. Die hätte Syrien ganz sicher nicht innerhalb von ein paar Jahren in eine stabile rechtsstaatliche Demokratie verwandelt, aber doch verhindern helfen können, dass das Land sich in einen zweiten Libanon oder einen failed state verwandelt. Dies aber droht, je länger weiter nichts anderes geschieht, außer dass irgendwelche Außenminister ein Ende der Gewalt fordern und nach einer Stärkung der UN rufen, während syrische Panzer ganze Stadtteile in Schutt und Asche legen.

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