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Jean Cremet: Sonne, Süden, Schmitt

Sonne, Süden, Schmitt

Das neurechte Netzwerk der Europäischen Synergien ruft zur Sommeruniversität

von Jean Cremet

Es scheint sich um ein Naturgesetz zu handeln: Stets wenn Normalsterbliche nur noch ihren Urlaub im Sinn haben, plant die europäische Neue Rechte die Durchführung von Schulungsmaßnahmen. Ob nun die französische Organisation Grece in die Provence einlädt oder die Konkurrenz der Synergies Européennes in die Nähe der italienischen Stadt Perugia, immer zieht es die neurechten Mannen, wie die meisten Sommerurlauber auch, in den sonnigen Süden. Doch haben die Rechten anderes Reisegepäck bei sich als die meisten Urlauber: Neben dem Sonnenöl liegen die Werke des NS-Staatsrechtlers Carl Schmitt und eine Ausgabe der unvermeidlichen "Edda", dem Standardwerk mythologischer Götter- und Heldensagen.

In diesem Jahr gerät die Sommeruniversität des Netzwerks der Synergies Européenes um den Belgier Robert Steuckers vollends in die Nähe eines reinen Alibis für Freizeitaktivitäten. Gleich zwei volle Tage der einwöchigen Veranstaltung Anfang August sind kulturellen und Freizeit-Angeboten vorbehalten. Im Gegensatz zum vielfältigen und vor allem reichlichen inhaltlichen Angebot vergangener Tage soll der neurechte Geist diesmal durch drei bis maximal vier Vorträge nicht über Gebühr in Anspruch genommen werden.

Die Vorträge werden jeweils als eintägige "Werkstätten" zu den Bereichen Philosophie, Ökonomie, Geopolitik, Politilogie und Religion/Spiritualität durchgeführt. Im Mittelpunkt steht eindeutig, getreu den großraumtheoretischen Vorgaben des Stammvaters Carl Schmitt, die Geopolitik. Deren Ansätze sollen auch in die Bereiche Ökonomie und Politilogie einfließen.

Nicht zuletzt der Jugoslawien-Krieg hat dazu beigetragen, daß die Geopolitk innerhalb der europäischen Rechten wieder in einem breiteren Rahmen diskutiert wird. Bereits der völkische General Karl Haushofer, ein Vordenker der aktuellen Geopolitik, hatte vor sechzig Jahren eine "Kontinentalblockpolitik" gefordert. Heute setzt die Neue Rechte auf den eurasischen Ansatz und damit auf eine Achse (Paris-)Berlin-Moskau(-Tokio).

Wer allerdings meint, dies sei Zeichen einer realpolitischen Ausrichtung, der wird bei einem Blick ins Seminarprogramm schnell eines Besseren belehrt. Auch bei der Neuen Rechten kommt man nicht ohne Verschwörungstheorien aus. Um "Waffen und Ziele im 'geheimen' Krieg" soll es in einer Debatte zum Jugoslawien-Krieg im Rahmen der Werkstatt Geopolitik gehen.

Nicht die einschlägigen Theoretiker werden hier als Grundlage der Diskussion herangezogen, sondern der italienische Esoteriker Julius Evola. Dieser sah stets, wie das bei Esoterikern so ist, hinter den sichtbaren Auseinandersetzungen das Werk okkulter Mächte, oder allgemeiner: der Subversion. Ob Juden, Freimaurer oder Frühstückskartelle - bei Evola sind alle nur beseelt von dem einen Ziel, die Welt zu beherrschen und die Rückkehr Europas zu seinen Wurzeln zu verhindern.

Zu diesen Wurzeln zieht es auch den Österreicher Gerhoch Reisegger, einen ehemaligen Redakteur der burschenschaftlichen Monatsschrift Aula, der zunächst einen Abriß über siebzig Jahre der "weltwirtschaftlichen und geopolitischen Lage" geben will. Anschließend soll sein nächster Beitrag "Schöpfung und Katastrophe" folgen, in dem die "Edda" genutzt wird, um einen "europäischen Mythos" und eine "europäische Schöpfungsgeschichte" zu begründen.

Identitätsfindung, so die neurechte Grundregel, funktioniert immer noch am sichersten über die Religion. Die "Edda" bietet dabei den Vorteil, bei allen heidnischen Fraktionen anerkannt zu sein. Wenn die kollektive Identitätsbildung nach innen über die Religion geschaffen werden soll, dann liegt diese Verfahrensweise für die Kehrseite der Medaille, die Feindbildkonstruktion, nebenfalls nahe. Auch hier kann der Jugoslawien-Krieg als Ausgangspunkt genommen werden, wenn beispielsweise ein Helmut Müller aus Wien den "Islam als Herausforderung" begreift.

Müller hat unlängst Andreas Mölzer, der als Berater von Jörg Haider zur Kärntner Landesregierung gewechselt ist, als Chefredakteur des Wochenblatts Zur Zeit abgelöst. Zum Thema Islam hat der Funktionär der Österreichischen Landsmannschaft bereits eine Broschüre in der Reihe der Eckart-Studien vorgelegt. Für Müller stellt der Islam vor allem wegen der Einwanderung und der durch sie bewirkten kulturell-religiösen Veränderungen eine Bedrohung dar.

Die eher machtpolitisch argumentierende Fraktion der Neuen Rechten wähnt zusätzlich einen konkreten Angriff. Den Nato-Krieg gegen Jugoslawien bewertet man hier im Kontext eines Versuchs der USA, die Türkei als Regionalmacht zu stärken und sie gleichzeitig zu einem Vasallenstaat Washingtons zu machen.

So wie man in dieser Fraktion Großbritannien als Seemacht und somit nicht als Teil Europas betrachtet, so fällt auch die Türkei aus Europa heraus. Da sie die albanischen Muslime unterstütze, betätige sie sich als nicht-europäisches Werkzeug zur Spaltung der Europäer. Folgerichtig fordern die Europäischen Synergien konkrete Maßnahmen zur Schwächung der Türkei auf allen Ebenen.

Alexandre del Valle, ein glühender anti-islamischer Aktivist der Neuen Rechten, behauptet gar, daß die Terroristengruppe um den Exil-Saudi Ussama bin Laden über Ausbildungslager im Norden Albaniens verfüge. "Im Kosovo", schlußfolgert del Valle, "ist es also der radikalste und expansionistischste Flügel des Islamismus, der aus der Komplizenschaft mit den USA seinen Nutzen zieht."

Mit dieser Analyse soll offenkundig die traditionell starke pro-islamische Linie innerhalb der Neuen Rechten zurückgedrängt werden, die von einer gemeinsamen Feindschaft der islamischen und europäischen Länder gegenüber dem "großen Satan" USA ausgeht. Neue strategische Konzeptionen machen sich bemerkbar.

Es gäbe also viel zu diskutieren und noch mehr zu lernen für die Neue Rechte. Doch in der einen Woche Sommeruniversität lautet das Motto: viel Sonne und Süden, wenig Schmitt.

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