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Heike Runge: Dschungelbuch

Die Dialektik von Boom und Bang

Zum großen Gesellschaftsroman fehlt Tom Wolfe nur noch der ganze Kerl. Weil er ihn in der coolen New Yorker Finanzwelt nicht gefunden hat, sucht er ihn jetzt in den Südstaaten. Willkommen in Atlanta.

von Heike Runge

Tom Wolfe gehört zu jenen Autoren, die noch immer aufs Ganze gehen. Zur Selbststilisierung des Autors als Dandy-Macker gehört die Verachtung der Avantgarde wie der gesamten Moderne und die Behauptung, das Verschwinden des großen Gesellschaftsromans, das Ende der universalen Fiktionen, sei lediglich der Faulheit von Autoren wie der Feigheit von Verlegern anzulasten, das Ergebnis der anämische Roman, die von kulturellem Separatismus geprägte Erzählung über eine Klasse, ein Geschlecht, eine Minderheit.

Die Anwürfe des auf Exzentrizität bedachten Autors können nicht populistisch genug sein, wenn es darum geht, dem naturalistischen Roman zum erneuten Triumph zu verhelfen: Die Gesellschaft ist euch zu komplex, zu fragmentiert, zu gegensätzlich, um die Bereiche erzählerisch zu integrieren? Bullshit, alles lässt sich recherchieren und darstellen!

Mit "Fegefeuer der Eitelkeiten" (1987) unterzog Tom Wolfe die Literatur einer Art Crash-Test und ließ die gegensätzlichen Milieus von Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Zentrum und Peripherie, Getto und Elite, South-Bronx und Manhattan aufeinanderprallen. Durchaus ironisch bewerkstelligte er dies, indem er einen schwarzen Jungen aus der South-Bronx vor das Mercedes-Coupé des Masters of the Universe des Shooting-Stars der Wall-Street, Sherman McCoy laufen ließ.

Crash! Die Erzählkonstruktion war makellos. Wolfe spann die Fäden der gewaltigen Intrige hin und her, von Manhattan, beste Gegend: Park Avenue, zum städtischen Sozialwohnungsprojekt in der Bronx, beide Bezirke rückten zusammen, verkeilten sich ineinander, keineswegs, um einander jetzt ähnlicher zu werden, nicht, um One World, ein New York zu simulieren, sondern den Konflikt sichtbar zu machen und die Gelassenheit zu stören, mit der die Gegensätzlichkeit beider Welten konstatiert wird.

Ein Jahrzehnt später, in seinem 900 Seiten starken zweiten Roman, "A Man in Full" ("Ein ganzer Kerl") - Wolfe hat sich offenbar Zeit gelassen, seine Schauplätze, das Land, Georgia, die Stadt, Atlanta, ihre Eliten, ihre Produktionsstätten und die Gefängnisse in Kalifornien zu erkunden -, ist der Bauplan noch kühner; allein die Entfernungen, die seine drei Protagonisten zu überwinden haben, bis zu dem Punkt, an dem ihre Wege sich kreuzen, fordern den Langstrecken-Erzähler heraus. Und den Leser, der es zwischendurch allerdings aufgibt, noch auf eine halbwegs plausible Zusammenführung der drei Handlungsstränge zu hoffen.

Kritiker wie der US-amerikanische Autor John Updike behaupten zwar, dieser Roman sei nicht groß, sondern einfach nur dick, allerdings hat Wolfe auch eine Menge Stoff untergebracht, und nicht zuletzt läßt er eine Vielzahl von Motiven und Konstellationen der Ereignisse einfließen, mit denen die US-Gesellschaft der neunziger Jahre ihre Machtverhältnisse austarierte, die Skandale um Rodney King, Mike Tyson und O.J. Simpson, die Date-rape-Debatte, Act-Up, die Kampagne um die Robert Mapplethorpe-Ausstellung und das Zero-Tolerance-Programm.

Drei Protagonisten, die aber nicht gänzlich gleichberechtigt sind: Charlie Crocker ist der "ganze Kerl", die dominierende Figur, der Master, ein bulliger Typ von 60 Jahren, in zweiter Ehe mit der 28jährigen Serena verheiratet. In Atlanta, der Boomtown des Südens, hat er mit Immobilien und Kühlhäusern ein Imperium errichtet. Auf "Turpmtine", seiner 29 000 Morgen großen Ferien-Plantage ganz unten im Süden Georgias - oder tief unten, wie Crocker sagt, um zu betonen, dass man hier ganz nah dran ist am Echten und Unverfälschten - hat er die Südstaaten-Romantik inklusive der Sklavenhalter-Mentalität konserviert. Crocker, der sich von seinen schwarzen Angestellten Captain Charlie nennen lässt, ist ein altmodischer, weil verschwenderischer Kapitalist, der auf seine Besitzstände zählt, statt sein Geld anzulegen.

Längst hat die Bank, bei der er mit einer halben Milliarde in der Kreide steht, beschlossen, ihm ein paar "Satteltaschen" zu verpassen. So nennen die Angestellten der Kreditangestellten schadenfroh-sadistisch die riesigen Schwitzflecken, die sich auf dem Hemd des Schuldners bilden, wenn diesem während einer demütigenden Sitzung bedeutet wird, dass ihm der Geldhahn zugedreht wird. Nicht, dass der Leerstand in dem gigantischen Tower, den Crocker errichten ließ, um sein Lebenswerk zu krönen, bereits ein ausreichender Grund für diese Zwangsmaßnahme wäre, aber Crocker ist ist im Effektivitäts-Kapitalismus zu einem Anachronismus geworden und muss weg.

Der Wolfeschen Dramaturgie von der Gleichzeitigkeit des Auf- und Abstiegs, der Dialektik von Boom und Bang, Emporschnellen und Niedergang folgend, braucht es eine Figur, die bereits auf dem Karrieresprungbrett federt und gerade zum großen Sprung ansetzt: Roger White, der zweite Protagonist. Etwa zum selben Zeitpunkt, als Crocker in der Kreditabteilung wegen der angedrohten Zwangsvollstreckung schwitzt, macht sich der schwarze Anwalt einer renommierten weißen Kanzlei, der gelernt hat, dass sich antirassistischer Kampf und berufliche Karriere schlecht vertragen, auf den Weg zum Bürgermeister Atlantas, seinem früheren Studienkollegen, der ihn bittet, in einem Vergewaltigungsfall zu vermitteln, dessen Brisanz sich aus der Täter-Opfer-Konstellation ergibt: Der schwarze Star des Atlantaer Footballteam wird beschuldigt, eine weiße Promi-Tochter vergewaltigt zu haben.

Und irgendwo im fernen Kalifornien ereignet sich ein paar Tage später ein Crash - kein richtiger Unfall, der wie in "Fegefeuer der Eitelkeiten" die Handlung initiiert, es sind lediglich zwei Gabelstapler in einer Kühlhalle zusammengestoßen, ein Ereignis, das Wolfe in allen Einzelheiten würdigt, eine Vorausdeutung kommender Missgeschicke, die Protagonist Nummer drei ins Bodenlose stürzen lassen: Konrad Hensley, 23jährig, verheiratet, zwei Kinder, arbeitet in den Kühltürmen von Crocker Global Foods und erhält an jenem Tag seine Entlassung.

Tom Wolfe ist ein Autor, der seinen Figuren von Anfang an durchschaut und ihnen jedes Geheimnis nimmt, indem er ihnen ganz bestimmte Funktionen zuweist. Immer ahnt man, wo der Autor mit ihnen hinwill, was großartig sein kann, je nachdem, welche Aufgabe er ihnen gibt. Immer sind seine Anweisungen präzise, du dahin, du dort, up oder down, und das Personal spurt. Die Figur läuft los, zerrt an der Kette, der Autor hält dagegen, denn plötzlich hat er sehr viel Zeit, lässt die Figur stehen oder führt sie über alle möglichen Umwege, und erzeugt so die nervöse Anspannung, die sonst dem Krimi und dem Thriller vorbehalten sind.

Konrad Hensley dagegen torkelt, sein Job ist es, die Tugend zu verkörpern, und er trägt schwer an der Last, ein Charakter-Darsteller in einem Tom Wolfe-Roman zu sein. Dennoch verdankt sich dieser im Protagonisten-Trio schwächsten Figur das beste Kapitel dieses Romans: "Das ist - nicht recht", in dem der längst beschlossene Untergang seiner bürgerlichen Existenz besiegelt wird. Es beginnt gut für Hensley. Der neue Job bei einer Zeitarbeitsfirma in Oakland scheint zum Greifen nah. Beim Schreibmaschinen-Test aber fällt er durch, und als er zu seinem Wagen zurückkehren will, hängt sein Hyundai am Haken des Abschleppers. Nach vier Stunden, die er kopflos durch die fremde Stadt irrt, um seinen Wagen wiederzubekommen, ist er bereits verhaftet. Hensley ist gescheitert an der Bußgeldstelle, dem Busfahrplan, dem Münzfernsprecher, der Postanweisung, dem Stadtplan. Derart dicht ist die Kette unglücklicher Zufälle in diesem kurzatmig erzählten Kapitel mit seinen vielen abgebrochenen Sätzen gefügt, dass es keinen Gedanken daran zulässt, wie der gehetzte Hensley sie durchbrechen könnte.

Im Prinzip geht es hier zu wie in "Dallas" oder eben wie im Roman des 19. Jahrhunderts, wo der Erzähler die gesellschaftlich objektive Notwendigkeit des Niedergangs einer Figur konstatiert, um nun den Beschluss zu vollstrecken und all die unglücklichen Zufälle und Intrigen herbeischafft, die ihren Niedergang herbeiführen. Auch das unwahrscheinlichste Ereignis ist gedeckt durch die - s.o. - objektive Notwendigkeit. Man würde jedoch auf die Selbstinszenierung des Autors als Antimodernisten hereinfallen, schlüge man ihn einfach der Vergangenheit zu, schließlich arbeitet Wolf an dem immer noch aktuellen Projekt der Überwindung der Kluft von E- und U-Literatur, und so ist es nicht ausgemacht, ob seine zugespitzten Kapitelschlüsse geradewegs auf den frühen Forsetzungsroman der Illustrierten zurückgehen oder direkt auf die Cliff-hanger der Soap-opera.

Vielleicht ist es bloß eine taktische Offensive, um von der Mickrigkeit des Hensley-Charakters abzulenken, wenn Wolfe im Spiegel-Interview behauptet, just dieser zum Stoizismus bekehrte Proletarier sei ihm wichtig. Ohne Zweifel aber hat der Autor Hensley, den er vom Kühlhaus ins Gefängnis und von dort in die Illegalität schickt, bevor er ihn den Lehren des Epiktet zutreibt, zum Modell männlicher Moral erkoren.

Fast alle anderen Figuren sind Auslaufmodelle oder Modelle gefährdeter Männlichkeit. Zum Beispiel Crocker, das "Urvieh", der "große Bumser", das "Tier", der "ganze Kerl, "der Tycoon", der sich kurz nach seinem 60. Geburtstag nicht nur mit der Bank, sondern zugleich mit einem Knieschaden und einer Impotenz herumschlagen muss. Und seine Frau ist erst 28. Auch Crocker teilt das Schicksal der anderen männlichen Figuren, die nur noch Performanz statt Substanz anzubieten haben.

Während "Fegefeuer der Eitelkeiten" die Figur des Wall-Street-Brokers, die männliche Ikone der Neunziger, deren Nightmare-Version Brett Easton Ellis geschaffen hat, entzauberte, denn ihr Männlichkeits-Kapital - Jugend, Glück, Körper- war spekulativ, nimmt "Ein ganzer Kerl" sich mit Crocker eines konkurrierenden Männlichkeits-Modells an, einer Maskulinität, die auf Echtheit, Sinnlichkeit, Authentizität setzt. So vollendet nicht der durchtrainierte Bauch, das Waschbrett, auf den der Banker-Typus so stolz ist, die männliche Körperskulptur eines Crocker, sondern der imposante Brustkorb, der sich zu gigantischer Größe aufblähen läßt.

Wenn spätestens in den neunziger Jahren Männlichkeit etwas Angestrengstes bekommen hat, etwas, das mühsam "hergestellt" werden muss, dann ist Tom Wolfe der Autor, der dies verfolgt und sich die Hände reibt. Wolfe beschreibt Männermoden und interpretiert die Gesellschaft als die riesige Arena der Elefantenbullen-Kämpfe.

It's a man's world. Genau. Und auf das P.S. "... would'nt be nothing without" wird man bei Tom Wolfe vergeblich warten. Männlichkeit ist der Fokus, um die großen Klassen-Gegensätze, den gesellschaftlich zementierten Rassismus einerseits und die Mikro-Politik der feinen Distinktionen andererseits darzustellen. Nur wenigen Autoren gelingt wie Tom Wolfe beides. Zur großen figurenzentrierten Erzählung fehlt Tom Wolfe jetzt eigentlich nur ein ganzer Kerl.

Tom Wolfe: Ein ganzer Kerl. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Benjamin Schwarz. Kindler, München 1999, 921 S., DM 54

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