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Felix Wemheuer: »Jobhopping« ist in der Volksrepublik China

Tiao cao

Subversives Chinesisch, Teil 2: Tiao(4)cao(2), »Jobhopping«

von Felix Wemheuer

Erklärung der Töne: Der erste Ton (1) wird hoch und gleichbleibend gesprochen, der zweite Ton (2) steigt an, der dritte (3) geht nach unten und steigt dann wieder, und der vierte Ton (4) ist knapp und fallend.

»Jobhopping« ist in der Volksrepublik China die effektivste Form des Lohnkampfes. Unabhängige Gewerkschaften und Streiks sind verboten, aber Arbeiter und Arbeiterinnen wechseln häufig den Betrieb, um unerträglichen Arbeitsbedingungen zu entkommen oder mehr zu verdienen. In der Folge klagen besonders die ausländischen Unternehmen über die zu hohe Mobilität der Arbeitskräfte und werben sich aufgrund des Fachkräftemangels gegenseitig die Mitarbeiter ab.

Aber auch die 150 bis 200 Millionen Wanderarbeiter zeichnen sich durch eine hohe Mobilität aus – erzwungenermaßen. Besonders in den Weltmarktfabriken im Perlfluss-Delta in der Provinz Guangdong klagen Unternehmen, dass sie für ihre miesen Jobs nicht mehr genügend Arbeitskräfte finden. Die so genannte Wander­arbeiter-Dürre im Süden existiert, da die jungen Frauen und Männer aufgrund der dort höheren Löhne lieber nach Shanghai oder Peking zum Arbeiten gehen. Bei der Heimkehr ins Dorf zum Frühlingsfest, dem chinesischen Neujahr, rechnen sie dann durch, was das Jahr gebracht hat und ob es sich wieder lohnt, in die Städte zu gehen.

Das Selbstbewusstsein der Wanderarbeiter ist in den letzten Jahren gewachsen. Sie sind wählerischer geworden bei der Auswahl der Betriebe und lassen sich nicht mehr alles gefallen. Der chinesische Soziologe Yang Siyuan nennt diesen Exodus aus dem Süden »eine besondere Form des Streiks«.

Die Frage, die sich die Kapitalisten in China stellen müssen, ist deshalb: »Wie fessele ich die Arbeitskräfte an den Betrieb?« Bauarbeiter oder sogar Masseurinnen müssen häufig drei Monats­löhne als Pfand hinterlegen, damit sie nicht sofort die Firma wechseln können. Millionen Wanderarbeitern wird der Lohn erst am (chinesischen) Jahresende ausgezahlt. Bis dahin stellt das Unternehmen nur Kost und ein Bett in den überfüllten Wohnheimen zur Verfügung.

Qualifizierte Fachkräfte sollen hingegen mit Fortbildungen im Ausland oder Sonderzahlungen an den Betrieb gebunden werden. Immerhin: Trotz aller Versuche, die Mobilität der Menschen einzuschränken, ist es in den letzten Jahren in China zu massiven Lohnsteigerungen gekommen.