Das Kein-Schmarrn-Abo
Missy-Magazin
Bernhard Schmid: Gespräch mit Corry Guttstadt über Holocaustforschung und Antisemitismus in der Türkei

»Der Mythos von der Rettung der Juden ist makaber«

2 500 türkische Juden starben in deutschen Konzentrationslagern. Ihr Schicksal ist bis heute nicht erforscht. Die Turkologin Corry Guttstadt hat sich vor dem Hintergrund eines erstarkenden Antisemitismus in der Türkei mit dem bislang unbeachteten Kapitel in der Holocaustforschung beschäftigt. Sie beschreibt die widersprüchliche Haltung der Türkei gegenüber der jüdischen Minderheit und eine Politik der Ausbürgerung, die die staatenlos ­gewordenen Juden direkt in die Gaskammern brachte.

Interview: Bernhard Schmid

In ihrer Selbstdarstellung erscheint die Türkei als eine positive Ausnahme unter den islamischen Ländern, was den Umgang mit ihren jüdischen Staatsbürgern angeht. Betont wird, dass sowohl das Osmanische Reich wie später die türkische Republik den in Europa verfolgten Juden Schutz gewährte. Stimmt dieses Bild?

Die Türkei nutzt die Behauptungen über ihre angeblich so judenfreundliche Politik sehr stark zur Eigenwerbung auf internationaler Ebene. Vor allem in den neunziger Jahren, als die Türkei aufgrund von Menschenrechtsverletzungen in den kurdischen Gebieten ständiger internationaler Kritik ausgesetzt war, wurden türkische Politiker nicht müde zu betonen, dass die Türkei zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgte Juden aufgenommen habe und dies quasi in der Tradition der Politik des Osmanischen Reiches stehe.

Entspricht das den historischen Fakten?

Es ist schon zu betonen, dass das Osmanische Reich zu einer Zeit, als überall in Europa Juden verfolgt oder ausgewiesen wurden, Juden aufgenommen hat. Dies gilt für Juden aus Mittel- und Osteuropa, die über die Jahrhunderte hinweg vor den dortigen Pogromen auf osmanisches Gebiet flohen, sowie für die sephardischen Juden, die nach der spanischen Reconquista im Osmanischen Reich Aufnahme fanden. Insgesamt betrachtet ist die historische Wirklichkeit komplizierter als die Geschichte von »500 Jahren Toleranz und Wohlstand«, die oft erzählt wird. Die Zeit der Judenverfolgung auf der iberischen Halbinsel fiel zusammen mit der Expansion des Osmanischen Reiches. Dessen Herrscher hatten ein Interesse daran, Juden aus europäischen Ländern aufzunehmen, um die urbane Bevölkerung zu vergrößern und weil die Juden aus Spanien Kenntnisse in Finanzverwaltung, neuer Waffentechnik oder neuen Manufakturmethoden mitbrachten. Bereits zuvor in Anatolien und auf dem Balkan sesshafte Juden wurden – ebenfalls aus bevölkerungspolitischem Interesse – zwangsumgesiedelt.

Was geschah, als das multinationale Osmanische Reich durch die moderne nationalistische Türkei abgelöst wurde?

Die türkische Republik entstand 1923 buchstäblich auf den Trümmern des Osmanischen Reiches. Nach den Balkan-Kriegen, dem Ersten Weltkrieg, dem griechisch-türkischen Krieg, die Millionen Tote gefordert hatten, war das Land völlig ausgeblutet. Die europäischen Mächte hatten vor allem die Situation der christlichen Minderheiten zur Rechtfertigung ihrer Einmischung sowie ihrer Aufteilungspläne vorgeschoben. Deshalb identifizierten die türkischen Nationalisten die Minderheiten stark mit den imperialistischen Mächten, die sich als deren Beschützer aufspielten. Daraus resultiert eine Konstante im türkischen Geschichtsbild, das stark auf Verschwörungstheorien und einer Selbststilisierung als Opfer basiert. Sowohl zur Phase der Jungtürken als auch nach Gründung der Republik war der Nationalismus extrem stark, wie allerdings zu jener Zeit in fast allen neu entstandenen Staaten Südosteuropas.

Die Juden wurden ebenfalls zum Opfer dieses Nationalismus?

Anfänglich betrachteten die Juden sich mehrheit­lich als Verbündete der kemalistischen Bewegung. Auch weil Juden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts antisemitischen Angriffen der christlichen Minderheiten ausgesetzt waren und daher häufig auf den Schutz des osmanischen bzw. türkischen Staates angewiesen waren. Ihre Hoffnungen gegenüber der türkischen Republik wurden jedoch schnell enttäuscht. Eine rigide Türkisierungspolitik verlangte die Zwangsassimilierung der Minderheiten, verdrängte sie gezielt aus der Wirtschaft, auch aus zahlreichen eher schlecht bezahlten Berufen, und beschnitt ihnen außerdem zahlreiche politische und kulturelle Rechte. So verließ in den zwanziger und dreißiger Jahren ein Drittel bis die Hälfte der Juden die Türkei. Wichtigstes Zielland war Frankreich, u.a. weil viele türkische Juden Französisch sprachen und eine Affinität zum »Land der Aufklärung« verspürten. Andere Juden gingen nach Lateinamerika, in die USA oder auch nach Italien oder Deutschland.

Ein Bestandteil der Repressions- und Türkisierungspolitik war der Entzug der Staatsbürgerschaft von Angehörigen der Minderheiten, die das Land verlassen hatten. Einerseits zielte diese Maßnahme darauf, die Rückkehr von Griechen und Armeniern zu verhindern, zumal der Besitz der Ausgebürgerten dem türkischen Staat zufiel. Doch auch Oppositionelle wurden durch Ausbürgerung abgestraft.

Diese Politik wurde für die aus der Türkischen Republik ausgewanderten Juden zum Verhängnis?

Schon ab Ende der dreißiger Jahre richtete sich diese Ausbürgerungspolitik zunehmend gegen Juden. Von den türkischen Juden, die z.B. in Berlin lebten, wurden viele ab 1938 ausgebürgert und dann 1941 als Staatenlose erste Opfer der Deportationen. Besonders fatal wirkte sich aus, dass Ankara die Ausbürgerungen zum Beispiel in Deutschland auf dem Wege der Amtshilfe durch die dortigen Behörden durchführen ließ. So richtete das türkische Konsulat in Berlin eine Aufforderung an die Ausländerpolizei, die türkischen Juden vorzuladen und ihnen die Pässe abzunehmen. Damit war klar, dass diese bei den Nazibehörden als Staatenlose regis­triert waren. 1942 und 1943, als die deutschen Stellen der türkischen sowie den Regierungen weiterer neutraler und verbündeter Staaten ein Ultimatum zur Repatriierung ihrer jüdischen Staatsbürger aus dem NS-Machtbereich stellte und türkische Juden auch massenhaft Opfer der NS-Verfolgung wurden, erreichte die türkische Ausbürgerungspolitik ihren Höhepunkt. Mehreren tausend Juden, vor allem in Frankreich lebenden, wurde seitens der Türkei die Staatsbürgerschaft entzogen.

War damit der Weg in die Vernichtung für die türkischen oder türkischstämmigen Juden in Kontinentaleuropa vorgezeichnet?

Generell haben die NS-Behörden die Judenverfolgung in einer ausgeklügelten Verfolgungshierarchie durchgeführt. So wurden etwa in Deutschland jene Juden, die Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg oder mit »arischen« Frauen verheiratet waren, zunächst noch verschont. Ähnliches gilt auch für ausländische Juden. Ihr Schutz war allerdings vom Einsatz ihrer diplomatischen Vertretungen abhängig. Die türkischen Konsulate erkannten jedoch nur einen geringen Teil der türkischstämmigen Juden als Staatsbürger an. Juden, die in die Türkei zurückkehren wollten, mussten bei den türkischen Stellen eine Rückkehrgenehmigung beantragen, die in einer langwierigen Prozedur in Ankara geprüft wurde.

Handelte der türkische Staat dabei im Wissen um die Realität des Holocaust?

Das ist eine wichtige Frage. Die Deutschen haben den türkischen Behörden natürlich nicht gesagt, dass die nicht repatriierten Juden deportiert und ermordet würden, sondern haben dies als »Unterwerfung unter die allgemeinen Judenmaßnamen« verklausuliert. Allerdings war die Türkei ein Ort, wo es konkrete Informationen über die Massenvernichtung gab, denn zahlreiche jüdische Hilfsorganisationen saßen in Istanbul. Die ersten Interviews, die mit Menschen geführt wurden, die aus den Vernichtungslagern hatten fliehen können, wurden dort gemacht. Im März 1943 berichtete eine türkische Regierungszeitung – gestützt auf eine Erklärung der britischen Regierung – über den Massenmord der Deutschen an den Juden.

Gab es auch Stimmen, die sich für eine andere Politik der Türkei einsetzten?

Solange die türkischen Archive verschlossen sind, können wir über die innertürkischen Diskussionen nur spekulieren. Im Winter 1943/44 übten jüdische Organisationen, wie der Joint und der World Jewish Congress, aber auch britische und amerikanische Diplomaten starken Druck auf die Türkei aus, sie solle ihre in Frankreich lebenden und bedrohten Juden repatriieren. Es gab eine richtige Kampagne. Aus ganz Lateinamerika sandten sephardische Juden Telegramme an die türkische Regierung. Schließlich hat die Türkei von März bis Juni 1944 noch circa 400 türkischen Juden aus Frankreich die Einreise gestattet, das heißt: erst 18 Monate nach der deutschen Aufforderung. In der Zwischenzeit waren Hunderte türkischer Juden deportiert worden. Aber auch andere neutrale oder mit den Achsenmächten verbündete Staaten, denen Deutschland die »Rücknahme ihrer Juden« anbot, wie Spanien und Rumänien, handelten damals sehr zögerlich, im Gegensatz zu Italien und Portugal.

Wie geht die heutige Türkei mit diesem Aspekt ihrer Vergangenheit um?

Angesichts der historischen Realität ist der aufgebaute Mythos, demzufolge türkische Diplomaten überall im besetzten Europa »unter Einsatz ihres Lebens« Juden gerettet hätten, geradezu makaber. Im vergangenen Jahr erschien in der Türkei ein Buch unter dem Titel »Der Botschafter«, dessen Autor ein Großneffe des türkischen Botschafters in Frankreich in den Jahren bis 1943 ist. Der Autor behauptet, sein Onkel habe 20 000 Juden gerettet. In Wirklichkeit wurden während seiner Amtszeit nur 100 Jüdinnen und Juden aus Frankreich in die Türkei repatriiert. In seinen Memoiren schreibt der Botschafter im Übrigen, dafür sei ein Konsul verantwortlich, der eigenmächtig gehandelt habe. Aber trotz aller Repression ist in den vergangenen zehn bis 15 Jahren eine recht kritische Diskussion in der Türkei entstanden, insbesondere bezüglich des Nationalismus und der Situation der Minderheiten. Ich hoffe, dass auch das Thema der türkischen Juden und der Politik Ankaras während des Zweiten Weltkriegs irgendwann kritisch aufgegriffen wird.

Corry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust. Assoziation A, Berlin 2008, 520 Seiten, 26 Euro

Geändert: 6. November 2008

Nur online:

RM16

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …