Angela Marquardt: Wie steht die deutsche Linke zum Mauerfall? Der Mauerfall war eine Befreiung

Es war eine Befreiung

Der Fall der Mauer war ein Grund zum Jubel. Auch für Linke. Nicht der Mauerfall sollte daher im Zentrum der antinationalen Proteste in diesem Herbst stehen.

von Angela Marquardt

Im Herbst 1989, das Jahr meines Abiturs hatte gerade begonnen, erlebte ich in Greifswald die ersten Demonstrationen, die sich ausgehend von Kirchenveranstaltungen durch meine Stadt bewegten. Nach anfänglichem Zögern hat es mich mitgerissen. Ich habe an den Demonstrationen teilgenommen. Als ich dann am 10. November 1989 in den frühen Morgenstunden im Internat erfuhr, dass die Mauer offen ist, war ich fassungslos vor Freude. Ungläubig fuhr ich nach Berlin, lief schon am Abend über den Ku’damm und ließ mir bereitwillig einen Sticker schenken mit dem Spruch: »Ich bin frei.«

Ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, lief ich wieder mit Freunden durch Greifswald, und dieses Mal trugen wir Transparente, auf denen stand: »Deutschland verrecke«. Jeder Fahnenmast mit gerade gehissten Deutschlandfahnen war in dieser Nacht unser, und aus dem Schwarz-Rot-Gold wurde meist eine schwarz-rote Fahne.

Nach der Wiedervereinigung 1990 fanden in einem rassistischen Klima Pogrome und Übergriffe auf Asylbewerber und Migranten statt, 1991 in Hoyerswerda, 1992 in Rostock-Lichtenhagen, in Mölln und 1993 in Solingen. Gleich mal das Grundrecht auf Asyl abzuschaffen, das war die Reaktion der herrschenden Parteien. Im Mai 1993 wurde diese Änderung im Parlament mit einer Zweidrittelmehrheit beschlossen. Die Einwanderung nach Deutschland wurde wirtschaftlichen »Nützlichkeitskriterien« unterworfen, und die Akzeptanz einer »deutschen Leitkultur« scheint das Kriterium zu sein für eine derartige Auswahl der Geeigneten.

Im November 2004 resümierte Anetta Kahane in der taz, dass Rechtsextremisten die Chancen der Wiedervereinigung erfolgreich genutzt hätten. Eine besondere Brisanz erhält das Nazi-Problem natürlich durch in der Bevölkerung existierende Vorurteile und rassistische Ansichten, durch die sich Neonazis in ihrem Handeln oft bestätigt fühlen. Einer empirischen Langzeitbeobachtung des Institutes für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld ist zu entnehmen, dass heute etwa ein Drittel der Bevölkerung fremdenfeindlich ist, fast 15 Prozent antisemitische Auffassungen teilen und sich etwa 25 Prozent an rechts­populistischen Positionen orientieren.

Gleichfalls erleben wir insbesondere seit der Wiedervereinigung ein starkes Bedürfnis der Deutschen nach Schuldabwehr sowie einem ungebrochen positiven Bezug auf ihre Nation. Die Relativierung der deutschen Verbrechen lässt die Grenzen zwischen Opfern und Tätern im National­sozialismus bewusst verschwimmen. Den wirklich abstoßenden deutschen Opfermythos kann man jährlich am 13. Februar in Dresden erleben. Und dies nicht nur bei der NPD.

Doch auch im Wissen um all diese Entwicklungen bedaure ich es trotzdem nicht, dass die Mauer 1989 gefallen ist, und bereue auch nicht meine damals empfundene Freude. Für mich persönlich bedeutete der Mauerfall auch einen Aufbruch aus Lethargie, Duckmäusertum, Konservatismus und lautem Schweigen. Um nicht falsch verstanden zu werden, nein, ich war nicht im Widerstand als Jugendliche in der DDR, aber dieser Staat nutzte perfide das Recht der Schwachen auf Anpassung und drillte die Menschen zur Masse. Die DDR war weder im Ansatz eine linke noch eine sozialistische Republik. Es mag ja sein, dass viele Linke die heutigen Individualisierungsprozesse als Entsolidarisierung sehen, aber lieber kämpfe ich um eine solidarische Gesellschaft als um das Recht, überhaupt ein Individuum zu sein. Und gerade in den neuen Bundesländern sind die beschriebenen Erscheinungen unbestritten auch ein Resultat der ehemaligen DDR, die entgegen dem eigenen ideologischen Anspruch ein autoritärer, teils nationalistischer und ethnozentrischer Staat war.

Mit der Mauer und auch mit der DDR haben Linke nichts verloren außer ihren Ketten. Erst recht und ganz besonders gilt das für Menschen, die in der DDR ihre Dissidenz gelebt haben, zum Beispiel als Punk oder Künstler. Man muss die neuen deutschen Großmachtsträume als Resultat der deutschen Einheit bekämpfen, aber man kann sehr wohl zugleich den Fall der Mauer als individuelle Befreiung feiern. Es ist zwingend notwendig, bei den bevorstehenden Protesten gegen den reaktionären Einheitsjubel, diesen Unterschied zwischen individueller Befreiung sowie der Auflösung einer Diktatur durch den Mauerfall einerseits und dem leider daraus resultierenden nationalistischen Deutschlandwahn andererseits herauszustellen.

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Kommentare

Liebe Angela, die Betroffenheit aus einer Paraphrenie der deutschen Sprache in der Dialektik um Mauer ostwärts bzw. westwärts zu betrachten, tut heutzutage in der Erinnerung nicht Not. Es war eine Konfrontation der fraktalen Systeme, die um der Schizophrenie in der Geschichte um Verhandelbarkeit der deutschen Geschichte ostwärts bzw. westwärts von 1933 - 1945 seine Endogenität spiegelbildlich und sprachlich (symbolische) Identitfikation gegenüber des Narzissmus der Justiz und vorgestellte Erwartung von Dritten reformulieren.

Ein Loch in der symbolischen Ordnung bedeutet nicht, dass der linksradikale, deutsche Psychotiker kein Unbewusstes hat, im Gegenteil: in der deutschen Psychose (ca. dreizig Prozent der deutschen Bevölkerung) ist die Vormundschaft eines 5er Hauptschülers gegenüber eines desavouierten Akademikers immer noch eine Funktion die klappt, besonders wenn Vormund und Mündel Zwillinge sind und Männer zugleich. Im Allgemeinen wird somit die Mauer, von mir aus aus Hamburg, immer mit der Situation des Subjekts bzw. verworfenen Namens des Vaters konfrontiert sein und in diesem Fall der Erinnerung, ist das Subjekt der Linken nicht fähig, ihn zu verwenden; die Folgen ist ein Zusammenstoß mit den nicht assimilierbaren Betroffenheitskult der Miesere um Faktizität und Gemeinwohl des Signifikanten um Politik und Geschichte.

Im diesen Sinne, liebe Angela, ---StaSi rulez und ist Stylo!

www.stilldangerous.blogsport.de

Bela
"[Nach der Wiedervereinigung 1990...] Die Einwanderung nach Deutschland wurde wirtschaftlichen »Nützlichkeitskriterien« unterworfen"

das ist eine lüge! das ist eine verharmlosung des nationalismus der brd, bei der einem nur noch das kotzen kommt!

wo lebt die autorin?! was ist denn mit den türkischen „gastarbeitern“ (was denkt sie, wieso diese menschen so genannt wurden? – weil sie nach dem nützlichen schuften für die brd wieder weg sollten!), die als individuen (TM) in containern untergebracht wurden, damit sie sich nützlich machen für deutschland, aber ja nicht zu viel kosten?!

"Man muss die neuen deutschen Großmachtsträume als Resultat der deutschen Einheit bekämpfen"

die großmachtträume bestehen seit 1949 – die brd hat immer anspruch erhoben auf das original deutsche menschenmaterial der ddr. die brd war wieder bereit zum antikommunistischen imperialismus, da zahlte die ddr noch reparationszahlungen an die sowjetunion wegen des deutschen vernichtungskrieges. spätestens ab mitte der 60er hatte das saubere deutschland, wo man individuum (TM) sein darf, atomsprengköpfe. ja, für was denn?!
"Es mag ja sein, dass viele Linke die heutigen Individualisierungsprozesse als Entsolidarisierung sehen, aber lieber kämpfe ich um eine solidarische Gesellschaft als um das Recht, überhaupt ein Individuum zu sein."

„überhaupt ein individuum“ – man führt das natürlich nicht aus. hauptsache ein indivivuum (TM), das ist total viel wert, und v.a. ein hochideologisches schlagwort. aber ok, angela ist nun ein individuum (TM), und nun? was heißt das?
RESUMEE:
hauptsache die brd hat ne weitgehend weiße weste. ausländer totschlagen, antisemitismus, nationalismus – das gab es alles angeblich nicht in der brd, na klar. in wahrheit ist die npd in der ddr entstanden, ebenso die rep und die dvu. und die npd hatte in wahrheit vor der wende gar keine wähler!
und die spd oder cdu/csu waren ja nie rassistisch. die einführung von "nützlichkeitskriterien" wurde ja vom ostdeutschen mob erzwungen, vorher war man in der brd ja total menschenfreundlich!
weil die sind doch für die freiheit und das individuum (TM)!
in der brd saßen auch nie altnazis auf professuren und in richtersesseln. in der ddr saßen auch nie auschschwitzüberlebende in ministerien.

die bevölkerung der ddr wies auch nie wesentlich niedrigere werte bei umfragen zum antisemitismus auf, gell.

die autorin will nicht beim nationalen wahn mitmachen - und macht mit indem sie die weste der nationalistischen und antikommunistischen brd weißwäscht.

dass sowas hier veröffentlicht wird, ist allerdings allzu überraschend nicht.
Auch wenn ich mich diskreditiere und Bonzen mich nicht verstehen, war es in BRD-West schon 1967 mit den ersten Erfolgen der NPD um des Feindes 'Anderen' Wegweisend getan, was später unverhohlen in der DDR zu Tage trug: Xenophobie und Betroffenheit um des sozialen, wirtschaftlichen 'Eigen' willens.

Soweit ich das verstehe, hat die damalige Propaganda in der BRD-West von der NPD den Bildungsstand und Sprachdidaktik des 'Anderen' in die verklausulierte Kritik getragen. Und heute das selbe Bild, nur um paar Betroffenheits-Bonzen reicher. Die Linke um Partei und Freiraum hat es nie verstanden, diese Propaganda, die im postfaschistischen Europa gärt, zu widerlegen bzw. sprach-praktisch als immanenten Widerspruch um Hetero-Patriarchat als neue Religion der Jugend, der die Konstruktion der 'Übermenschen' und seine immer stärkere Ausarbeitung als vorgegebene Klausur der Politik um Einheitsfeier bzw. Ideologiekritik gegen eine christliche Moral richtet, und in diesem Sinne von 'Wiederkunftslehre' ohne Abzug einer 'Erneuerung' des Wesens von Rassismus, Sexismus und 'Viel-zu-Viele' verhöhnte.

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