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Jörg Sundermeier: Der Zustand der deutschen Literaturkritik

Warum es dicke Bücher heute schwer haben

Einige Anmerkungen zum Zustand der hiesigen Literaturkritik.

von Jörg Sundermeier

Ein Bekannter, der einen umfangreichen Roman geschrieben hatte, war ratlos. Er hatte sein Buch über eine renommierte literarische Agentur verschiedenen großen Verlagen angeboten. Und wie immer, wenn der Autor nicht gänzlich unbekannt ist, bekam die Agentur keine standardisierte Absage, nein, man schickte stets eine Begründung, warum der Roman für das Haus nicht in Frage kommt. Doch genau diese Begründungen brachten den Autor zur Verzweiflung. Großartig sei sein Buch, hieß es immer wieder, es sei wunderbar geschrieben, der Plot sei hervorragend kon­stru­iert, das Buch sei philosophisch und doch spannend, man habe es sehr gern gelesen. Dennoch lehnten alle das Buch ab.

Warum? Es war »zu dick«. Es umfasste rund 1 000 Manuskriptseiten. Für einen Horrorroman ist das gerade so annehmbar, vielleicht auch für ein Fantasy-Buch – das Buch gilt dann als »Schmöker«. Für ein anspruchsvolles belletris­tisches Buch hingegen gilt ein Umfang von über 600 Seiten bereits als ungewöhnlich. Manch einem werden noch die Warnungen im Ohr klingen, die sich der Suhrkamp-Verlag anhören musste, als er Uwe Tellkamps Roman »Der Turm« mit rund 1 ooo Seiten als »Spitzentitel« ankündigte. Die Skeptiker wurden eines Besseren belehrt, Tellkamp stürmte die Bestsellerlisten.

Doch zurück zu meinem Bekannten. Wenn man das Buch um die Hälfte kürzen dürfe, würde man es veröffentlichen, versprachen einige Lektoren. Zugleich räumten sie ein, dass sie nicht wüssten, wie man das Buch kürzen könne, ohne den Text zu beschädigen. Der Bekannte gab nicht auf und fand schließlich einen Verlag, der es ungekürzt herausbrachte. Sein Buch, sagt er, verkaufe sich ganz leidlich. Allerdings hat es nur vier Besprechungen bekommen, selbst befreundete Kritiker hätten das Buch nicht rezensiert. Auch ihnen sei es »zu dick« gewesen. Und einige hätten sogar beim Verlag nach einer Kurzzusammenfassung ersucht.

Man kann sich über solche Geschichten aufregen. Doch Empörung ist fehl am Platz. Immer, wenn man das Elend des Literaturbetriebs beklagen möchte, ist es hilfreich, sich zunächst mit seinen ökonomischen Voraussetzungen zu beschäftigen. Dass sich Verlage scheuen, einen Roman zu drucken, den sie gut finden, dessen Druck jedoch verhältnismäßig teuer sein wird, ist naheliegend. Gebundene Bücher, sofern es sich um Belletristik handelt, kosten im Laden selten über 24,90 Euro. Noch immer glauben die Buchhändler an die Regel, derzufolge Bücher nicht mehr kosten dürfen als 50 Mark. Ein Roman von 200 Seiten kann aber gern auch einmal 19,90 Euro kosten, obschon dessen reine Druckkosten rund 50 Prozent geringer sind als bei dem Tausendseiter. Was sich am Ende mehr auszahlt, ist klar.

Das ist die eine ökonomische Erklärung, die andere lautet: 1 000 Seiten anspruchsvolle Literatur wollen ers tmal gelesen sein. Der Literaturkritiker, die Radioreporterin, der Experte vom Fernsehen, sie alle werden nach Zeilen und Sendezeit bezahlt, der Aufwand muss sich lohnen, und ein dünnes Bändchen liest sich nun mal schneller weg als ein dicker Wälzer. Wer vom Zeilengeld leben muss, liest und bespricht lieber viele anspruchslose Romane im Monat als nur einen anspruchsvollen. Hinzu kommt, dass auch die festangestellten Literaturkritiker, deren gutes Gehalt nicht nach Zeilen bemessen wird, zunehmend unter ökono­mischen Druck geraten. In Zeiten der Zeitungskrise sind die Redakteure angehalten, viele Texte selbst zu verfassen, dafür wiederum muss man viele Bücher gelesen haben.

Was in den deutschsprachigen Feuilletons fehlt, ist eine klug und kundig geführte litera­rische Debatte. Die Kritiken stehen unvermittelt nebeneinander, eine Programmatik ist nicht zu erkennen, vieles erscheint willkürlich. Diese Beliebigkeit ist mit ökono­mischem Druck von außen allein allerdings nicht hinreichend zu erklären. Schließlich machen sich Journalistinnen und Journalisten freiwillig zu Sklaven der Verlagspresse- und Marketingabteilungen, sie schlagen sich geradezu darum, ein erfolgversprechendes Buch pünktlich zum Erstverkaufstag zu besprechen. Es geht ihnen aber nicht nur darum, einen Scoop zu landen. Vielmehr scheint es, als hätten die Journalisten die Marketingmechanismen der Buchverlage verinnerlicht. Entkoppelt vom Markt wird Literatur kaum noch betrachtet.

Würde ein Feuilleton, das etwas auf sich hält, dem Rezensenten gar die Zeit geben, einen Roman zu lesen und das Gelesene in Ruhe zu verarbeiten, würde das späte Erscheinen der Rezension zum eigentlichen »Ereignis«, die schnelle Rezension hat die gute Kritik ersetzt.

Kaum ein Kritiker liest heutzutage noch all die Bücher, über die er schreibt, von A bis Z durch. Selten liest einer mit Muße, oftmals reicht die Zeit nur, um ein Buch querzulesen. Die Inhaltsangaben in diesen Kritiken sind reichlich dünn, oft sind sie nicht nur in Details falsch. Mitunter kann man Formulierungen identifizieren, die Hinweise darauf geben, von wem der Rezensent abgeschrieben hat. Kritik sucht man abseits von kessen Behauptungen zumeist vergebens. In ihrer Rezension des letzten Romans von Martin Walser führte eine Kritikerin Dutzende von Stilblüten an, um ihr Urteil über den Roman zu belegen; andere Kritiker redeten pauschal von stilistischer Meisterschaft, konnten aber nicht eine besonders gelungene Formulierung anführen, um ihr Lob zu unterfüttern.

Leider sind die Kritiken nicht selten allein deshalb »meinungsstark« geschrieben, weil sich der Kritiker als kritischer Geist auszuweisen versucht. Der Kritiker bewirbt sich also selbst. Generell gilt: An die Stelle von textlichen Kriterien treten geschmäcklerische Urteile, auf die Einordnung in das Werk des Autoren wird zugunsten des Porträts verzichtet, manch ein kritischer Einwurf wird gleich ganz zugunsten der Nacherzählung des Medienspektakels um das Buch geopfert. Wer wissen will, welche litera­rische Qualität der Text »Feuchtgebiete« hat, und Begründungen sucht, der sucht in den unzähligen Kritiken vergebens.

Zudem wird ein mäßig gutes Buch oft als »Meisterwerk«, wird eine Debütantin als »Meisterin« gehandelt. Superlative machen sich immer gut. Wird ein Buch dagegen ausnahmsweise differenziert beurteilt, mutet dies schon wie ein Verriss an.

Das alles wäre weniger ärgerlich, würde es offen verhandelt. Doch über die Bedingungen des eigenen Schreibens wird lediglich am Kneipentisch gesprochen. In einem Literaturbetrieb, in dem die Journalisten nicht wissen, wer ihnen morgen das Honorar oder das Zeilengeld überweist, ist eine offene Kritik schwer möglich. Und es ist auch nicht nötig, scheint’s, denn kein Leserbriefschreiber fordert genauere Begründungen, keine Presseabteilung beschwert sich vernehmlich, wenn ein Kritiker nicht mal den Namen des Autors zu schreiben weiß.

Wenn immer nur das gut ist, was für gut gilt, niemand aber mehr nachvollziehen kann, wer anders als die Marketingabteilungen der Verlage dieses Urteil zuerst aufgebracht haben könnte, muss die Literaturkritik sich zukünftig in »Produktempfehlung« umbenennen. Will ich den Pressetext lesen und das Erscheinungsdatum erfahren, kann ich auf den Verlagswebsites nachsehen. Was Kritik ausmacht, ist mehr als »Daumen hoch«.

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