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Hanno Pöppel, Nina P. Rabuza und Joshua Wicke: Ein Besuch im ultraorthodoxen Viertel Jerusalems

Stadtteil der Männer

Wie groß ist der Einfluss der Charedim in Jerusalem wirklich? Ein Besuch in Mea Shearim, dem ultraorthodoxen Viertel der israelischen Hauptstadt.

von Hanno Pöppel, Nina P. Rabuza und Joshua Wicke

»Ich habe mein ganzes Leben lang in Israel gelebt. Ich bin in einem freien Land aufgewachsen und mir wurde beigebracht, dass Freiheit ein grundlegendes Recht ist, das niemand jemals untergraben kann. Als Teenager, im Militär, in meinen Jahren an der Universität und auch danach fühlte ich mich meinen Mitmenschen gegenüber gleichgestellt. (…) Ich fühlte mich niemals benachteiligt. Bis heute.« Dieser Bericht der Ynetnews-Reporterin Tanja Rosenblit über ihre Busfahrt von Ashdod nach Jerusalem löste eine Diskussion über die Geschlechtertrennung in Israel aus, die schnell von internationalen Medien aufgegriffen wurde. Auf der Fahrt in einem Bus der sogenannten Mehadrin-Linien – das sind Busse, in denen bei der Sitzordnung Geschlechtertrennung herrscht – wurde die Reporterin von ultraorthodoxen Männern aufgefordert, sich in die letzte Reihe zu setzen. Rosenblit weigerte sich und wurde daraufhin sexistisch beschimpft und offen angefeindet. Die Männer versammelten sich vor dem Bus und verliehen ihrem Ärger schimpfend und betend Ausdruck.

Für viele Menschen in Israel stellt diese Geschichte einen erneuten Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Ultraorthodoxen und Säkularen dar. Der Vorfall reiht sich in eine Chronologie von Ereignissen ein, die bis in die achtziger Jahre zurückreichen, als sich in einigen Buslinien die strikte Geschlechtertrennung durchsetzte.

Im Mai 2011 hatte die ultraorthodoxe Wochenzeitung Der Tzitung das mittlerweile weltberühmte Foto gedruckt, welches Barack Obama und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unmittelbar nach der Tötung Ussama bin Ladens im »Situ­ation Room« zeigt. Auf dem gedruckten Bild waren aber nur die Männer zu sehen, US-Außenministerin Hillary Clinton und die Leiterin der Nationalen Anti-Terror-Zentrale, Audrey Tomason, waren aus den Bild »herausradiert« worden. Aus Respekt vor den »moralischen Vorstellungen« der orthodox-jüdischen Leserschaft, wie sich das Blatt rechtfertigte. Der Vorfall ging noch als schrulliges Intermezzo durch, schließlich war die wichtige Nachricht eine andere. Aber die Initia­tive zur Geschlechtertrennung auf Gehwegen, die Entfernung von Frauenbildern auf Werbeplakaten in einigen Gegenden oder das Auftrittsverbot für Sängerinnen in der Öffentlichkeit, etwa auf Stadtfesten, sprechen in Jerusalem seit längerer Zeit eine beunruhigende Sprache.

»Die Ultras werfen auf ihren Demonstrationen mit allem, was sie kriegen können«, berichtet Roi, ein 28jähriger Architekturstudent aus Tel Aviv. »Orthodoxe und Frauenrechte? Das kannst du vergessen, die meisten leben in Ghettos, wo ganz eigene Gesetze herrschen.«

Einige dieser abgeschlossenen Communities, die häufig abfällig als Ghettos bezeichnet werden, befinden sich in Beit Shemesh, einer mittlerweile bekannt gewordenen Kleinstadt in der Nähe von Jerusalem. Mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner dort sind Charedim. Die Stadt wurde in den vergangenen Wochen zum Zentrum des Konflikts, nachdem ein achtjähriges Mädchen auf ihrem Schulweg von ultraorthodoxen Männern wegen ihrer »unzüchtigen Kleidung« bespuckt und beschimpft worden war. Spätestens nach dem Notruf eines Kamerateams des ­israelischen Senders »Channel 2«, das während der Berichterstattung von einer Gruppe Ultraorthodoxer angegriffen wurde, und seit der darauffolgenden Demonstration von knapp 10 000 Menschen in Beit Shemesh stehen die Charedim im Mittelpunkt der Berichterstattung israelischer Medien. In der Debatte über die Vorfälle der vergangenen Wochen geht es um die Frage des Einflusses orthodoxer Communities in Israel.

»Israel geht in Richtung Untergang, so denken jedenfalls viele, mit denen ich hier rede, schon seit längerer Zeit«, beschreibt Sybille, eine Ethnologin aus der Schweiz, die Stimmung unter säkularen Israelis. In der Tat sieht die linksliberale Öffentlichkeit in den Vorfällen der vergangenen Monate die Zuspitzung einer Tendenz, die schon länger sichtbar sei: Israel verkomme zu einer Theokratie, in der Frauenrechte zu wirkungslosen Gesetzesartikeln zu werden drohten, heißt es in vielen Kommentaren. Auch Sybille teilt diese Meinung und berichtet von einer Gruppe Charedim in Sderot: »Sie planen dort, private Geschäfte als koscher zertifizieren zu lassen, was zur Folge hätte, dass alle Frauen, die in diesen Läden arbeiten, ›sittlich‹ gekleidet sein müssten.«

Wie brisant die Diskussion ist, zeigt auch die Selbstdarstellung der Ultraorthodoxen, die sich während einer Demonstration am Neujahrsabend in Jerusalem provokativ zur größten Opfergruppe der israelischen Politik stilisierten. Einige der antizionistischen Religiösen drückten dabei ihren Hass auf Israel durch geschmacklose Nazi-Vergleiche aus, die weltweit für große Empörung sorgten. Solche Provokationen verschärften die bereits sehr emotionale Debatte um den Umgang des säkularen Staates mit der orthodoxen Minderheit. Während die Rede von der »Charedisierung« Israels in Europa das Gespenst jüdischer Macht- und Invasionsbestrebungen wieder aufleben lässt, ist die Debatte auch in Israel nicht frei von klischeebesetzten Anfeindungen. Die Befreiung vom Militärdienst und die staatlichen Transferleistungen, die orthodoxe Männer von bezahlter Arbeit freistellen, schüren das verbreitete Vorurteil, die Orthodoxen seien »Sozial­schmarotzer« und integrationsunwillige Außenseiter.

Dabei gehen differenzierte Positionen unter. Rachel ist eine »Orthodyke«, wie streng religiöse, lesbische Frauen in der Tel Aviver LGBT-Szene genannt werden. Sie wendet sich gegen militante Strömungen, spricht sich aber auch gegen vereinfachte Identifizierungen aus: »Die Religiösen und die Säkularen hassen sich. Das ist ein schlimmer Zustand, und ich verachte die Provokationen mancher Religiöser. Für Leute, die sich mit Israel wenig auskennen, sind sie eine homo­gene Gruppe schwarz angezogener Männer. So einfach ist das aber nicht. Jede Hutform sym­bolisiert eine Ausrichtung. Ich bin absolut gegen die Diskriminierung von Frauen, auch wenn ich verstehe, woher diese Leute kommen.« In ihrer Community kann Rachel nicht offen lesbisch ­leben, sie sieht aber eine positive Tendenz: »In manchen orthodoxen Communities gibt es viele Schwule und Lesben, das ist heute viel üblicher als früher. Ich glaube, dass sich die Lage langsam verbessert. Die Proteste gegen die Gay-Pride-Parade dieses Jahr waren zum Beispiel nicht so heftig wie sonst.«

Um Mea Shearim macht die Jerusalemer Gay-Pride-Parade bewusst einen Bogen. Das Viertel gilt als Inbegriff einer abgeschotteten Community von Ultraorthodoxen, die sich gegen jeglichen Einfluss von außen wehren. Auf dem Weg ins Viertel wird das Straßenbild sichtlich homogener. Viele Bewohnerinnen und Bewohner tragen am heutigen Samstag feierliche Sabbat-Kleidung. Nachdem ein Taxifahrer uns ausdrücklich davon abgeraten hat, das Viertel zu betreten, macht sich das Gefühl breit, hier unerwünscht zu sein. Vor allem unser Fotograf wird missmutig angestarrt, viele wechseln demonstrativ die Straßenseite, sobald sie uns begegnen. Die Ampeln, die nach Mea Shearim führen, sind abgeschaltet, Barrieren auf den Straßen sollen verhindern, dass Autos einfahren. Große Tafeln signalisieren, dass Touristengruppen unerwünscht sind. Frauen und Mädchen werden auf Schildern dazu aufgefordert, »angemessene Kleidung« zu tragen: lange Röcke, lange Ärmel, keine Hosen oder zu enge T-Shirts.

Auf einer nahegelegenen Straßenkreuzung stoßen wir auf knapp 70 charedische Männer und Jungen, die eine befahrene Straße entlangziehen und laut rufend die Einhaltung des Sabbat fordern. Die Polizei schubst sie an den Straßenrand, die Gruppe drängt aber sofort auf die Fahrbahn zurück. Die Szene wird von weiteren Zuschauern beobachtet: religiöse Anwohnerinnen, und zufällig vorbeikommende Touristinnen. »Sie fordern jede Woche die Einhaltung des Sabbat und versuchen, den Verkehr zu stören«, erklärt uns einer der Polizisten. Einige Frauen beobachten die Situation vom Eingang der äthio­pischen Kirche aus. Eine von ihnen berichtet, die Demonstranten seien früher militanter gewesen: »Sie haben ständig Autos mit Steinen beworfen und Straßen blockiert.« Heute fliegen lediglich vereinzelt Kartons auf die Straße. Als der Fotograf die Szene mit seiner Kamera festhalten will, wird er von einigen Jugendlichen umringt, die das Display seiner Kamera beäugen und verächtlich auf den Boden spucken.

Chanoch, ein älterer orthodoxer Mann, der etwas am Rand steht, distanziert sich. »Am Sabbat sollte man zu Hause bleiben und beten. Aber das verstehen diese Leute hier nicht«, sagt er und deutet auf die umstehenden Grüppchen aufgeregter Charedim. Einer von ihnen, der unser Gespräch mit Chanoch belauscht, fragt ihn, wieso wir Englisch miteinander sprechen. »Die kommen aus Deutschland«, witzelt er. »Die Deutschen sprechen Englisch in Israel, damit sie nicht erkannt werden.«

Chanochs Kommentar erinnert uns daran, wie undifferenziert die Debatte um Orthodoxe in Israel teilweise in den deutschen Medien geführt wird. Gleichzeitig offenbaren die Vorfälle der vergangenen Wochen Probleme, um deren Kritik die israelische Gesellschaft nicht herumkommt.

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