Schlüppis
Marcel Malachowski: Die Pathologisierung von Attentätern

Terror gegen die Vielfalt

Beim norwegischen Nazi Anders Breivik hielt man die Anschläge fälschlicherweise zuerst für islamistisch motiviert. Bei Mohammed Merah war es nun umgekehrt. Beides ist kein Zufall.

Kommentar von Marcel Malachowski

»Sanft und freundlich« und »ein sehr netter Kerl« sei Mohammed Merah gewesen, sagten seine Nachbarn der Presse. Was angesichts seiner barbarischen Morde absurd erscheint, könnte auf die Charakterstruktur eines Amokläufers deuten. Auch viele »unpolitische« Kapitalverbrecher wie der »Maskenmann« Josef Fritzl oder Wolfgang Priklopil, der Entführer von Natascha Kampusch, errichten eine bürgerliche Fassade, um im Verborgenen ihre sadistischen Vorlieben befriedigen zu können. Bei Merah scheint der Wunsch nach der Vernichtung anderer und seiner selbst erst während der bewussten Partizipation an einem halbwegs bürgerlichen Leben entstanden zu sein.

Doch warum ist, obwohl er seine Taten selbst eindeutig politisch, nämlich islamistisch begründete, nicht von Terrorismus die Rede? Nicht nur die Justiz scheint (wie auch im Fall Breivik) grundsätzlich Schwierigkeiten damit zu haben, einzuschätzen, welche Amoktaten bzw. Anschläge als »politisch motiviert« einzustufen sind. So nennen die deutschen Medien Merah fast einstimmig einen »Serienmörder« – ein Begriff, den man sonst bei einem ganz anderen Typus von Täter gebraucht. Die Kriminologen Rudolf Egg und Christian Lüdke wollten Merah bewusst gar keinem Typus zuordnen, sondern umschrieben ihn explizit wie allgemein als »psychopathologisch« und »narzisstisch« mit einem »Hang zur Ideologie«.

Vielleicht spiegeln diese unzulänglichen Beschreibungen tatsächlich die typologisch und ideologisch entgrenzten Tatmotivationen von Merah, Breivik oder auch den Sauerland-Konvertiten wieder. Diese »lonesome wolves« sind aber mehr, sie sind darüber hinaus die »Propagandisten der Tat« einer antizivilisatorischen Bewegung, deren Vernichtungswunsch sich gegen alles richtet, das auch nur entfernt an die als westlich oder kapitalistisch identifizierte Möglichkeit der In­dividualität und der Differenz erinnert. Der ehemalige Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI erklärte in einem ZDF-Interview, al-Qaida sei nicht nur ein Terror-Netzwerk, es werde zu einer »globalen und ideellen Bewegung« auch von Nicht-Muslimen werden.

Anschläge auf jüdische Einrichtungen, Nachtclubs, Gay-Hot-Spots, auf McDonald’s, das vereitelte Broadway-Attentat 2010 – solche Anschläge der vergangenen Jahre sind politisch, aber ob sie von Nazis oder Islamisten ausgeführt wurden, lässt sich meist erst sagen, wenn man die Täter gefasst hat. Die Taten sind serielle Amokläufe einer anti-westlichen Assoziation, die sowohl neo-nazistisch als auch islamistisch ist. Europäische Nationalisten und Islamisten bezichtigen sich gegenseitig, im Rahmen der Globalisierung den jeweils anderen zu benachteiligen – und beide bezichtigen »die Juden«, sie würden hinter dem Kapital gegen alle »die Fäden ziehen«.

Sei es ein queerer Lifestyle in London, ein Kebab Salonu in Bayern, eine Casting-Show in Gaza, eine jüdische Schule in der französischen Diaspora oder ein Popmusik-Sender in Mogadischu. Amok à la Toulouse ist eine Kriegserklärung an den Möglichkeitsreichtum der Moderne – und das Eingeständnis persönlichen Versagens daran.

So wird der Afghanistan-Einsatz in Wahrheit nicht verteufelt wegen der unschuldigen Opfer, die er fordert, sondern wegen der partiellen Freiheit, die er den Geknechteten verschafft – oder auch nur verschaffen könnte. Das Opfer, als das Tariq Ramadan obszönerweise Merah darstellt, war er wirklich: aber eines seiner eigenen Unfähigkeit zur Freiheit.

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