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dietrich Schulze-Marmeling: Mythos linke Vereine

Spielerisch über den linken Flügel

Gibt es linken Fußball, wie Argentiniens Nationaltrainer César Luis Menotti behauptet hat? Und wenn ja, könnte es so etwas auch in Deutschland geben?

von dietrich Schulze-Marmeling

Als der Philosoph »linken Fußballs« schlechthin gilt der Argentinier César Luis Menotti, der sein Nationalteam 1978 zum WM-Titel führte. In seinem 1986 auch in Deutschland erschienenen Manifest »Fußball aus der Tiefe des Volkes« unterschied Menotti zwischen einem »rechten« und einem »linken« Fußball: Beim »Fußball der Rechten« zähle »nur der Gewinn« und sei »ständig von Arbeit und Opfern die Rede«. Beim »Fußball der Linken« spiele man nicht nur, um zu gewinnen, »sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden, um ein Fest zu erleben, um als Menschen zu wachsen.« Das hört sich hübsch an, wobei man anmerken muss, dass die Dinge, die Menotti als Eigenschaften eines »linken« Fußballs nennt, nicht per se links sind. Man muss kein Anarchist, Kommunist oder Sozialist sein, um derartige Ziele zu verfolgen.

Aber wie sah die Realität aus? In Argentinien herrschte seit 1976 eine brutale Militärdiktatur. César Luis Menotti, Sympathisant der Kommunistischen Partei, war trotzdem im Amt geblieben. Sein größter Triumph als Trainer kam nicht sauber zustande. Die WM 1978 war neben der im faschistischen Italien 1934, wo ebenfalls der Gastgeber gewann, die schmutzigste. Das Finale erreichte die Albiceleste nur mit Hilfe von Bestechung und Einschüchterung. Anschließend mobbten Argentiniens Funktionäre den israelischen Schiedsrichter Abraham Klein, den aussichtsreichsten Kandidaten für die Leitung des Finales. Als Jude könne Klein nicht unparteiisch sein, denn die Juden würden per se mit den Niederlanden sympathisieren. Schließlich erhielt der Ita­liener Sergio Gonella den Zuschlag, der den Argentiniern, von denen eine Vielzahl aus Italien stammt, genehmer war.

Argentinien schlug die Niederlande nach 120 Minuten mit 3:1. Bis heute hält sich der Verdacht, dass die Leistung der Argentinier sich Doping verdankte. Der Journalist Jimmy Burns behauptet, ein Großteil der argentinischen Spieler sei so mit Drogen vollgepumpt gewesen, »dass sie noch nach dem Abpfiff weiterrennen mussten«. Für den argentinischen Sportjournalisten Ezequiel Fernández Moores, Autor einer kritischen TV-Dokumentation über die WM 1978 (»La Historia Paralela«), war das Turnier »die offensichtlichste politische Manipulation im Sport seit den Olympischen Spielen von 1936«.

Fußball ist eine janusköpfige Angelegenheit. Besonders in Argentinien. Menottis Albiceleste beherrschte beide Seiten des argentinischen Fußballs – die schöne wie die hässliche. Das Team zelebrierte nicht nur attraktiven Offensivfußball, sondern konnte auch äußerst ruppig agieren. Menotti behauptete nach dem Abpfiff des Finales: »Meine Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt.« Demnach wäre »linker« Fußball ein Fußball ohne Taktik und System. Aber Argentiniens WM-Kampagne war kein Fest, sondern das Ergebnis einer Politik des »Gewinnens um jeden Preis«.

Im Übrigen war es der Verlierer des WM-Finales 1978, die Niederlande, der mit linkem Fußball assoziiert wurde – wegen seiner offensiven und von guter Technik bestimmten Spielweise. Bei der WM 1974 hatte die Elftal, wie die Nationalmannschaft in den Niederlanden genannt wird, mit Offensivfußball begeistert, dem sogenannten voetbal totaal. Das Finale gewannen aber die Deutschen. In den Niederlanden redete man die Niederlage klein. Der »wahre Weltmeister« sei der, der den schönsten und attraktivsten Fußball gespielt habe. Mit anderen Worten: Gewinnen ist nicht wichtig.

Ende der achtziger Jahre erweiterte die Elftal ihr spielerisch attraktives Angebot um eine multikulturelle Komponente und gewann dadurch noch mehr Modellcharakter. Während der WM 1998 schrieb Peter Unfried in der Taz: »Die Niederlande sind tatsächlich – mal abgesehen vom speziellen Fußballchauvinismus gegen die Deutschen – das beste Beispiel, wie ein Land Liberalismus, Interesse an Europa und Multikultur in eine moderne, internationale Interpretation von Fußball einfließen lassen kann, ohne nationale Stärke aufzugeben.« Unfried gab dem DFB noch einen Rat auf den Weg, den der Verband einige Jahre später tatsächlich beherzigte: »Es ist längst nicht mehr der angebliche Selbsthass der Intellektuellen, resultierend aus zwei verschuldeten Weltkriegen, der nach der WM die Forderung nach einem Fußball laut werden ließ, der weniger deutsch ist. Es ist ein in großen Teilen der Bevölkerung zu registrierendes Unbehagen an den Stereotypen, mit denen Vogts ›den Deutschen‹ und seinen Fußball am Ende des Jahrhunderts gefesselt hält. Wie entspannt ›der Deutsche‹ im Gegensatz zu Vogts geworden ist, zeigte die bis zur WM noch undenkbare Holland-Sympathie. (…) Man kann sich natürlich vom DFB nichts wünschen. Könnte man es aber, würde man bitten, bloß mal theoretisch darüber nachzudenken, ob der deutsche Fußball, abgesehen von allen strukturellen Pro­blemen, nichts als Erstes und Wichtigstes einen neuen Stil braucht. Damit ist eine modifizierte, internationalere Auffassung vom Gegenwartsfußball gemeint, die sich nicht mehr über die Beschwörung überkommener ›deutscher Tugenden‹ definiert.«

Auch César Luis Menotti meldete sich während der WM in Frankreich zu Wort: Die Niederlande seien Repräsentanten eines »linken Fußballs«, während die Deutschen »rechten Fußball« spielen würden. Die Niederländer hätten »stets wunderbaren Fußball gespielt. Sie sind ihren Idealen treu geblieben.«

In den Niederlanden verlief die Entwicklung ein Jahrzehnt später – im Kontext der WM 2010 in Südafrika – eher umgekehrt. Bondscoach Bert van Marwijk unterschied nun zwischen »attraktivem Fußball« und »gutem Fußball«. Ein Spiel »mit Toren ist immer attraktiver als ein Spiel ohne Tore. Wir möchten wirklich gut spielen, aber es kann nicht immer attraktiv sein.« Auf dem Feld verkörperte vor allem der von den niederländischen Medien »der Deutsche« getaufte Schwiegersohn des Trainers, Mark van Bommel, die neue Anschauung: »Erste Priorität hat das Resultat. Wir Holländer konnten schon schön spielen und gewinnen, nun haben wir gelernt, zu gewinnen, auch wenn wir einen schlechten Tag haben.«

Für den Gesellschaftswissenschaftler und Publizisten Auke Kok reflektierte die neue Spielweise den Wandel der niederländischen Gesellschaft, die seit der Jahrtausendwende von (spezifisch niederländischen) Rechtspopulisten wie zunächst Pim Fortuyn und anschließend Geert Wilders aufgemischt wurde. »Wir hatten in den Siebzigern und Achtzigern eine sehr liberale und individu­alistische Phase. Dazu passte der Offensivfußball von Cruyff oder Gullit. Dann hat sich das Land geändert. Das Ausländerrecht ist strenger geworden, unser Blick auf Europa kritischer. Insofern ist es auffällig, dass auch unser Nationalteam zurückhaltender, kontrollierter und defensiver spielt. Wir rechnen ab mit dem übertriebenen Individualismus – auf dem Platz und in der Gesellschaft.« Kok problematisierte auch die Zusammensetzung des Teams, das den Rechtsruck in der niederländischen Gesellschaft reflektiere. Ausgerechnet im ehemaligen Apartheidsstaat Süd­afrika träten die Niederlande mit einer »weißen« Elftal an. Ethnische Minderheiten seien in van Marwijks Kader nur schwach vertreten und besetzten hier – anders als in der Vergangenheit – keine Schlüsselpositionen. Die meisten von ihnen fänden sich beim WM-Turnier auf der Reservebank wieder.

Folgt man Menotti, dann spielten die Niederländer nun rechten Fußball. Das Ergebnis war das wichtigste. Im WM-Finale versuchte man das brillante spanische Spiel durch Härte bis an den Rand zur Brutalität zu unterbinden. Stefan Hermanns schrieb anschließend im Tagesspiegel, zum ersten Mal sei bei den Niederländern die »Sehnsucht nach Erfolg größer als der Stolz auf das eigene Erbe« gewesen; im Finale habe diese Sehnsucht dann »ihre endgültige Pervertierung« erfahren. »Fever Pitch«-Autor Nick Hornby mailte an das literarische Fußballmagazin Hard Gras: »Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben gegen Holland gewesen zu sein, nicht einmal, wenn sie gegen England gespielt haben – bis zu diesem Finale gegen Spanien.«

Die erste Ausgabe des Magazins nach der WM zierte ein Foto von Nigel de Jongs Kung-Fu-Tritt gegen Spaniens Xabi Alonso, versehen mit der ironischen Schlagzeile: »Holländische Schule«. Bei der WM 1982 hatte ein brutales Foul des deutschen Torhüters Harald Schumacher im Halbfinale gegen Frankreichs Patrick Battiston für nega­tive Schlagzeilen gesorgt. Schumachers Aktion wurde als symptomatisch für den unattraktiven und ausschließlich ergebnisorientierten Fußball des DFB-Teams betrachtet. Der »hässliche Deutsche« war nun wieder in aller Munde und die »Bösewichte der Weltgeschichte« waren nun auch die »Bösewichte des Weltfußballs«. Die Fußballwelt war erleichtert, als die Deutschen das anschließende Finale gegen Italien verloren und sich – wie die Niederlande 2010 – mit dem Titel des Vizeweltmeisters begnügen mussten. De Jongs Foul erhielt nun eine ähnliche, über die unmittelbare Aktion hinausgehende Bedeutung. Vom deutschen Auftritt 1982 blieb vor allem Schumachers Foul an Battiston in Erinnerung, vom niederländischen Auftritt 2010 de Jongs Kung-Fu-Tritt gegen Alonso. De Jong stand nun, wie der Journalist Simon Kuper bemerkte, »für das neue, böse Holland«, das die Idee vom »Gidsland« suspendiert, dem progressiven Vorbildsstaat, als der sich die Niederlande lange gesehen hatten – auch auf dem Fußballfeld.

Wie die »alten« Niederlande spielten nun die Deutschen – offensiv, kreativ und multikulturell. Die Fußballwelt war begeistert und die DFB-Elf galt für kurze Zeit als Beleg für ein neues, modernes und buntes Deutschland. Wenige Monate nach der WM veröffentlichte Thilo Sarrazin ein Buch mit dem Titel »Deutschland schafft sich ab«, in dem er der multikulturellen Gesellschaft eine Absage erteilte und das die Deutschen, die soeben noch Mesut Özil und Sami Khedira gefeiert hatten, zum Bestseller kürten.

Und was wurde aus Argentinien? Trainer der Albiceleste war Diego Maradona, dessen rechten Oberarm ein Tattoo Che Guevaras und dessen linkes Bein eines von Fidel Castro schmückte. Ein weiteres mit dem Konterfei von Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez befand sich noch in Planung. César Luis Menotti hatte vom Kampf gegen die »Diktatur der Taktik« und den »Terror der Systeme« nur geredet, sein Schüler Diego Maradona ließ nun Taten folgen. Mit dem Ergebnis, dass die »neuen Deutschen« Argentinien im Viertelfinale der WM 2010 mit 4:0 überfuhren. Bundestrainer Jogi Löw belehrte Maradona anschließend, dass »Spielkultur ohne Ordnung und Organisation nicht möglich« sei. Man müsse »eine klare Strategie haben, wenn man offensiv spielen will. Sonst ist es ein völliges Durcheinander und endet im Chaos. Ohne Ordnung keine Krea­tivität.«

Am Ende bleibt also offen, wie »linker Fußball« aussehen müsste, vielleicht auch, weil nicht nur über Fußball, sondern auch darüber, was links ist, durchaus unterschiedliche Meinungen existieren. Eines aber ist offensichtlich: dass sich die Fußballstrategen mit vielen Fragen beschäftigen, aber zu allerletzt mit der Anzahl der Che-Guevara-Fahnen auf den Zuschauerrängen und den politischen Ansichten der Fans. Die Frage »Gibt es linke Fußballfans?« ist schließlich leicht zu beantworten, aber daher auch banal und reichlich überflüssig.

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