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Elke Wittich: Die Kinderstars der Astrid-Lindgren-Filme

Pippi darf nichts trinken

Was aus den Kinderstars der Astrid-Lindgren-Filme wurde.

von Elke Wittich

Auch wenn die deutsche Debatte um alte Kinderbücher, in deren Neuauflagen rassistische Begriffe geändert werden, es nicht vermuten lässt: In anderen Ländern wurde diese Diskussion bereits sehr viel früher geführt, zum Beispiel in Norwegen, wo der staatliche Sender NRK schon 2006 den Vater von Pippi Langstrumpf vom »Negerkönig« zum »Südseekönig« machte. In Schweden war bereits 2004 ein »Pippi«-Bilderbuch für jüngere Kinder erschienen, in dem Kapitän Langstrumpf zum König von Kurrekurreduttö – so heißt Taka-Tuka-Land im Original – gemacht wurde.

Nachdem die Debatte in Skandinavien beendet war, widmeten sich die kleinen und groß gewordenen Fans der Astrid Lindgren-Bücher und -Filme den Fragen, die Fans überall auf der Welt umtreiben: Wo liegen eigentlich Bullerbü und Saltkrokan? Und was machen Pippi und ihre Freunde Thomas und Annika sowie Onkel Melker und Tjorven aus »Ferien auf Saltkrokan« heute? Die erste Frage ist einfach zu beantworten, Bullerbü heißt eigentlich Sevedstorp und liegt in der Provinz Småland, nahe Vimmerby, wo Astrid Lindgren aufgewachsen ist. Saltkrokan dagegen gibt es in Wirklichkeit nicht, gedreht wurde auf Norröra und Söderöra, zwei in den Stockholmer Schären gelegenen kleinen Inseln, wo noch heute im Sommer Führungen zu den Schauplätzen der Serie angeboten werden. Im letzten Teil der Saltkrokan-Reihe spielte einer nicht mehr mit: Torsten Lilliecrona, Darsteller des alleinerziehenden Vaters Melker, hatte 1966 genug von seiner Rolle. Ein Streit um die – gerüchteweise miese – Bezahlung der Serienschauspieler war vorausgegangen, die Lilliecrona nicht als adäquates Schmerzensgeld ansah. Der Schauspieler war zwar durch die Saltkrokan-Verfilmungen zum ersten Fernsehstar Schwedens geworden, fühlte sich durch den Rummel aber wohl belästigt, denn er wurde überall erkannt, angefasst, mit Fragen überhäuft.

Lilliecrona, geboren 1921 in Jönköping, hatte immer Schauspieler werden wollen, als Jugendlicher verließ er das Gymnasium kurzerhand, als sich ihm die Möglichkeit bot, eine Schauspielschule zu besuchen. Als er genug vom Fernsehen hatte, kehrte er ans Stadttheater Göteborg zurück. Und wurde prompt von Saltkrokan eingeholt, denn kaum hatte er in »Macbeth« die ersten Sätze gesagt, brach das Publikum in Jubel aus und schrie »Farbror Melker« (Onkel Melker).

1967 wurde Sven Wollter, bis heute Mitglied der Kommunistiska Partiet, Lilliecronas Kollege, der ein »rotes Theater« wollte. Von nun an spielte der Mann, der Onkel Melker war, unter anderem in »Borgarbalen«, einer marxistischen Analyse der Machtverhältnisse im Sozialhilfesystem in Musicalform, im Drama »Före­ståndaren«, in dem es um unterdrückte Arbeiter ging, und in »Sill«, einem Agitpropstück über Heringsfang. Seine Vorahnung, dass er auf ewig unter der Rolle des Melker leiden würde, erwies sich im Übrigen als richtig: Bis Saltkrokan hatte er in 49 Filmen mitgespielt, anschließend brachte er es in den Jahren danach nur noch auf zehn. 1999 starb Lilliecrona, in den meisten Nachrufen ging es um seine Rolle als Melker.

Auch der Darsteller des notorisch mies gelaunten Fischers Vesterman ist schon lange tot. Manne Grünberger (eigentlich Manuel Abraham Grünberger) war ein 1912 in Stockholm geborener schwedischer Jude, der bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1977 regelmäßig in Filmen zu sehen war. Sein Debüt im Jahr 1933 hatte er ausgerechnet in dem vor antisemitischen Stereotypen nur so strotzenden Streifen »Pettersson & Bendel«, der von den Nazis in Deutschland umgehend propagandistisch genutzt wurde. »Seiner Mentalität nach hätte dieser Film eigentlich in Deutschland gedreht werden müssen«, schrieb beispielsweise die Licht-Bild-Bühne 1935, er beweise, »dass Deutschland noch viel zu tief in den rassischen Auseinandersetzungen steckt, um die Dinge so selbstverständlich zu sehen, wie sie in dem schwedischen Film gezeigt werden«. Was Grünberger später über den Film dachte, ist unbekannt, über seine Biographie findet man heute kaum noch etwas.

Das ist bei Louise Edlind, heute Louise Edlind Friberg, anders. Die Darstellerin der Malin, der ältesten Tochter von Melker, hatte im Jahr 1971 sogar eine Rolle in einem Hollywood-Film bekommen: In »Le Mans« spielte sie die Ehefrau eines Rennfahrers – und trat dann erst 1992 in einer Fernsehkrimiproduktion wieder in Erscheinung. Heute ist Edlind Friberg Schauspielerin und Politikerin. Für die liberal-bürgerliche Folkpartiet saß sie als Nachrückerin 2006 einige Monate im Parlament, seit 2010 dreht sie auch wieder Filme.

Aber was wurde aus Thomas, Annika, Karlsson und Stina? Im Gegensatz zu den meisten anderen Kindern, die in Astrid-Lindgren-Produktionen mitwirkten, wurde Maria Johannsson später tatsächlich Schauspielerin. Die Darstellerin der Tjorven, die gemeinsam mit ihrem Bernhardiner Bootsmann in der Serie mitspielte, besuchte ab 1981 die Stockholmer Theaterhochschule, wo sie am 1. Juni 2012 die erste Studentin war, die ihren Doktor im neuen Fach »Konstnärlig forskning« (künstlerische Forschung) machte. Die anderen Darsteller von »Saltkrokan« geben keine Interviews über ihre Zeit als Kinderstars, sondern versuchen ihre Privatsphäre vor Fans und Journalisten zu schützen. Wie auch Stephen Lindholm, der den Pelle spielte. Über den heute über 50jährigen ist lediglich bekannt, dass er als Journalist arbeitet. Kristina Jämtmark, Darstellerin der Stina, wurde zunächst Friseurin und später Rezeptionistin, Bitte Ulvskog, die Freddy spielte, arbeitet heute als Wirtschaftsprüferin, die Darstellerin ihrer Zwillingsschwester Teddy wurde Tierärztin.

Inger Nilsson spielte Pippi Langstrumpf, sie hat bis heute Probleme, als Schauspielerin ernst genommen zu werden. »Ich merke immer wieder, dass ich die Kindheit der Regisseure und Produzenten verkörpere, bei denen ich für eine Rolle vorspreche. Und deswegen wollen sie in mir auch weiterhin nur Pippi sehen.« Auch ihr Privatleben werde bis heute davon beeinflusst: »Man glaubt, dass man einfach ausgehen, ein bisschen was trinken und dabei müde aussehen kann – bis man dann plötzlich jemanden sagen hört: Oh, ich hab grad Pippi gesehen, die ist ja besoffen.«

So viel Beachtung blieb Maria Persson erspart. Die Darstellerin von Pippis Freundin Annika besuchte zwar zunächst eine Theaterschule, um Schauspielerin zu werden, erhielt aber kaum Rollenangebote. Heute wohnt sie mit ihrem spanischen Ehemann auf Mallorca. Pär Sundberg, der Tommy spielte, beendete seine Schauspielkarriere mit 13 Jahren und arbeitet heute für eine internationale Marketingfirma.

Was aus Mats Wikström wurde, der die Hauptrolle in »Karlsson vom Dach« spielte, war lange Zeit nicht bekannt. Erst als das schwedische Fernsehen 25 Jahre nach der Erstausstrahlung alle vier Serienfolgen freitagabends zur Prime Time wiederholte, äußerte sich der ehemalige Kinderstar erstmals wieder öffentlich. Er sei vom Rummel überrollt worden, erzählte er in einem Interview mit der Lokalzeitung Folket. »So etwas beeinflusst einen«, sagte er. »Als Kind hat man keine Ahnung, wie man damit umgehen soll. Ich wurde reserviert und misstrauisch, denn ich wusste ja nie, ob die Leute wirklich an mir interessiert waren oder nur mit Karlsson reden wollten.« Zwei Jahre nach den Dreharbeiten zog die Familie aus Stockholm weg, niemand sollte am neuen Ort wissen, wer er war. Es dauerte allerdings nicht lange, bis sich herumsprach, wer der Neue in der Klasse war. »Es war einfach nicht schön, immer nur wegen der Rolle angesprochen zu werden« – vielleicht, setzte Wikström hinzu, wäre alles erträglicher gewesen, wenn er Schauspieler hätte werden wollen. »Dann hätte ich sicher Nutzen aus der Popularität ziehen können und wollen.« Erst als er selber schon Kinder hatte und einer ganzen Busladung Elfjähriger Autogramme geben musste, habe er zum ersten Mal gedacht, dass es doch ganz schön sei, erkannt zu werden.

Jan Ohlsson, der in der Serie »Michel aus Lönneberga« die Hauptrolle spielte, reagiert bis heute nicht auf Interviewanfragen. Über Ohlsson ist lediglich bekannt, dass er heute in der Computerbranche arbeitet und möglicherweise Systementwickler ist. Lena Wisborg, die kleine Schwester Ida, wollte ebenfalls viele Jahre lang nicht mehr mit ihrer TV-Rolle in Verbindung gebracht werden, für eine RTL-Produktion kehrte sie jedoch 2006 noch einmal nach Lönneberga zurück, um ein paar belanglose Sätze über die tolle Atmosphäre am damaligen Drehort zu sagen. Begleitet wurde die heutige Angestellte eines Modehauses von Björn Gustafson, der als junger Mann den Knecht Alfred gespielt hat. Mittlerweile ist der Schauspieler 78 Jahre alt und hat in so vielen schwedischen Filmen und Serien mitgewirkt, dass die Auflistung seines Gesamtwerks bei Wikipedia in Jahrzehnte unterteilt werden musste.

Ein Grund für die Zurückhaltung vieler ehemaliger Lindgren-Filmstars dürfte sein, dass niemand daran dachte, die Kinder auf das vorzubereiten, was nach den Dreharbeiten passieren könnte. Bis 1969 gab es in Schweden nur einen einzigen Fernsehkanal, 1958 führten gleich zwei Großereignisse dazu, dass jeder, der es sich auch nur irgendwie leisten konnte und wollte, sich einen Fernseher zulegte: die im Land ausgetragene und als erstes Event für die Eurovision produzierte Fußball-WM sowie eine Quizshow namens »Kvitt eller dubbelt«, bei der man die unerhörte Summe von 10 000 Kronen gewinnen konnte. Im Jahr 1964 zeigte SVT die Serien, die in den meisten anderen Ländern auch liefen: »Flipper«, »General Hospital«, »Dr. Who« – und die erste Folge von »Vi på Saltkråkan«. Die älteren Schauspieler der Lindgren-Serien wie Lilliecrona zeigten sich rückblickend überrascht, dass sie fortan überall erkannt wurden. Dass Kinderstars aber nicht nur mit Autogrammwünschen rechnen mussten, stellte sich bald heraus. Selbst Linda Bergström, die 1986, als der Rummel um TV-Darsteller schon alltäglich geworden war, in einer Neuverfilmung von »Bullerbü« das Mädchen Lisa spielte, erinnerte sich Jahre später in einem Interview, dass sie nach der ersten Ausstrahlung der Serie nicht nur in der Schule gemobbt wurde. »Das Motiv war natürlich reine Eifersucht«, sagte sie, »aber es war einfach eine schreckliche Zeit.«

Dass die Kinderdarsteller auch heute noch mit übler Nachrede und Mobbing rechnen müssen, zeigt ein Eintrag in einem der größten schwedischen Foren über Kajsa Dandenell, die als Zweijährige die Rolle der kleinen Skrållan bekommen hatte, weil sie sich nicht vor dem Bernhardiner Bootsmann fürchtete.

Er kenne die heute als Altenpflegerin arbeitende Frau, erklärte dort ein anonymer User, weil eine Angehörige in einer Einrichtung einer bestimmten Stadt untergebracht sei, in der sie beschäftigt sei. Immer wieder höre er, dass sie nicht nur sehr unverschämt zu den alten Leuten sei, sondern sie auch regelrecht vernachlässige. Das kann jedoch gar nicht sein: Die Frau arbeitet als Krankenpflegerin in einem ganz anderen schwedischen Ort.

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