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Maurice Summen: im Gespräch mit Frank Spilker über Die Sterne

Der eigene Themenladen

Zum 25jährigen Bandjubiläum von Die Sterne erschien dieser Tage unter dem Titel »Mach’s Besser« ein Album mit Coverversionen von Peter Licht, Björn Beton oder Isolation Berlin. Sänger, Songschreiber und Label­betreiber Frank Spilker spricht über seine musikalischen Anfänge in Ostwestfalen, die große Zeit der Hamburger Schule und seine Erfahrungen im Major-Popbetrieb.

von Maurice Summen

Fangen wir doch chronologisch an. Reden wir über Die Sterne in den achtziger Jahren in Ostwestfalen und die Szene um das Label »Fast Weltweit«.

Ich würde das rückblickend vor allem jugendliche Beschaffungskriminalität nennen, in dem Sinne, dass wir uns damals beschafft haben, was wir haben wollten: nämlich eine Underground-Subkultur, die es damals nur in den Städten gab. Man war in der Provinz zwar sehr gut informiert über Printmedien und Radio – vor allem über John Peel –, aber es gab sehr wenige Räume, wo man gleichgesinnten Leuten begegnen konnte. Es gab vielleicht zwar drei Clubs in der Gegend, die man jedes Wochenende abgefahren ist, wie das Forum Enger oder in Bielefeld das PC69, aber da gab es ja keine lebendige Subkultur. Dieser Mangel hat damals die Leute bei »Fast Weltweit« zusammengeführt.

Wir reden hier von Gleichgesinnten wie Bernadette La Hengst, Bernd Begemann oder Jochen Distelmeyer. Ihr seid fast gleichzeitig nach Hamburg gezogen.

Der chronologische Verlauf ist so, dass es eine Szene in Herford und Bad Salzuflen gab, die man in der Retrospektive durchaus als einen Ort betrachten kann. Durch die Initiative von Bernd Begemann, der aber aus meiner Sicht schon eine Generation älter war als Jochen, Bernadette und ich, entstand »Fast Weltweit«. Jedenfalls war Bernd dann auch derjenige, der als erster nicht mehr da war – sondern in Hamburg. Sein Auftakt dort mit seiner Band Die Antwort war dann der Beginn für all das, was danach mit uns allen in Hamburg passierte. Er knüpfte auch den Kontakt zu Leuten wie Detlef Diederichsen oder Alfred Hilsberg und zu Bands wie Saal 2.

Die Sterne sind dann erst in Hamburg richtig wahrgenommen worden.

Ich war da erst einmal gar nicht so aktiv. Es gab ja Die Sterne auch schon in Ostwestfalen, allerdings ging ich mehr oder weniger allein nach Hamburg und gründete dort mit neuen Musikern eine Band, die auch wieder Die Sterne hieß.

Es war aber insgesamt eine Bruchphase von bestimmt zwei Jahren. Hätte ich mir damals einen neuen Bandnamen überlegt, hätten Die Sterne nichts mit der alten »Fast Weltweit«-Szene am Hut gehabt. Es gab aber in Hamburg auch Leute wie Knarf Rellöm, die den Output von »Fast Weltweit« schon auf dem Schirm hatten. So war man sehr schnell gut vernetzt in der Hamburger Szene.

Dort waren gerade auch die Brüder Chris und Carol von Rautenkranz zugange und gründeten das Label »L’âge d’or«, später Lado genannt.

Die Rautenkranz-Brüder hingen ja auch vorher auf dem Land herum, nämlich in Pinneberg. Die haben – ganz ähnlich wie wir in Ostwestfalen – angefangen, in Hamburg-Altona Partys zu organisieren. Dort sammelten sich viele junge Leute, die Medien fingen an, davon zu berichten, und plötzlich ging wirklich was ab. So läuft die Dynamik in den Medienstädten ja meist. In den Metropolen haben die Medien immer Angst, etwas zu verpassen, das würde einem auf dem Dorf nicht so schnell passieren.

Die Kolossale Jugend war in der besagten Szene damals die erste wichtige Band. Und das hat einem Teil der Szene Auftrieb gegeben. Vor allem den deutschsprachigen Bands, allen voran natürlich Tocotronic. Aber anfänglich war Lado viel heterogener. Mit Zappa-beeinflussten Bands wie Carnival of Souls oder englischsprachigen Bands wie Hallelujah Ding Dong Happy Happy.

Die Sterne waren von Anfang an sehr funky – im Vergleich zu all den anderen Bands der Hamburger Schule jedenfalls. Man hörte die Nähe zu Madchester raus, aber auch zu HipHop. War das nicht vielleicht auch störend, immer im gleichen Atemzug wie Tocotronic genannt zu werden, bei einem Publikum, das vielleicht doch eher Rockmusik wollte?

Alles, was groovte, interessierte uns. Ich weiß nicht, ob wir nicht selbst auch ein bisschen schuld waren mit der Auswahl unserer Singles wie »Universal Tellerwäscher« oder »Was hat dich bloß so ruiniert?«. Also daran, immer in die Hamburger-Schule-Schublade gesteckt zu werden. Diese Songs waren ja gar nicht so groovy. Da wurden wir eher wahrgenommen wie die Kings Of Convenience, die auch immer nur als Akustik-Folk-Band gehört werden, aber auch eine sehr stark groovende Rhythmus-Gruppe haben, was kaum einer beachtet. »Universal Tellerwäscher« kommt ja auch eher folkig rüber. Dabei hat der Song schon extrem viele Anleihen beim New-School-HipHop.

Da ging es plötzlich darum, nicht immer auf den Endreim raus zu wollen. Die Kunstform des Rap weiterzuentwickeln. Das hat uns damals extrem beeinflusst. Bei Stücken wie »Themenläden« hört man das am stärksten raus, finde ich. Klingt musikalisch aber aus heutiger Sicht schon fast wie Cappuccino-Rap.

Ist damit der Rapper Cappuccino gemeint?

Das weiß ich leider auch nicht so genau. So hat man damals immer diesen Wohlfühl-HipHop genannt von Bands wie Freundeskreis mit Songs wie »A-N-N-A«. Aber unsere Texte waren ja viel sperriger. Diese Zeit hat den HipHop unglaublich geprägt. Von da an wurde es erst richtig spannend, finde ich. Diesen komischen Knatter-Rap aus den achtziger Jahren, den will ja heute niemand mehr hören: Da-Da-Da-Da-Da-Da, Du-Da-Da-Da-Da-Da-Da-Da …

»Consciousness« war damals plötzlich so ein Wort. Sich assoziativ und abstrakt im Rhythmus der Musik gedanklich zu bewegen. Mit völliger Selbstverständlichkeit wurde ein immer größeres Publikum mit der neuen Sprechposition konfrontiert.

Klar, man hatte im »Stream Of Consciousness« plötzlich das Gefühl, live beim Assoziieren des Texters dabei zu sein. Das hat es vorher so noch nicht gegeben.

Zu dieser Zeit besaßen die gegensätzlichen Begriffe »Indie« und »Major« noch starkes Konfliktpotential. Man positionierte sich als Indie-Band meist ganz eindeutig gegen die Kulturindustrie. Ihr seid relativ schnell in beiden Welten unterwegs gewesen. Aber die Massen konnten euch nur bis zu einem bestimmten Punkt folgen...

Ich habe nie für die Massen getextet! Das war sicher aus einer kommerziellen Sicht heraus auch immer ein Problem. Aber ich glaube, es funktioniert sowieso andersrum. Auf uns sind ja damals Vertreter der Major-Welt zugekommen. Die hatten einfach das Gefühl, dass es mit den Sternen funktionieren könnte.

Eine Art Wette.

Klar, eine Wette auf die Zukunft. Ich glaube auch, dass sie am Ende nicht so falsch mit uns lagen. Wir haben uns ja auch nie in einer Ecke außerhalb des Mainstreams verortet. Wir wollten, wie eigentlich jede andere Band auch, immer so viele Leute erreichen wie eben möglich. Aber klar, am Ende ist man dann enttäuscht, wie wenige Menschen mehr dann mit Hilfe eines Major-Labels erreicht werden. Das Bedürfnis der Indie-Fans ist ja oft, eine einmal entdeckte Band so ein bisschen für sich behalten zu dürfen, während auch die Indie-Band immer mehr Fans für sich generieren will.

Wir haben jedenfalls nie daran gedacht, uns einer wie auch immer gearteten Idee von Mainstream anzupassen. Das wäre sicher auch falsch gewesen. Die Majors wollen ja auch immer Produkte, die die Konkurrenz noch nicht hat.

Aber die Produktionsmittel ­haben sich in Kooperation mit den Majors damals für euch ­verändert.

Natürlich war mehr Geld da. Aber wir haben weiter mit Chris von Rautenkranz im Soundgarden-Studio in Hamburg aufgenommen und produziert. Das meiste Geld wurde damals für das Marketing ausgegeben. Das fließt ja nicht in die eigene Tasche. Mindestens die Hälfte des Geldes für teure Videos! Es war die große Zeit des Musikfernsehens damals. Und von den Kosten wird einer Band ja am Ende immer auch noch die Hälfte in Rechnung gestellt.

Was aber die meisten Künstler erst dann bemerken, wenn sie schon Abertausende Euro für Videos ausgegeben haben.

Klar, und erst dann merkt man, dass man aus den Schulden wahrscheinlich nie wieder rauskommen wird. Aber das war nie wirklich ein Problem für uns. Wir hatten schnell eine große Fangemeinde und haben unser Geld mit Live-Auftritten verdient. Und unser Umfeld, von Leuten wie Ted Gaier als Videoproduzent bis zu den Lado-Leuten, die haben ja alle mitverdient an unseren Majordeals. Wir haben eine ganze Szene in Lohn und Brot gebracht.

Major-Musikverlage haben damals auch fleißig in die Szene in Hamburg investiert. Aber nach außen hat der Indie-Fan immer nur coole, unabhängige Labels und Bands wahrgenommen. Die Geldgeber saßen im Hintergrund.

Klar, die sitzen immer im Hintergrund. Und wenn es nur die Sparkasse aus Pinneberg ist. Es war aber ja auch immer schon eine kluge Investition der großen Verlage, in junge Künstler und Künstlerinnen zu investieren. Und je größer so ein Apparat ist, desto mehr Rückschläge kann er verkraften. Also, wenn man auch mal von Misserfolgen spricht. Aber es muss ja weiter investiert werden. Und das in der Absicht, Gewinne zu erzielen. Normale Kapitalakkumulation. Und den Gewinn haben die großen Firmen mit uns auch eingefahren.

Wenn man allein an die langen Vertragslaufzeiten denkt. Geschenkt wird einem bekanntlich nichts. Meist hat der Musiker auch keine andere Wahl, als zu einem Verlag als einer Art Bank zu gehen. Nur nimmt der leider 40 Prozent deiner Einkünfte bei der Gema als Zinsen. Auf Lebenszeit.

Habt Ihr Euch damals keine Gedanken über die Konsequenzen solcher Vertragsunterzeichnungen gemacht?

Doch, wir haben uns immer wahnsinnig viele Gedanken über alle möglichen Strukturen gemacht, aber es hat trotzdem nichts genützt. Schon bei »Fast Weltweit« hatten wir mit Frank Werner einen Medienwissenschaftler in unseren Reihen. Er hat immer sehr interessiert sehr viel erzählt, auch zum Thema Selbstprofessionalisierung.

Wir waren ja auch alle irgendwie in humanwissenschaftlichen Studiengängen eingeschrieben. Und wenn man zur Uni gegangen ist, dann hat man sich auch mit solchen Fragen beschäftigt. Klar gab es damals die Idee, das bestehende Oligopol auf dem Popmarkt aufzubrechen. Wir haben da ja mittlerweile nur noch drei große Firmen auf dem Weltmarkt: Warner, Sony und Universal. Aber es gibt dann auch immer wieder die Leute in unseren Reihen, die auch darin nur einen Widerspruch sahen. Also dass man auch nur ein kapitalistischer Kleinunternehmer wird mit seinem eigenen Indie-Laden.

Nun seid ihr mit dem eigenen Label »Materie« wieder beim Do-it-yourself-Modell gelandet. Am Ende wohl alles nur eine Frage, wie viele Widersprüche man in dieser Welt aushalten kann? Die Sterne konnten aber anscheinend immer sehr viele Widersprüche aushalten und feiern nun ihren 25. Geburtstag.

Naja, was heißt Widersprüche aushalten? Wir waren tatsächlich nie der Meinung, dass die großen Fragen und Probleme unserer Gesellschaft von kleinen Indie-Bands gelöst werden können. Wir wollten mit den Sternen einfach immer unseren eigenen kleinen Laden – allein um der Demokratie eine weitere Stimme zu geben. Um frei sein zu können in unseren künstlerischen Entscheidungen. Und ich glaube nach wie vor daran, dass es wichtig ist, dass Meinung abseits des Mainstreams auf eigenen Wegen abgesondert werden kann. Nicht nur im politischen Sinne, sondern vor allem auch in einem ästhetischen Sinne. Um die Gedankenwelt vielfältig zu bereichern. Allein der Kunst wegen!

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