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Johann Voigt: Rap Album Two von Jonwayne
Jungle World Nr. 10, 9. März 2017dschungel

Nachdenklicher Antiheld

Introspektion und Piano-Samples prägen den Geek-Rap von Jonwayne. Sein aktuelles Album »Rap Album Two« belohnt intensives Zuhören.

von Johann Voigt

Was sind schon Äußerlichkeiten? (Fast) alles, denn immerhin definiert sich der Großteil der Rapszene mehr oder weniger bewusst noch immer über Kleidungscodes und Hypermännlichkeit. Der Kalifornier Jonwayne performt währenddessen im Outfit eines Antihelden, mit Trekkingsandalen und langer Tolle – eine Absage an die HipHop-Klischees, deren Gültigkeit ohnehin seit einiger Zeit immer fragwürdiger wird.

Als weißer Rapper aus der Mittelschicht geht es ihm nicht um sozialen Aufstieg und kulturelle Selbstermächtigung, dafür aber um geistige Suche im Inneren. Jonwayne, daran lässt sein zweiter Longplayer »Rap Album Two« keinen Zweifel, ist ein rappender Philosoph, der sich in der Selbstversunkenheit, so klingt es fast, noch vor Ende der Platte beinahe verloren hätte. In den zurückliegenden dreieinhalb Jahren, die seit Erscheinen seines Debütalbums »Rap Album One« vergangen sind, führte er zumindest seelisch ein Einsiedlerdasein, war der vollständigen geistigen Zermürbung wohl ziemlich nah und betäubte die Sinne immer dann mit Alkohol, wenn die lösungslose Selbstbefragung nicht mehr zu ertragen war. Und irgendwann wurde alles ausgekotzt, erst ins Klo, dann in Songs. »These demons in my ear make me feel misunderstood«, heißt es gleich auf dem Opener »TED Talk«. Und: »Where the beer flows like memes, seeded without a peer/See I had it up to here, all these doubters in my ear/Tryna tell me I don’t have the whole world up on my spear«.

Diese Introspektion wirkt auf seinem neuen Album zunächst scheußlich, dann aufrüttelnd und schließlich motivierend, weil sich da einer traut, frei über Selbstzweifel und Alkoholismus zu sprechen, und es schafft, sich der schillernden Selbstdarstellung zu entziehen. Mit einer Stimme, die ein unendliches Volumen zu haben scheint, rappt sich Jonwayne voller Ruhe die Seele rein, wird dabei von hart klackernden Drumloops und möglichst unsauber geschnittenen Samples aus uralten Pianostücken unterstützt. Die gab es schon zu hören, als Jonwayne mit dem im Internet gratis herunterladbaren Instrumental-Album »Here You Go« 2015 doch noch mal von sich hören ließ, bevor er in der Versenkung verschwand.

Jonwaynes musikalische Basis ist die Erforschung abstrakter Beats, die in Los Angeles bei der regelmäßigen Clubnacht Low End Theory und auf dem Label Brainfeeder seit einigen Jahren beheimatet ist. Die perkussiven Strukturen des HipHops der neunziger Jahre werden da aufgebrochen und neu zusammengesetzt, Samples aus bisher wenig beachteten Soul- und Jazz-Platten so abstrakt verstrickt, dass sich die Resultate letztlich selbst zu mit Computern und Drum Machines programmierten Jazzabwandlungen entwickeln. Der Produzent Flying Lotus ist der Kopf dieser Strömung, ganz so verwirrend wie dessen Beat-Experimente klang Jonwayne aber nie – und auch keineswegs antiquiert trotz der altehrwürdigen Sample-Quellen.

Der Sound korrespondiert sehr gut mit Jonwaynes lyrics. Es wirkt, als ob im Hintergrund Bukowskis Schatten geisterte. Denn fast wie von selbst denkt man beim Hören an den Autor, den Alkohol zu Lebzeiten ins Gefängnis und in die Psychiatrie brachte, der zeitweise in billigen Pensionen lebte und sich ob mangelnden Erfolgs mit einem Job bei der Post über Wasser halten musste. Jonwayne besitzt wie Bukowski das Talent zur Selbstkritik, die in Selbstdiffamierung ausufern kann. Ein aufkeimender Ekel vor der Welt, manchmal auch vor sich selbst, der sich schließlich in Angst verwandelt – auch zu finden in vielen Bukowski-Werken – war am 25. Mai 2014 beinahe der Todesstoß für den Rapper: Fast hätte er sich ins Jenseits getrunken. Erst im Dezember des letzten Jahres thematisierte Jonwayne in einem offenen Brief auf Facebook seine Sucht und stieß auf Verständnis, auf das er eigentlich nicht gehofft hatte.

Innerhalb der Rapszene hat Jonwayne ohnehin eine Sonderstellung, er wird weder von den großen Medien hofiert, noch zieht er in den USA eine tanzende Teenager-Meute in Multifunktionsarenen. Einen richtigen Hit landete er nie, das gibt seine Musik nicht her, weil sie fordernd ist, am Gängigen vorbei produziert. Sie verschließt sich all jenen, die es verlernt haben, intensiv und ohne Ablenkung zuzuhören.

Wer nicht zuhört, verpasst ästhetisch einwandfreien Geek-Rap mit aufblitzenden Harmonien, der ohne dezidierte Polit-Statements auskommt. Die haben in den letzten Monaten ja schon Rapper wie Common oder Gruppen wie A Tribe Called Quest und Run The Jewels geliefert. Dafür aber ist »Rap Album Two« vor allem eines: grundehrlich. Jonwayne verdreht nichts, verschweigt nichts, er bleibt bei der Wahrheit, die wehtun kann. In gewisser Weise wird das Album, ob gewollt oder ungewollt, so doch politisch. Es setzt auf das menschliche Vermögen der Reflexion eigener Schwächen, die Verletzlichkeit. Das ist letztlich wohl mehr wert als perfekt inszenierte Social-Media-Accounts oder der hundertste Protest-Popsong voller Plattitüden.

Jonwayne: Rap Album Two (Authors Recording Co./Alpha Pup Records)

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