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Christian Werthschulte: Mark Fishers Suche nach der verlorenen Zukunft der Popmoderne
Jungle World Nr. 11, 16. März 2017dschungel

Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft

Mark Fisher folgt auch in seinem posthum erschienenen Buch »The Weird and the Eerie« den Spuren der verschütteten Popmoderne. Wie sein ganzes Werk ist es ein Antidot gegen den postlinken Fatalismus.

von Christian Werthschulte

Der 12. Februar 2017 war ein Sonntag, wie ihn nur London hervorbringen kann. Über den Betontürmen des Barbican in der City of London hing ein grauer und nebliger Himmel, ein eiskalter Wind zog durch die verlassenen Straßen. Die Wohnbevölkerung ist fast vollständig aus der City verdrängt, am Wochenende bezeugen lediglich die Pförtner der Bürohochhäuser, dass der wichtigste Finanzplatz Europas unter der Woche voller Menschen ist.

»Raum ist die Ware überhaupt«, schrieb der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher im Jahr 2012. »London ist eine besiegte Stadt; sie gehört dem Feind.« Auch Mark Fisher gehört zu den Besiegten. In der zweiten Hälfte der nuller Jahre war er mit seiner Familie vor den horrenden Wohnkosten in der Hauptstadt nach Suffolk, an die englische Ostküste, geflohen. Kurz zuvor hatte er das Debütalbum des Dubstep-Enigmas ­Burial rezensiert. Fisher entdeckt in den verhallten Breakbeats und geisterhaften Stimmfetzen ein London, das von einer »verlorenen Zukunft« heimgesucht wird; den »Schmerz ihrer Unerreichbarkeit« drücke Burial aus. Burial gehört zu jenen, deren Musik Fisher mit dem Schlagwort »Hauntology« charakterisierte, das er aus Jacques Derridas Schrift »Marx’ Gespenster« entlehnt hatte. Im Klang des Gespenstischen sind die untergegangenen Utopien einer besseren Zukunft aufgehoben.

Das Unmöglich Scheinende als erreichbar zeigen: Wandbild vor vorschriftswidrig abgestelltem Fahrrad, Goldsmiths College, London
Das Unmöglich Scheinende als erreichbar zeigen: Wandbild vor vorschriftswidrig abgestelltem Fahrrad, Goldsmiths College, London (Foto: Natasha Eves)

Der »Schmerz der Unerreichbarkeit« einer besseren Zukunft – diese Worte hallen nach, als sich an diesem nasskalten Sonntag 300 Menschen in der Aula des Goldsmiths College in Südlondon treffen: Journalisten, Akademiker, Musiker, Studierende. Sie eint, dass sie Freunde von Mark Fisher sind und nun ohne ihn für diese bessere Zukunft kämpfen müssen. Fisher hatte sich einen Monat zuvor, am 13. Januar, im Alter von 48 Jahren das Leben genommen, nachdem er mehr als ein halbes Jahr lang unter einer schweren Depression gelitten hatte. »Ob sein Tod hätte verhindert werden können, wenn die medizinische Versorgung psychischer Krankheiten nicht am Zusammenbrechen wäre, werden wir niemals wissen können – aber wir können sicher eine Vermutung wagen«, erklärte Fishers guter Freund und Kollege, der Soziologe Jeremy Gilbert, in seiner Trauerrede.

Mark Fisher hat seine Depression immer politisch verstanden, als »internalisierten Ausdruck realer sozialer Kräfte« – als ein Produkt der Klassengesellschaft: »Für diejenigen, die von Geburt an lernen, sich selbst als minderwertig zu begreifen, werden auch Qualifikationen und Reichtum selten ausreichen, um – entweder in der Eigenwahrnehmung oder in der Wahrnehmung anderer – das ursprüngliche Gefühl der Wertlosigkeit auszulöschen, dass sie so früh in ihrem Leben markiert hat.« Fisher, als Sohn eines Elektrikers aufgewachsen, konnte seine Klassenherkunft selbst dann nicht hinter sich lassen, als er längst auf einer festen Stelle am Goldsmiths College arbeitete und Vorträge in ganz Europa hielt. Vermutlich wollte er es auch nicht. Stattdessen arbeitete er daran, die Volkskrankheit Depression zu politisieren. »Wann wird das Sprechen über Gefühle ein politischer Akt?«, fragt er in »Anti-Therapie«, einem seiner letzten Texte, und beantwortete diese Frage folgendermaßen: »Wenn es Teil einer Praxis der Bewusstseinsbildung ist, durch die die unpersönlichen und intersubjektiven Strukturen sichtbar gemacht werden, welche in der Regel von der Ideologie vernebelt sind.«

Ein Schritt in diese Richtung war sein Versuch, innerhalb des Netzwerks »Plan C« eine Praktik aus der Blütezeit des Zweite-Welle-Feminismus in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern wiederzubeleben: das »Consciousness Raising«. Ausgehend von einem konkreten Alltagsproblem arbeiten sich die Betroffenen zu seinen ökonomischen und sozialen Ursachen vor. Fisher verteidigte diese Praxis der autonomen Bildung und Selbstorganisation sowohl gegen den bürokratischen Apparat der neoliberal geprägten Labour-Partei als auch gegen eine akademische Linke, der er vorwarf, unter dem Etikett der Intersektionalität hauptsächlich an der Zuweisung von Schuldgefühlen und fixierten Identitäten ­interessiert zu sein anstatt an einer solidarischen Praxis unterschiedlicher Kämpfe.

Fishers Netzwerke waren vielfältig und so selbstorganisiert wie möglich. Als Student an der Universität Warwick war er Teil der Cybernetic Culture Research Unit (CCRU), aus der später das Musiklabel Hyperdub hervorgehen sollte. In den nuller Jahren arbeitete er in einem Blognetzwerk beispielsweise mit dem marxistischen Architekturkritiker Owen Hatherley oder der Philosophin Nina Power an feministischen und linksradikalen Interventionen in den Kulturjournalismus. Das Trio veröffentlichte 2009 die ersten Bücher der von Mark Fisher mitbegründeten Reihe Zero Books, die mit ihren essayistischen Texten zwischen Philosophie, Politik und Popkultur schnell Anklang in der britischen Linken fand. Als der Verleger der Reihe, ein obskurer Esoterik-Verlag, den Autoren und Herausgebern von Zero Books zu viele Probleme machte, gründete Fisher 2014 mit ein paar Genossen den eigenen Verlag: Repeater Books.

Dort ist kurz nach Fishers Tod ein neues Buch von ihm erschienen: »The Weird and the Eerie«. Es wirkt zunächst wie ein Vermächtnis, aber die Texte, die das Buch versammelt, hatte Fisher größtenteils bereits auf seinem Blog K-Punk oder als Filmkolumnen bereits veröffentlicht. »The Weird and the Eerie« ist eine Forschungsreise in den »Pulp Modernism«, jene Formen der Popkultur, in denen sich für Fisher der Erkenntnisreichtum des Hochmodernismus des frühen 20. Jahrhunderts fortsetzt – nicht umsonst entwickelt er seine Begriffe des weird und des ­eerie in Anlehnung an Freuds Begriff des Unheimlichen. So wird deutlich, was verloren geht, wenn man diese Begriffe mit »verquer« und »furchterregend« übersetzt. Freuds »Unheimliches« adressiert das Heimelige, das Innere, während man sich auf der Suche nach »The Weird and the Eerie« auf einmal draußen wiederfindet – im Fantasy-Universum von H. P. Lovecraft oder der evakuierten, abgesperrten und vom Militär gesicherten »Zone« aus Andrej Tarkowskijs Film »Stalker« –, und von dort draußen einen Einblick in das Innere erhält. Fisher misstraute dem Realismus, gleichgültig ob es sich dabei um den Proleten-Porno in Reality-TV-Shows wie »Benefits Street« oder um den wohlmeinenden Sozialrealismus von Ken Loach handelt. Ein Gegenmittel findet er in Horror, Science-Fiction und Post-Punk-Surrealismus.

»The Weird« ist dadurch gekennzeichnet, dass es eigentlich fehl am Platz ist. Seine prototypische Form ist die Montage, so wie sie Mark E. Smith von The Fall praktiziert, wenn er in »City Hobgoblins« eine Stadt beschreibt, die nachts von Kobolden heimgesucht wird. Fisher erkennt darin einen Kampf um Repräsentation. Die Kobolde stören die Ordnung des viktorianischen England als eine Heimsuchung, so wie auch The Fall eine gesellschaftliche Ordnung dadurch stören, dass sie als Arbeiterklassenband experimentelle, modernistische Popmusik machen. H. P. Lovecraft produziert den »Weird«-Effekt dagegen nicht nur mit seinen übernatürlichen Figuren, sondern auch mit einer »ontologischen Anomalie«, dem Anmerkungsapparat im »Necronomicon«, der eine Faktizität seiner Kreaturen bezeugen soll: »Lovecraft de-realisiert das Faktische und real-isiert das Fiktionale.«

»The Eerie« dagegen wird von Fi­sher als Unbekanntes charakterisiert, das verschwindet, sobald Wissen hergestellt wird. Ein Vogelschrei etwa, für Fisher ein Zeichen des »Scheiterns von Abwesenheit«, bleibt so lange furchteinflößend, bis geklärt ist, warum der Vogel schreit. Der Containerhafen in Fishers Wohnort Felixstowe dagegen verkörpert »The Eerie« durch ein »Scheitern von Anwesenheit«. Wo man Stimmen und Zeichen des gesellschaftlichen Beisammenseins erwartet, dominieren nichtorganische Metallklänge die akustische Szenerie: »Der Hafen (…) ist Teil einer materiellen Infrastruktur, die die Illusion begünstigt, es gäbe einen ›immateriellen‹ Kapitalismus. Er ist die eerie Unterseite des mondänen Glanzes der gegenwärtigen Form des Kapitals.« Infrastruktur und Landschaften sind die Dinge, die am ehesten eine Vorstellung davon transportieren können. Fisher liest sie als historische Zeichen. Die kanadische Wildnis in Margaret Atwoods Roman »Der lange Traum« (1972) etwa wird in seiner Lesart zu einem Ausdruck eines postpsychedelischen Ozeanischen. Die Protagonistin hat in der Gegenkultur der Sechziger die symbolische Ordnung, zu der sie als Frau eh niemals vollständig gehörte, in Frage gestellt und sucht nun nach dem vorübergehenden Scheitern der Gegenkultur nach einer neuen Sprache.

In den letzten Jahren interessierte sich Fisher genau für diesen Umbruch und das Unvermögen, die Gegenkultur wieder in den kapitalistischen Normalbetrieb zu integrieren. »Acid Communism«, das Buch, das sich zum Zeitpunkt seines Todes im Manuskriptstadium befand, war ein Projekt, den Neoliberalismus als politische Ideologie zu beschreiben, der in den frühen Siebzigern zuerst dazu diente, die Gegenkultur der späten sechziger Jahre und ihre radikale, psychedelische Kritik an der Lohnarbeit zu bekämpfen.

Fisher skizziert ein Boheme-Milieu, einen »Psychedelic Shack« (The Temptations), in dem sich Bürgerkinder in Klassenverrat übten, während die durch den Sozialstaat mit Freizeit gesegneten Arbeiterkinder neue Modelle für Klassenzugehörigkeit entwarfen: »Eine neue Menschheit, ein neues Sehen, ein neues Denken, ein neues Lieben: Das ist das Versprechen von ›Acid Communism‹ und dieses Versprechen konnte man in ›Psychedelic Shack‹ und der Kultur, die von ihm inspiriert war, hören.« Für Fisher ist die Gegenkultur die treibende Kraft hinter der Arbeiterradikalität der siebziger Jahre – ein dringend notwendiger Gegenentwurf zum postlinken Fatalismus des »neuen Geist des Kapitalismus«.

In der Nacht vor der Trauerfeier zum Tod von Mark Fisher haben seine Studierenden ein Wandbild am Goldsmiths College angebracht. Es ist ein Zitat aus seinem ersten Buch »Kapitalistischer Realismus«, das der Freiheitsrhetorik des Neoliberalismus die depressive und durchbürokratisierte Realität seines Bildungswesens entgegenstellt: »Emanzipatorische Politik muss immer den Anschein einer ›natürlichen Ordnung‹ zerstören und das als notwendig und unausweichlich Dargestellte als reine Kontingenz aufdecken. Ebenso muss sie das als erreichbar sichtbar machen, was zuvor als unmöglich erschien.« Die Studierenden haben dazu den ersten Schritt gemacht. »Postcapitalist Desires«, den Kurs, den Mark Fisher zum Zeitpunkt seines Todes unterrichtet hat, führen sie nun selbstorganisiert weiter. Lernen ohne Manager – Mark Fisher würde das gefallen.

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